Filmtipp #444: Night Without Sleep

Night Without Sleep

Originaltitel: Night Without Sleep; Regie: Roy Ward Baker [Roy Baker]; Drehbuch: Frank Partos, Elick Moll; Kamera: Lucien Ballard; Musik: Cyril J. Mockridge [Cyril Mockridge]; Darsteller: Linda Darnell, Gary Merrill, Hildegard Knef [Hildegarde Neff], Joyce MacKenzie, June Vincent. USA 1952.

Night Without Sleep

Man könnte »Night Without Sleep« eine film noir-Variante von »The Hangover« (Regie: Todd Phillips) nennen. Gary Merrill, der stets etwas hölzern aufspielende damalige Ehemann Bette Davis’, spielt einen Komponisten, der gerne mal einen über den Durst trinkt. Nach einer durchsoffenen Nacht plagt ihn eines Morgens nicht nur ein teuflischer Kater, er wird auch den Verdacht nicht los, dass er im Rausch vielleicht eine Frau getötet haben könnte. In kurzen Blitzen zucken vage Erinnerungen durch seinen aufgeschwemmten Schädel — die Schreie einer unbekannten Frau, eine Unterhaltung mit seiner lästigen Gattin (Vincent) während einer Theaterprobe, die Bekanntschaft mit einem reizenden Filmstar (Darnell) auf einer Party, ein handfester Streit mit seiner Geliebten, der deutschen Immigrantin Lisa Müller (Knef). Ganz allein in seiner Wohnung, versucht er, sein Gedächtnis wiederzufinden. Er ruft Lisa an und stellt erleichtert fest, dass es ihr gut geht. Als er jedoch vom Wohn- ins Schlafzimmer geht, macht er einen grausigen Fund…

Eine uninspirierte B-Produktion der 20th Century Fox, in nur drei Wochen (7. bis 30. April 1952) in dem kleinen Außenstudio in Century City, 10201 Pico Boulevard, abgedreht und bereits am 26. September in New York mit geringem Werbeaufwand in die Kinos gebracht. Einzig die illustre Besetzung, die allerdings kaum Enthusiasmus zeigt und durch die Bank weg bestenfalls Routine-Vorstellungen liefert, macht »Night Without Sleep« heute noch erwähnenswert. Die hübsche Linda Darnell, eines der fleißigsten Zugpferde der Fox — allein zwischen 1950 und 1952 war sie in acht Produktionen zu sehen —, erfüllte mit »Night Without Sleep« ihre Vertragsverpflichtungen gegenüber ihrem Heimstudio, das sie groß gemacht hatte und das sie kurz darauf verließ. Obschon sie nur in einer Nebenrolle zu sehen ist, erhielt sie star billing — noch vor Gary Merrill, dem die an sich sehr dankbare Aufgabe zuteil wurde, den Film zu tragen. Einem besseren Schauspieler hätte die Rolle reichlich Material zum Ausspielen und Gestalten geboten, Merrill scheiterte jedoch kläglich. Aus europäischer Sicht am interessantesten dürfte die Mitwirkung Hildegard Knefs sein. Nach drei größeren Fox-Projekten (u. a. Diplomatic Courier), in denen sie stets an vierter Stelle im Vorspann genannt wurde, war sie in dieser marginalen Produktion auf Platz 3 hochgerutscht, schauspielerisch ist sie hier allerdings ebenso wenig gefordert wie Darnell. Es wurde ihr letzter Auftritt in einem Hollywood-Film. In der Folgezeit drehte sie in England und Deutschland, bevor sie im September 1954 für das Broadway-Musical »Silk Stockings« unter Vertrag genommen wurde. Später wurde sie vertragsbrüchig und von der Fox gefeuert; sie fand in den USA nie wieder Anschluss.

Roy Ward Baker, ein guter englischer Regisseur, der von Fox-Chef Darryl F. Zanuck 1952 als Fließband-Regisseur nach Los Angeles geholt und dort buchstäblich verheizt wurde, hatte gar keine Gelegenheit, aus der interessanten Ausgangsidee einen aufregenden Film zu machen, und so kurbelte er das Ding einfach runter. Die Fox selbst schien keine hohen Erwartungen zu haben, und der fade Krimi verschwand flugs wieder aus den Lichtspielhäusern. Die Kritiken waren mäßig bis schlecht. So zog beispielsweise Bosley Crowter von der »New York Times« folgendes Fazit: »Without spark, without inspiration, without intelligence and without suspense, this bleak exercise in morbid mooning moves slowly and barely, if at all.« Mit kaum 75 Minuten Lauflänge ist der selten gezeigte und schwer beschaffbare Streifen angenehm kurz geraten.

André Schneider

Artwork von Ingo Teichmann.

Artwork von Ingo Teichmann.

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4 thoughts on “Filmtipp #444: Night Without Sleep

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