8. Januar 2008

Der Versuch, Hildchen zu entkommen

Kaum eine Künstlerin kann eine so vielseitige Karriere vorweisen wie Hildegard Knef. Lange vor Madonna war sie die Dame, die sich selbst immer wieder neu erfand. Sie war Theaterschauspielerin (1945-47), Filmstar (1946-1954), Broadwaystar (1954-56), Chansonsängerin (ab 1962), Bestsellerautorin (ab 1970), Malerin (irgendwie immer mal so zwischendurch), Modedesignerin (vor allem in den 1990ern, um Kohle zu machen). Sie spielte im ersten deutschen Film nach dem großen Krieg die Hauptrolle, war 1950 die erste Nackte auf der Leinwand, war die erste, die sich nach 1945 nach Hollywood (Paris, London, zum Broadway) traute, die erste, die ihre eigenen Songtexte schrieb. Und so weiter. Sie war immer irgendwie die erste, die was tat. Und in allem war sie mehr oder weniger gut. Sehr ehrgeizig, diszipliniert und fleißig. Als Filmfreak hab ich mich immer besonders für ihr Filmschaffen interessiert. Da hat’s die Gute ja knüppeldick gekriegt. Abgesehen von drei, vier guten Nachkriegsfilmen in Deutschland — »Nachts auf den Straßen« (Regie: Rudolf Jugert) möchte ich an dieser Stelle besonders hervorheben — drehte die Frau konsequent schlechte Filme. Ihre Ausflüge nach Hollywood (u. a. Night Without Sleep) brachten ihr zwar das Engagement am Broadway, sind aber heute nicht mehr von Belang. Nach ihrer Zeit am Broadway galt die Knef alias Hildegarde Neff in den USA als Star. Endlich standen ihr Türe und Tore offen. Da sie allerdings auf 44 Kilo abgemagert und nach rund 500 Vorstellungen ohne Urlaub völlig entkräftet war, traf sie eine beruflich fatale Entscheidung und machte zwei Jahre Urlaub in der Schweiz, lehnte kategorisch alle Filmangebote ab und malte. Die 20th Century Fox schmiss sie aus ihrem Vertrag, Hollywood war für sie passé, und in Deutschland drehte sie mit »Madeleine und der Legionär« (Regie: Wolfgang Staudte) eine Filmkatastrophe, die die neu gegründete Ufa ruinierte. Danach war ihre Zeit als Filmstar quasi vorbei. Sie drehte zwar noch regelmässig, aber fast immer im B- und C-Movie-Bereich. Ein paar (eingedeutschte) Titel: »Die Furchtlosen von Parma«, »Katharina von Russland«, »Der Frauenmörder von Paris«, »Geheimagentin in Gibraltar«, »Blonde Fracht für Sansibar«, »Bestien lauern vor Caracas«. Ja, man könnte es die geographische Phase der Knef nennen.

1978 spielte sie in Billy Wilders schlechtestem Film »Fedora« die Titelrolle. La Knef total over the top als randalierende Rollstuhlfahrerin, ein ehemaliger Filmstar, der nach einer misslungenen Schönheitsoperation auf einer griechischen Insel vor sich hin grummelt. Sie hatte dafür auf einen Oscar gehofft, doch da Billy Wilder sie für den US-Verleih komplett von einer anderen Schauspielerin nachsynchronisieren ließ, kam’s nicht einmal zu einer Nominierung.
Zehn Jahre später, am 8. Dezember 1988, kam dann nach langer Filmabstinenz diese Gurke in die Kinos: »Witchery«! Der Film stellte alles bisher dagewesene in den Schatten. Er wird in dem Buch »Alte Frauen in schlechten Filmen« ausführlich besprochen. Linda Blair, die ja immer dran glauben muss, und David Hasselhoff versuchen, auf einer Insel vor der Küste Massachusetts’ den dunklen Kräften der Knef zu entkommen. »Witchery« (Regie: Fabrizio Laurenti) heißt diese wahrhaft schockierende Schauermär um ein Spukhaus, das von dem Geist einer deutschen Schauspielerin (!) heimgesucht wird. Es werden Lippen zugenäht, die Blair hüpft beherzt aus einem (geschlossenen) Fenster (wirklich dumm, das), und einer Dame brechen die Fingernägel ab, als sie durch einen Schornstein gezogen wird. Das Werk gehört »offiziell« (= von US-Filmkritikern gewählt) zu den 100 schlechtesten Filmen aller Zeiten. Die Knef, frisch geliftet als Lady in Black, spielt etwas desolat mit einigen Voodoo-Puppen vor sich hin, rezitiert ihre eigenen Songtexte (»Die Herren dieser Welt«) und tut auch sonst einige gar schauerliche Dinge. Als der Film dann startete, verteidigte sie sich mit der Aussage, sie hätte für fünf Drehtage eine sechsstellige Gage erhalten (was wohl übertrieben gewesen sein dürfte): »Ich hatte gehofft, dass der Streifen bloß in Falkland von den Schafen gesehen wird…« — In der deutschen Synchronfassung hat sie die Stimme von Sophia Petrillo (»The Golden Girls«) verpasst bekommen. Die DVD kann man schon für umgerechnet einen Euro bestellen. Für die ganz, ganz furchtlosen Fans der großen Hilde und für die, denen »Bestien lauern vor Caracas« nicht gereicht hat, sicherlich ein Leckerbissen.

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