Filmtipp #112 & #113: Das Mädchen aus Hamburg & U-Bahn in den Himmel

In meiner Besprechung von Svengali und Jeder stirbt für sich allein ließ ich bereits ziemlich eindeutig durchklingen, wie verdammt schwierig es ist, in der Filmographie Hildegard Knefs einen guten Film zu finden. Auch bei den beiden heutigen Filmtipps handelt es sich um Werke, die vielleicht interessant, aber keinesfalls gut sind. Den ersten, »La fille de Hambourg«, zählte die Knef selber zu ihren persönlichen Lieblingsfilmen, und man sieht dem Streifen sein Potential auch an — leider wurde der fertige Film drastisch geschnitten, und der Rumpf, der nach den Verstümmelungen nun im Umlauf ist — die DVD ist in Frankreich erhältlich —, lässt eigentlich keine klare Beurteilung zu. Der zweite Film, das Krimidrama »Subway in the Sky«, findet in seiner Belanglosigkeit eigentlich nirgendwo Erwähnung. Beide Filme wurden 1958 gedreht, »La fille de Hambourg« zwischen April und Juni in Frankreich, »Subway in the Sky« im Herbst in London (er wurde am 9. Februar 1959 uraufgeführt).
     Anfang 1959 gab Hildegard Knef der Zeitschrift »Film und Frau« ein ungewöhnlich langes Interview, in dem sie sich über ihre Filmarbeit im europäischen Ausland ausließ: »In Frankreich und England bin ich bekannter als daheim. Allégrets ›Mädchen aus Hamburg‹ haben sie mir in Deutschland ja auch total verpatzt. Die große Liebesszene, aus der allein sich alles Weitere erklärt, diese 17 Minuten im Bett, in denen zwei Menschen die Träume ihres Lebens voreinander ausbreiten — die hat man auf zwei Minuten zusammengestrichen! Mit Recht fragen sich die Zuschauer da am Schluss: Warum bringt sich die Frau denn nur um? Als ich es Allégret nach Tahiti telegraphierte, war es zu spät, und ihn ging dieser Film ja auch längst nichts mehr an. Abgedreht — aus. In England hab ich ›Subway in the Sky‹ gedreht, eine sehr schöne Rolle, die man eigens für mich auf eine Kabarettsängerin umgeschrieben hat. Man sagte sich: Die Knef hat am Broadway ein Musical gespielt — da muss sie doch singen können. Klar kann ich singen. Zwei Jahre lang hab ich’s studiert. Es gibt Jazz-Platten von mir, die sogar gut sind. In Frankreich und in Amerika können Sie sie kaufen — in Deutschland nicht.«

Das Mädchen aus Hamburg

Originaltitel: La fille de Hambourg; Regie: Yves Allégret; Drehbuch: Yves Allégret, Maurice Aubergé, Frédéric Dard, José Bénazéraf; Kamera: Armand Thirard; Musik: Jean Ledrut; Darsteller: Daniel Gélin, Hildegard Knef [Hildegarde Neff], Jean Lefebvre, Daniel Sorano, Frédéric O’Brady. Frankreich 1958.

La fille de Hambourg

Der französische Matrose Pierre (Gélin) und das deutsche Mädchen Maria (Knef) lernen sich in den Wirren des Krieges kennen — sie versorgt ihn am Hamburger Hafen mit Zigaretten —, verlieren sich aus den Augen und treffen sich viele Jahre später im Amüsierviertel der Hansestadt wieder. Maria arbeitet inzwischen als Schlammcatcherin in einem heruntergekommenen Etablissement. Die Wiederbegegnung der beiden Liebenden endet in einer Tragödie: ein verpasstes Rendezvous, ein Schachzug des Schicksals, und Pierre und Maria kommen auf tragische Weise ums Leben.

Ein dramatischer Stoff, noch dazu mit Kriegshintergrund, ein gutes Drehbuch mit Dialogen, die zugleich realistisch und poetisch waren, ein für seine Feinfühligkeit bekannter Regisseur, der sein Metier routiniert beherrscht — die Zeichen für einen unvergesslichen Film standen günstig. Doch wie schon erwähnt…
     Die feinfühlig in Szene gesetzte Liebestragödie ist in den Ruinen dieses von den Verleihern um rund 30 Minuten gekürzten Streifens noch erkennbar, und zweifelsohne ist und bleibt »La fille de Hambourg« aufgrund seiner fabelhaften Hauptdarsteller sehenswert. Durch die Kürzungen indes wirkt das Handlungsgerüst brüchig, verworren und unglaubwürdig und die Regie unkonzentriert. Das letzte Drittel des Films scheint, als wären wahllos irgendwelche Szenen aneinander geklatscht worden.
     Allégret und seinen Stars sind allerdings auch unvergessliche Momente gelungen, die keine Schere zerstören konnte. Skurril der Auftritt Knefs im Catchring: sie suhlt und prügelt sich mit einer anderen Frau fast nackt im Schlamm. Daniel Gélin säubert ihr das Gesicht mit einem Tuch, die Kamera verliert sich in zarten Großaufnahmen der beiden.

Daniel Gélin war ein wunderbar sensibler und bemerkenswert kluger Schauspieler, sehr tüchtig und mit einer starken Ausdruckskraft. Zeitweise hatte er sich überarbeitet, drehte manchmal zwei Filme gleichzeitig, weil sein Agent die Termine durcheinander gebracht hatte. Die daraus resultierende Drogensucht hatte er mit zwei radikalen Entziehungskuren bezwungen, und »La fille de Hambourg« sollte sein Comeback werden. Man merkt, dass ihm dieser Film sehr wichtig war, sein Spiel ist so überzeugend und ergreifend wie in kaum einem seiner anderen Filme aus späteren Jahren.
     Bei Hildegard Knef überzeugt vor allem das makellose Französisch, das sie sich so hart erkämpft hat — und natürlich die weiche, raue, stimmbandgeschädigte Stimme. (Sie singt übrigens auch den Titelsong.) Während der Dreharbeiten lernte sie Boris Vian kennen, der so begeistert von ihrer Stimme war, dass er vier Chansons für sie schrieb.

U-Bahn in den Himmel

Originaltitel: Subway in the Sky; Regie: Muriel Box; Drehbuch: Jack Andrews; Kamera: Wilkie Cooper; Musik: Mario Nascimbene; Darsteller: Van Johnson, Hildegard Knef [Hildegarde Neff], Albert Lieven, Cec Linder, Katherine Kath. GB 1959.

Subway in the Sky

»Subway in the Sky« — ein wohlklingender Titel, hinter dem sich bedauerlicherweise ein etwas spannungsarm und seicht geratener englischer Konfektionskrimi von der Stange verbirgt. Die Adaption des faden Bühnenstücks von Ian Main becirct durch eine gute Besetzung (vor allem in den Nebenrollen) und Mario Nascimbenes flotte Musik; die schlechten Pappkulissen und die uninspirierte Regiearbeit machen die anfängliche Sympathie jedoch rasch zunichte.
     Major Baxter Grant (Johnson) ist ein amerikanischer Militärarzt auf der Flucht: Er wird des Mordes und des Rauschgifthandels verdächtigt. In West-Berlin sucht er Unterschlupf bei der Sängerin Lilli Hoffman (Knef), die sich zu ihm hingezogen fühlt. Der Arzt verdächtigt zunächst seine Frau (Kath), an den Rauschgiftgeschäften beteiligt zu sein, doch am Ende finden er und Lilli — natürlich nicht, ohne selbst in Lebensgefahr zu geraten — den wahren Übeltäter.

Hildegard Knef legte während der Dreharbeiten zu »Subway in the Sky« in den Shepperton Studios ein nahezu erratisches Verhalten an den Tag, ließ den Kameramann feuern und äußerte sich ungehalten gegenüber Presseleuten. Immer wieder kam es zu Spannungen zwischen ihr und der als sehr sanft geltenden Regisseurin Muriel Box, und nicht selten wurde die Knef laut und aggressiv. Diese Starallüren waren für sie neu. Von einem Interviewer des »Daily Express« darauf angesprochen, antwortete sie: »Ich bin wirklich ein sehr unhöflicher Mensch, vor allem, wenn ich arbeite, ja.«
     Der Kern ihres Unbehagens jedoch dürfte das farblos-belanglose Drehbuch gewesen sein. Sie war weder mit dem Film, noch mit ihrer blass gezeichneten Rolle zufrieden. Zudem war ihr die ungewohnte Zusammenarbeit mit einem weiblichen Regisseur suspekt. Sie wirkt durch und durch unterfordert, beinahe gelangweilt. Autor Jack Andrews unternahm einiges, um ihre Figur reizvoller zu gestalten, sogar eine Musiknummer — der Song »Love Isn’t Love« gehört zu Knefs prachtvollsten Aufnahmen — wurde in die dünne Krimihandlung eingebaut, aber es nützte nicht viel. Immerhin: Van Johnson (23 Paces to Baker Street) spielt den Helden euphorisch und glaubwürdig genug, dass der Zuschauer die 84 Filmminuten ohne größere Einschlafimpulse übersteht.
     Henry Miller, der den Streifen zwei Jahre später in einem Flohkino in Los Angeles sah, schrieb einem Freund: »Der Film ist nicht der Rede wert, aber die Hauptdarstellerin hat große Klasse!« Bald darauf bat er seinen deutschen Verleger, einen Kontakt zu Hildegard Knef herzustellen. Knef und Miller wurden enge Freunde; er schrieb für die englische Ausgabe ihres »geschenkten Gauls« sogar das Vorwort.

André Schneider

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