Filmtipp #92: Warte, bis es dunkel ist

Warte, bis es dunkel ist

Originaltitel: Wait Until Dark; Regie: Terence Young; Drehbuch: Robert Carrington, Jane-Howard Carrington; Kamera: Charles Lang; Musik: Henry Mancini; Darsteller: Audrey Hepburn, Alan Arkin, Richard Crenna, Jack Weston, Efrem Zimbalist jr. USA 1967.

Wait Until Dark

Nur drei Stücke des englischen Bühnenautors Frederick Knott haben es bis an den Broadway geschafft: »Dial ›M‹ for Murder« lief mit Gusti Huber und Maurice Evans gut zwei Jahre mit überwältigendem Erfolg und wurde schließlich von Alfred Hitchcock verfilmt; »Write Me a Murder« brachte es Anfang der Sechziger unter der Regie von George Schaefer immerhin auf 200 Vorstellungen; 1966 spielte Lee Remick 380 Mal die blinde Suzy Hendrix in »Wait Until Dark« und wurde dafür für einen Tony nominiert. (Ich selbst sah 1998 Marisa Tomei und Quentin Tarantino in der Wiederaufführung.) Darüber hinaus wurde Knotts Krimikomödie »Mr. Fox of Venice« 1967 mit Rex Harrison und Susan Hayward unter dem Titel »The Honey Pot« (Regie: Joseph L. Mankiewicz) auf die Leinwand gebracht. 1952 schrieb er für die Hammer Studios sein erstes (und einziges) Filmdrehbuch: »The Last Page« (Regie: Terence Fisher) wurde ein nur mäßiges Kriminaldrama.
     Nachdem das Stück am Broadway und im West End abgelaufen war, machte sich Mel Ferrer, der damalige Noch-Ehemann Audrey Hepburns, daran, »Wait Until Dark« als Vehikel für seine Gattin fürs Kino zu produzieren; ein letzter Versuch, die kriselnde Ehe zu retten. Die Dreharbeiten fanden vom 16. Januar bis zum 7. April 1967 in Hollywood statt. Hepburn hatte eigentlich in London drehen wollen, das Studio verwehrte ihr diesen Wunsch jedoch aus Kostengründen. So wurde auf dem Studiogelände in Kalifornien ein Set errichtet, das dem Flair von Greenwich Village gleichkam. Die Regie übernahm der Bond-Veteran Terence Young, den Hepburn seit dem Krieg kannte: Als 16jährige hatte sie freiwillig in einem niederländischen Hospital geholfen, verletzten Soldaten wieder auf die Beine zu helfen. Einer der von ihr gesund gepflegten Männer war der damals 30jährige englische Fliegerpilot und zukünftige Filmregisseur Young, der bei einer Schlacht bei Arnhem verwundet worden war.

Kurz nach der Landung auf dem New Yorker Flughafen bittet eine unbekannte junge Frau (Samantha Jones) den Fotografen Sam Hendrix (Zimbalist jr.), für sie eine Puppe in Verwahrung zu nehmen. Nicht ahnend, dass sich darin eine Packung Heroin befindet, nimmt Hendrix die Puppe mit heim zu seiner Frau Suzy (Hepburn), die seit ihrer Erblindung durch einen Verkehrsunfall ihre Tage zwischen ihrem Souterrain-Apartment in Greenwich Village und der Blindenschule verbringt. Schon bald darauf erhält sie merkwürdigen Besuch. Ein paar unbekannte Männer dringen in die Wohnung ein und scheinen etwas zu suchen. Bald werden konkrete Fragen nach der Puppe gestellt, die Suzy freilich nicht beantworten kann. Ein Psycho-Terror ohnegleichen nimmt für sie seinen Auftakt — zumal es dem Anführer der Gang, einem unberechenbaren Soziopathen namens Roat (Alan Arkin ist als Bösewicht geradezu diabolisch gut) viel mehr um das Ausleben seiner sadistischen Triebe zu gehen scheint…
     Ein bis heute überaus packender, bis zum haarsträubenden Ende spannender Thriller, der seine Theaterherkunft trotz des fleißigen Einsatzes von Zooms, Schwenks und schnellen Schnitten nicht verleugnen kann. Wer sich darauf einlassen kann, wird mit einer der besten Leistungen Hepburns belohnt. Wochenlang hatte sie zur Vorbereitung mit verbundenen Augen das Gehen durch vertraute Räume und das Ertasten von Gegenständen geprobt. Damit ihre Augen im Film einen fahleren Glanz bekamen, musste sie Kontaktlinsen tragen. Für ihre harte Arbeit erhielt Audrey Hepburn ihre fünfte (und letzte) Oscarnominierung. Trotzdem sollte »Wait Until Dark« der vorerst letzte Film der zierlichen Belgierin werden. Nach ihrer Scheidung von Ferrer und ihrer Heirat mit dem italienischen Arzt Andrea Dotti zog sich die 38jährige für neun Jahre ins Privatleben zurück. Zwischen 1976 und 1989 drehte sie zwar noch eine Handvoll weiterer Filme — zum Beispiel »Robin and Marian« (Regie: Richard Lester) mit Sean Connery —, aber von Belang war eigentlich keines dieser Werke. Als UNICEF-Botschafterin fand sie ihre neue Erfüllung, bevor sie 1993 im Alter von nur 63 Jahren in ihrem Schweizer Zuhause einem Krebsleiden erlag.

André Schneider

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