Filmtipp #145: Gefährlicher Urlaub

Gefährlicher Urlaub 

Originaltitel: The Man Between; Regie: Carol Reed; Drehbuch: Harry Kurnitz, Eric Linklater; Kamera: Desmond Dickinson; Musik: John Addison; Darsteller: James Mason, Claire Bloom, Hildegard Knef [Hildegarde Neff], Geoffrey Toone, Aribert Wäscher. GB 1953.

The Man Between

In einem Fernsehinterview mit Friedrich Luft resümierte Hildegard Knef 1967: »Ich habe mit bedeutenden Regisseuren unbedeutende Filme gedreht«, und spielte damit wohl unter anderem auf Henry Hathaway, Julien Duvivier, Claude Chabrol und Sir Carol Reed an, mit dem sie diesen packenden Thriller machte, dem seinerzeit der hohe Erwartungsdruck der Kritiker zu schaffen machte und ihn schließlich absaufen ließ. Reed hatte zuvor den instant classic »The Third Man« (1949, mit Orson Welles und Joseph Cotten) zu einem Welterfolg gemacht und war gerade erst vom englischen König in den Adelsstand erhoben worden; natürlich schaute die Weltpresse ihm nun genau auf die Finger, als er im Februar 1953 im noch immer zerbombten Berlin die Arbeit an »The Man Between« aufnahm. Schon der Titel nimmt indirekt Bezug auf den im Nachkriegs-Wien spielenden »Third Man«, und auch thematisch lässt sich eine gewisse Nähe nicht leugnen. Nur: »The Man Between« wurde kein zweiter »The Third Man«, kein Meisterwerk. Was allerdings nicht Reeds (souveräner) Regiearbeit geschuldet ist, sondern dem halbgaren Drehbuch von Kurnitz und Linklater, dessen große Schwäche in der allzu schwachen Zeichnung der Figuren liegt. Nicht einmal die Hauptfiguren — Mason, Bloom, Knef — werden glaubwürdig umrissen, und darum mag uns auch ihr Schicksal nicht so recht berühren. Dennoch gelang Reed ein stimmungsvoller Spionagefilm mit hochspannenden Sequenzen. Der Einsatz von Originalschauplätzen, die das zerstörte Berlin als deprimierende, düstere Mondlandschaft zeigen, die anscheinend von ebensolchen Menschen bevölkert wird, ist — wie bei »The Third Man« — sehr gelungen und macht das Werk heute zu einem interessanten Zeitdokument. Von »The Man Between« geht eine kalte, unwirtliche Atmosphäre aus, die auch die verhaltene Romanze von Mason und Bloom nicht zu erwärmen vermag.
     Claire Bloom, die sich nach Charlie Chaplins »Limelight« (1952) gerade in ihrem ersten Karrierehoch befand, spielt die junge Engländerin Susanne Mallison, die ihren Bruder Martin (Toone) und dessen geheimnisvoll-kühle deutsche Frau Bettina (Knef) in Berlin besucht und dort rasch in ein undurchdringliches Netz aus Erpressung, Verrat und Mord gerät. James Mason, hier bereits zum zweiten Mal unter Reeds Ägide auftretend, gibt den ehemaligen Anwalt Ivo Kern, der unter den Nazis an diversen Gewalttaten beteiligt gewesen war und nach dem Krieg nun für die Kommunisten in Deutschland arbeitet. Er verkauft ihnen Gutachten über Bürger, die dann entführt und in den Ostblock verschleppt werden. Eigentlich möchte Ivo gerne in den Westen, was aufgrund seiner Vergangenheit jedoch unmöglich ist. Als versehentlich Susanne entführt wird, will er sie wieder zurück in den Westen bringen — und hofft dabei auf die Möglichkeit, sich absetzen zu können…

Selbst heute scheut sich die Kritik nicht, unfaire Vergleiche zum »Third Man«. Kostproben: »Ein perfekt und kühl konstruierter Krimi und Polit-Thriller mit wenig überzeugendem Zeit- und Lokalkolorit. Dem Vergleich mit Reeds stofflich und atmosphärisch viel dichterem ›Dritten Mann‹ hält der Film nicht stand.« (»Lexikon des Internationalen Films«)
     »›The Man Between‹ ist gut gemacht und hervorragend gespielt, doch im Gegensatz zu ›Der dritte Mann‹ hat es Carol Reed diesmal nicht verstanden, eine emotional packende Geschichte zu erzählen.« (»TV Spielfilm«)
     Ich empfehle übrigens, diesen Film in der Originaltonfassung zu sehen, die deutsche Synchronisation macht hier mal wieder viel zunichte. Der auf einem Zeitungsroman basierende Streifen wurde unter anderem am Flughafen Tempelhof, am Moritzplatz, am Funkturm und an der Gedächtniskirche gedreht, die Studioaufnahmen entstanden in den altehrwürdigen Shepperton Studios in der Nähe von London.

Für Hildegard Knef war »The Man Between« nach vier Hollywood-Produktionen und einem Abstecher nach Frankreich der erste englische Film und karrieretechnisch ein gewaltiger Schritt nach vorn. 1954 folgte Svengali, 1958 Subway in the Sky. In den sechziger Jahren wurden ihre Auftritte marginaler: Die C-Movies »Mozambique« (Regie: Robert Lynn) und »The Lost Continent« (Regie: Michael Carreras) wurden ihre letzten englischen Produktionen.
     »Es ist Februar 53. In Berlin beginnen die Außenaufnahmen für einen englischen Film, den Carol Reed inszeniert. Ruinen sind beliebte Kulisse für ausländische Filme geworden. Deutsche Produktionen gehen den Trümmerfeldern aus dem Weg, sie siedeln ihre Geschichten in lauschigen Wäldern und Marktflecken an, oder in der Villa eines in feinnervige Probleme verstrickten Konsuls/Chirurgen/Dirigenten, der den Krieg über kerzenbeleuchteten Hauskonzerten verpasst zu haben scheint.
     Sir Carol […] sieht aus wie jemand, der aus einem ordentlich gepackten Koffer Hemd und Hose hervorgezerrt, sie in Windeseile angezogen hat und ungefrühstückt losgerannt ist; halbnasses Haar und Zahnpastareste auf Kinn unterstreichen den Eindruck dringenden Aufbruchs. Er läuft, wie ein Haifisch schwimmt, seine Hände bleiben fast immer in der Stellung, als wollten sie einen Ball auffangen. Wenn er nachdenkt, reibt er kurz die Stirn mit abgewinkeltem Daumen. Er trinkt Gin und wird nie betrunken, er isst selten und ohne Interesse, er schläft kaum.
     Bei der Arbeit lässt er sich Zeit. Der Film dauert fünf Monate. Am ersten Tag drehen wir zwischen den Trümmern des Lützowufers; achtundfünfzigmal lässt er mich aus einem Taxi steigen und auf ein einsames Haus zugehen. Beim vierzigsten Mal fragt er: ›Ist dir kalt?‹
     ›Nein.‹
     ›Bist du müde?‹
     ›Nein.‹
     Nach dem achtundfünfzigsten Mal kommt er auf mich zu, grinst, sagt: ›Gewonnen.‹ Von da an waren wir Freunde. Ich hatte seinen Durchhaltetest bestanden. Abends kommen wir zum Kurfürstendamm: Schaschlikbuden, wo mal Häuser waren, zaghafte Lichtreklamen, Nachtklubs, brave Auslagen, Schmuck, Kleider, Blumen. Über die wenigen Kinos verteilt laufen vier meiner Filme gleichzeitig. Er sieht die Plakate, schiebt die Hände in die Taschen des wehenden Mantels, sagt: ›Selbst wenn alle gut wären, ist es zu viel.‹« (Hildegard Knef, »Der geschenkte Gaul«)

André Schneider

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