16. November 2012

»Dieser Knoten, den Sie spüren, ist Wut«, sagte Dr. F. am Dienstag, nachdem er mit geschulter Engelsgeduld meinen Schilderungen, die ungeordnet, ungeschönt aus mir heraussprudelten, gelauscht hatte.
     Und das, wo ich so ungern wütend bin. Ich mag den galligen Geschmack nicht, dieses sinn- und ziellose Aufzehren der Kräfte, das Kreisen der Gedanken um Negativität. Vor allem hasse ich den Hass, den ich empfinde, bin wütend auf mich ob der Wut, die in mir lodert, sich aufbäumt, abebbt, verzischt und wieder aufflammt. Ja, ich weiß, alle Empfindungen haben ihre Berechtigung und ihre Zeit, und die Zeit der Wut ist wacher und lebendiger, als die ohnmächtige Trauer, die uns zu zerbrechen sucht. Dennoch: Ich will sie ausmerzen, aussperren, abspalten und mich entgiften. Ich will Schönheit. Mich nicht kümmern müssen um die Neidhammel und Nattern.
     Da war dieses Gespräch, das ich belauschte. Vor zwei Wochen war dies, nach Vaters Geburtstagsfeier. Meine Schwester und eine meiner Tanten, die ich seit vielen Jahren weder gesehen, noch gesprochen hatte, unterhielten sich spätnachts betrunken im Wintergarten des Hauses meiner Eltern. Noch zu wach, um schlafen zu gehen, wollte ich mich zu ihnen setzen. Auf dem Weg vom Flur durch das Wohnzimmer hörte ich, dass sie über mich sprachen und entschied, ein Weilchen in der Türe stehen zu bleiben. Es war wirklich aufschlussreich. Nicht nur erfuhr ich vieles (über mich), das mir neu war, nein, ich bekam aus nächster Nähe mit, wie zwei Besoffene sich am Klatsch, am Lügen, an der eigenen Bosheit aufgeilten. Walpurgisnachtsgezwitscher. Diese sich aufwiegelnde Kleingeistigkeit, die ich mein Leben lang von mir fernhalten wollte, die freundliche Verlogenheit der Kleinstadt. Ich glaube, ich war noch nicht ganz zehn, als sie mir zuwider wurde. Der Nachbarschaftsneid, der zu lächerlichem Wetteifern führte — Nachbar A kauft sich ein neues Auto, kurz darauf haben Nachbarn B bis F ebenfalls neue, immer prunkvoller werdende Kleinwagen —, das höfliche Grüßen, der heitere Schwatz am Gartenzaun, um anschließend über das Erfahrene mit anderen zu lästern, die »Hast du schon gehört?«-Telefonate, die nach einer Scheidung, einer Urlaubsreise, einem Unfall, einem dörflichen Skandälchen geführt wurden. Und auch die erzwungene Aufrechterhaltung dieser bröckeligen Fassade. Zu wissen, dass alle wissen — und es trotzdem keiner wagt, einem ehrlich ins Gesicht zu sagen, was er denkt. Das Herumdrucksen, das Speichellecken, das Bequeme. Wie sie sich das Maul zerreißen, weil jemand sein Garagentor dunkelblau angestrichen, weil ein anderer zu viele Gartenzwerge in seinem winzigen Vorgarten zu stehen, weil ein Dritter ein geistig behindertes Kind hat. Schadenfreude ist ein Wort, das sich nicht ins Englische übersetzen lässt, so Deutsch ist das. Und wenn es keinen Schaden gibt, dann muss man gegebenenfalls nachhelfen, damit er entsteht. Deswegen meine frühzeitige Flucht in die Großstadt, wo sich niemand darum schert, wie man gekleidet ist, was für Musik man hört, was man gerade isst, wen man gerade umarmt, was für einen Wagen man fährt. Besagte Tante war früher, ganz früher, einmal meine Lieblingstante gewesen; nach belauschtem Gespräch schrieb ich ihr in einem Brief, dass man mit schlechten Wünschen vorsichtig sein sollte, da sie sich — instant karma — schnell gegen einen selbst richten können. Verbitterung macht böse, das kann ich nachvollziehen, es ist menschlich, nicht fremd, und doch gilt es, dem entgegenzuwirken — oder? Beim Schreiben glich ich meinen Tonfall ihrem an. Nicht, dass ich an einen pädagogischen Effekt glaubte — dafür ist diese Person zu einfältig, und natürlich sind in ihren Augen stets die anderen im Unrecht und sie das Opfer —, dennoch war es notwendig, der Boshaftigkeit etwas entgegenzustellen. Ehrlich: ihre Tirade überraschte mich wenig. Menschen, die selbst nichts erreicht haben, tendieren oft dazu, andere klein zu machen, um selbst auf der Höhe zu sein. Was meine Schwester angeht, so sitzt die Verletzung tief, eine solche Charakterlosigkeit hätte ich von ihr nicht erwartet. Schon, ja, sie redet bei mir schlecht über unsere Eltern und bei unseren Eltern schlecht über mich, immer schon, und sie hat auch guten Grund zur Wut — schließlich wurde ihr viel zu jung viel zu viel Verantwortung auf die Schultern geladen; sie wurde überhaupt nicht gefragt. Nur hatte ich geglaubt, dass wir ein offenes Verhältnis zueinander hätten. Dieser Glaube war so felsenfest, dass die Enttäuschung, ihn nun zerstört zu wissen, eben diesen von Dr. F. diagnostizierten Knoten im Bauch erschuf.

»Versuche einige Menschen zu finden, denen Du Deine Wahrheit sagen kannst. Es gibt immer eine individuelle Wahrheit, eine — leider — demütigend subjektive, oder eine gigantische, den Kosmos betreffende, in der man sich verliert. Alle anderen Wahrheiten sind modeunterworfen, diktaturbestimmt und von der Farbbeständigkeit eines Chamäleons. Doch achte darauf, dass Du zwischen Höflichkeit und notwendiger Lüge nicht Deine Wahrheit verlierst, und lass Dir von der vielköpfigen Schlange ›Zynismus‹ nie einflüstern, dass sie die Wahrheit und die Weisheit sei.« (Hildegard Knef, »Das Urteil«)
     Es ist gut, nicht mehr so oft online zu sein, die Zeit wieder effektiver zu nutzen, sich zu besinnen, zu reflektieren, auch über die Arbeit. Der zweite Anfang war ein wichtiger Schritt, eine Rückbesinnung auf das, was ich immer wollte: mit größtmöglicher Klarheit Geschichten erzählen, einfach, schnörkellos, alles Überflüssige weggestreift, das Augenmerk auf das Wort gerichtet. Worte, Sprache: meine erste Liebe, Zentrum dieses Films. Zum ersten Mal konnte ich so arbeiten, wie ich es wollte. Wir waren eine kleine, glückliche Familie. Mit Le cadeau wird es genauso werden.
     Der Erfolg des Films signalisiert mir, dass ich nach all den Irrwegen endlich meine Straße gefunden habe. Nie wieder möchte ich mich kompromittieren, einem Diktat fügen müssen, Dinge tun, zu denen ich nicht stehen kann. Ich möchte meiner Wahrheit Ausdruck verleihen, mich vermitteln, zur Auseinandersetzung anregen. Mich trauen. Kleine Brötchen backen. »Klein« ist gut, wenn man berühren will. Wie sagte die Glasgower Kollegin? »Lieber 50 Mal die kleine Show im kleinen Theater spielen, als einmal die große Show vor 5.000 Leuten.«
     Nicht Energie sparen, sondern Energie bündeln — das ist das Ziel. Nicht blind ins Leere feuern. Die Zyniker ihr Werk tun lassen, sich davon nicht beirren lassen und die Größe haben, sie zu ignorieren. Die Unwahrheiten, die über mich verbreitet wurden, die teilweise immer noch im Netz kursieren, tangieren mich nicht mehr; ich kenne die Wahrheit und jene, die mich kennen, kennen sie ebenfalls. Das Gute an meiner Karriere ist: Ich bin völlig frei, kann tun, was ich will, und habe niemanden, der mir reinredet. Ich kann ein so schönes Projekt wie How Soft a Whisper Can Get… starten, ohne dass mir jemand vorschreibt, wie. Das weniger Gute ist der finanzielle Aspekt des Ganzen, der stark an mein Untalent zur Selbstvermarktung, zur Eigenwerbung geknüpft ist. Aber jetzt, hier und heute scheint mir dies kein unlösbares Problem zu sein. Ich weiß, dass Qualität sich durchsetzt, Der zweite Anfang hat es mir bewiesen. Wenn andere erfolgreich ihre Hamsterscheiße als Sahnebonbons anpreisen und verkaufen können, kann die Situation so ausweglos nicht sein.
     Die veränderte Wohnsituation, das neue Zuhause macht mich zuversichtlich, ich habe das Gefühl, Bäume ausreißen zu können. Und dazu swingt Rosemary Clooney, Lavendel liegt in der Luft meines schmucken Balkonzimmers — gerade fällt mir auf, dass ich noch nie einen Balkon hatte, nicht in der Friedel-, nicht in der Lüderitzstraße —, ich labe mich an frischem Pfirsichsaft. Fehlt nur noch Chelito, und der kommt nächste Woche nach.
     Der heutige Eintrag ist privater geworden, als ich es mir zur Gewohnheit gemacht habe — normalerweise sind derartige Beiträge nur für Freunde in der VIP Lounge lesbar —, aber ich weiß, Ihr könnt das verschmerzen, und ich halte es augenblicklich gut aus; letzten Endes ist meine Arbeit ohnehin das Persönlichste, das ich geben kann. Die kommenden Artikel hier werden sich wieder mehr auf die Projekte konzentrieren.
     Heute Abend werde ich mir einen Liederabend im Panda-Theater in der Knaackstraße anschauen und damit das Wochenende einleiten. Möge Euer Wochenende einen spaßigen, entspannten Charakter haben. Seid gegrüßt!

André

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