Filmtipp #497: Maman und ich

Maman und ich

Originaltitel: Les garçons et Guillaume, à table!; Regie: Guillaume Gallienne; Drehbuch: Guillaume Gallienne, Claude Mathieu, Nicolas Vassiliev; Kamera: Glynn Speeckaert; Musik: Marie-Jeanne Serero; Darsteller: Guillaume Gallienne, André Marcon, Françoise Fabian, Nanou Garcia, Diane Kruger. Frankreich/Belgien 2013.

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»Das Zweite, was ich dir sagen wollte, ist, dass Amandine und ich beschlossen haben, zu heiraten.« — »Und wen?«

Schon seit den 1990ern ist Guillaume Gallienne eines der Aushängeschilder der Comédie Française, ein denkbar etablierter und respektierter Schauspieler, verehrt für sein komisches Talent und seine effeminierten Darstellungen. 2008 trat er in eben jenem altehrwürdigen Hause mit seinem autobiographischen Monodrama »Les garçons et Guillaume, à table!« vors Publikum. Das Stück wurde ein Renner und gewann 2010 sogar den begehrten Molière-Award, die höchste Theaterauszeichnung Frankreichs. Es war nur eine Frage der Zeit, ehe das Stück seinen Weg auf die große Leinwand finden würde. Am 2. Juli 2012 fiel schon die erste Klappe, und 2014 regnete es insgesamt fünf Césars (in den Kategorien Film, Hauptdarsteller, adaptiertes Drehbuch, Schnitt sowie Erstlingsfilm). In der Kinosaison 2013/2014 war »Les garçons et Guillaume, à table!« die erfolgreichste französische Produktion.

»Les garçons et Guillaume, à table!« ist die köstliche, kurzweilige coming-of-age story des jungen Guillaume (Gallienne), einem verwöhnten Jüngelchen aus reichem Hause. Im Gegensatz zu seinen sportbegeisterten Brüdern (Pierre Derenne, Renaud Cestre) ist der kleine Guillaume eher zartbesaitet, filigran und, na ja, mädchenhaft. Er verkleidet sich gern als Sissi oder die Erzherzogin Sophie, will Klavier spielen und begeistert sich für den Flamenco. Zu seiner Mutter (ebenfalls Gallienne), einer temperamentvollen, gebildeten Dame russischer Herkunft, hat der Junge ein ganz besonderes Verhältnis. Er bewundert seine Mutter, vergöttert sie geradezu, und tut alles, um ihr ähnlich zu sein. Er imitiert ihre Art zu sprechen, ihren Gang, ihre Ausdrucksweise. Damit führt er alle hinters Licht — außer seinen Vater (Marcon), der die Entwicklung seines Sohnes mit Argwohn betrachtet. Madame Gallienne, die nicht viel mehr zu tun hat, als die Bediensteten des Hauses zu delegieren, ist ständig genervt und wechselt ständig zwischen Lethargie und Gereiztheit. Sie behandelt Guillaume ganz selbstverständlich wie ein Mädchen: »Die Jungs und Guillaume, zu Tisch!«, hallt es durch die Villa, wenn sie ihre Kinder zum Essen ruft. — In seinem englischen Internat verliebt sich Guillaume unglücklich in seinen Mitschüler Jeremy (Charlie Anson). Die Familie ist nicht erstaunt — während sich Guillaume immer für ein kleines Mädchen gehalten hatte, gingen sie seit jeher davon aus, dass er schwul ist. Eine seiner exzentrischen Tanten (Carole Brenner) gibt ihm den Rat, sich einfach auszuprobieren; bevor er keinen Sex hatte, könne er nicht wissen, ob er homo- oder heterosexuell ist. Und so beginnt für den Teenager eine Odyssee durch Schwulenclubs, bayrische Kurzentren (wo Götz Otto und Diane Kruger witzige Kurzauftritte absolvieren) sowie diverse psychoanalytische Praxen, ehe eines Tages der Zufall die Fäden zieht und ihm seine wahre Natur offenbart.

Mit kaum mehr als 80 Minuten Laufzeit ist »Les garçons et Guillaume, à table!« tatsächlich recht kurz geraten. Dem witzigen Treiben hätte man noch länger beiwohnen wollen. Gallienne ist in seiner Doppelrolle einfach vorzüglich. Nicht nur sein Spiel als überspannte Mutter nimmt man ihm ohne mit der Wimper zu zucken jede Sekunde ab, der damals 40jährige ist auch als Teenager (!) noch überzeugend. Françoise Fabian ist in ihren Szenen als russische Großmutter einfach zum Niederknien, der Soundtrack ist herzergreifend und das Ganze vielleicht die schönste cineastische Liebeserklärung eines Sohnes an seine Mutter, die die Filmgeschichte je gesehen hat.

André Schneider

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