Filmtipp #27: Süßes Gift

Süßes Gift

Originaltitel: Merci pour le chocolat; Regie: Claude Chabrol; Drehbuch: Claude Chabrol, Caroline Eliacheff; Kamera: Renato Berta; Musik: Matthieu Chabrol; Darsteller: Isabelle Huppert, Jacques Dutronc, Anna Mouglalis, Rodolphe Pauly, Brigitte Catillon. Frankreich/Schweiz 2000.

Merci pour le chocolat

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich war nie ein Fan von Chabrols Filmen. Klar, die Beharrlichkeit, mit der er rund fünf Jahrzehnte lang Film für Film dasselbe Thema variierte, verdient Respekt, und zu ihrer Zeit waren seine Thriller vielleicht wirklich Thriller, aber heute sind die meisten von ihnen äußerst schwer anzuschauen: selbstverliebt, manieriert bis zur Schmerzgrenze und sterbenslangweilig. »L’enfer« (1994) gefiel mir immer sehr, allerdings stammte das Drehbuch auch von Henri-Georges Clouzot — mit dem Chabrol sich nun weiß Gott nicht messen konnte. (Das konnten und können nur wenige.) Nein, der »französische Hitchcock«, der Chabrol für viele Kritiker immer war, ist nicht mein Fall. Und doch: Im Jahr 2000 überwältigte er mich mit seinem 52. Film »Merci pour le chocolat«, dessen deutscher Titel »Süßes Gift« mir ausnahmsweise auch gefiel. Für mich sein Meisterwerk; nie war er brillanter, spannender, eleganter, schnörkelloser, beunruhigender gewesen.
     Isabelle Huppert gibt als Marie-Claire Muller eine ihrer perfekt auf Wirkung durchkalkulierten, intensiv-kalten Vorstellungen, ihre sechste unter Chabrols Führung. Schon ihre erste Großaufnahme zeigt, dass wir es hier mit allerfeinstem französischem Starkino zu tun haben. Handlungsort ist allerdings nicht Paris oder St. Tropez, sondern das malerisch-idyllische Lausanne. Marie-Claire, genannt Mika, ist die stets freundlich-selbstbeherrschte Erbin einer Schokoladenfabrik und bereits zum zweiten Mal mit dem Pianisten André Polonski (Jacques Dutronc) verheiratet. Sie versucht, auf allen Gebieten zu glänzen: als Geschäftsfrau, als Ehefrau und als Stiefmutter für Polonskis halbwüchsigen Sohn Guillaume (Rodolphe Pauly). Das von Mika mit liebevoller Strenge durchorganisierte Familienleben gerät ins Wanken, als eines Tages die hübsche Klavierschülerin Jeanne (Anna Mouglalis) auftaucht, die nicht nur Polonskis verstorbener Frau verblüffend ähnlich sieht, sondern auch über sein musikalisches Talent verfügt. Als Mika das bemerkt, fängt sie an, sich intensiv um Jeanne zu kümmern. Wie eine Spinne webt sie feine Fäden um das Mädchen und zieht es in ihr Netz…

Der Genfer See, die Berge, die stilvolle Betulichkeit dieser Kulisse, leise Zwischentöne, unauffällige Eleganz, solider Wohlstand: von Anfang an beschleicht den Zuschauer das Gefühl, dass hier die Welt in geradezu unerträglicher Weise in Ordnung ist, zu sehr in Ordnung. Es ist Mikas Mikrokosmos, über den sie mit höflicher Bestimmtheit herrscht. Sie gibt klar zu verstehen, dass sie weiß, was sie will, sowohl in ihrer Schokoladenfabrik als auch in ihrem Privatleben. Bemerkenswert in dieser Hinsicht ist, dass sie bereits zum zweiten Mal den hundeäugigen Polonski heiratet, von dem sie sich bereits einmal hatte scheiden lassen und der in der Zwischenzeit mit einer anderen verheiratet war, die mit ihrem Auto tödlich verunglückte. Polonskis Sohn aus dieser Ehe ist ein introvertierter, fast schon phlegmatisch passiver Student, der auf alles, was ihm widerfährt, mit Nonchalance reagiert. Wir sehen zwei beschädigte, schwache Männer und eine starke, selbstgewisse Frau, die dieses Familienidyll mit gleichbleibend freundlicher Routine zusammenhält. Der Vergleich mit einem Spinnennetz deutet sich bereits durch ein frühes Bild an: eine fast beiläufige Einstellung, die Mika zeigt, wie sie auf dem Sofa sitzend ein Spinnennetz häkelt (!). Das Auftauchen von Jeanne bringt die Elastizität dieses Netzes in Gefahr, und Mika, die ihre familiäre Harmonie — für sie gleichbedeutend mit Glück — gefährdet sieht, unternimmt alles, um die junge Frau auch in diesem Netz zu fangen. Mika ist eine Soziopathin, die in ihrem Streben nach Harmonie, Ruhe und Glück keine Grenzen mehr zwischen Recht und Unrecht erkennen kann. Die Trinkschokolade, die sie ihren Lieben Abend für Abend serviert, versetzt sie mit Rohypnol, um ihren an Schlaflosigkeit leidenden Mann und den Stiefsohn müde und gefügig zu halten, und auch der Autounfall von Polonskis zweiter Frau — wir ahnen es längst — war mehr als ein Unfall. Mikas dunkle Seite und ihre Geheimnisse offenbaren sich uns nur Bruchstückweise, gerade so sehr, dass wir das ganze Ausmaß ihrer Krankheit zwar erahnen, aber nie greifen können.

»Wie viele Filme von Chabrol ist auch dieser als Kammerspiel inszeniert, dessen Akteure in einer unentrinnbaren Spirale sitzen. Der Ablauf der Handlung wird von ihm aber nicht plan inszeniert, er lässt an jeder Windung dieser Spirale einen Zweifel aufscheinen, lässt Andeutungen aufblitzen, irritiert mit scheinbaren Widersprüchen zur sozialen Wirklichkeit, in der die Handlung angesiedelt ist. Erst ganz am Schluss begreift man, dass die Logik dieser Umsetzung der Psychologie der Protagonistin entspricht, die nicht im banalen Sinne böse ist. Sie kann in ihrem unbedingten Streben nach Glück Gut und Böse nicht mehr unterscheiden«, schrieb Johannes Willms in der »Süddeutschen Zeitung«.

Solltet Ihr Euch in Eurem Leben nur einen einzigen Chabrol anschauen wollen, nehmt diesen hier. Ihr werdet es nicht bereuen. 

André Schneider

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