5. April 2017

Schwule Männer, die einen Korb kriegen: es dürfte kaum einen Menschenschlag geben, der fieser, hinterhältiger reagiert. Die Ablehnung scheint da häufig in die Kerbe des verdrängten, aber stets hellwachen Selbsthasses zu schlagen, und das führt verständlicherweise zu Bösartigkeit. (Ich mag an dieser Stelle nicht über Narzissmus sprechen, der Begriff scheint inzwischen inflationär benutzt zu werden.) Ich hatte 2003 das zweifelhafte Vergnügen, einen solchen Kandidaten kennen zu lernen. Für mich war es eine Freundschaft mit guten Gesprächen und regem Austausch, mein Gegenüber war eher schwanzfixiert. Dass ich einen Partner hatte, beeindruckte ihn mitnichten. Der Bruch zwischen uns war somit vorprogrammiert. Ich bedauerte, dass es dazu hatte kommen müssen, denn ich hatte ihn von Herzen gern. Erst im Nachhinein erinnerte ich mich an einige gruselige Konversationen, die mich eigentlich hätten wachrütteln müssen. Da war beispielsweise seine nicht enden wollende Hasstirade gegen Jennifer Aniston — leidenschaftlich und bar jeder Ironie. Auf meine Frage, was er denn gegen sie habe, antwortete er: »She’s shagging my husband!« Auch dies brüllte er in vollem Ernst. Aniston war damals noch mit Brad Pitt verheiratet. Und noch kurz zur Erklärung: Der gute Herr liebt es, Deutsch und Englisch zu mischen.
Im November 2003, Monate nach unserem letzten Gespräch, fingen die Anrufe an. Erst bei mir, dann bei meinen Eltern. Anonym, meist nächtlich, oft auf Englisch, manchmal auf Deutsch. Drohungen, Beschimpfungen. Dann nahm es ein abruptes Ende, und ich weiß bis heute nicht mit Gewissheit, ob es dieser Bekannte war oder nicht. Der meldete sich erst nach Markus’ Selbstmord wieder zu Wort: verhöhnend, schadenfroh, jubilierend, geschmacklos. Ich war zu sehr mit meiner Trauer und dem eigenen Selbstmitleid beschäftigt, um mich weiter darum zu scheren, und danach war auch wieder Ruhe. Bis mir im Hochsommer 2006, also über drei Jahre nach unserer kurzen Freundschaft, ein Bekannter von einem Blogger berichtete, der eine krude Mischung aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unwahrheiten über mich verbreitete. Es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, um wen es sich handelte, er schrieb unter Pseudonym. Sein Spott über Markus’ Tod hatte ihn verraten. Um die lange, leidige Geschichte abzukürzen: Da er auf meine Kontaktversuche nicht reagierte, war ich gezwungen, einen Anwalt einzuschalten. Das mit der einstweiligen Verfügung ging schnell. Noch am gleichen Tag trafen per E-Mail und meinen damals frisch eingerichteten Blog die ersten Morddrohungen ein. Auch hier bin ich nicht hundertprozentig sicher, dass sie von ihm kamen. Das war noch vorm Inkrafttreten des Stalking-Gesetzes. Die Polizei empfahl mir, die Mails zu sammeln. (Ich habe sie bis heute.) Dann wurde am 23. Oktober 2006 bei mir eingebrochen. Es wurde nichts gestohlen, hinterließ jedoch Angst und Schrecken, ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Die Panik, die der Einbruch in Kombination mit den Drohungen auslöste, veranlasste mich, Berlin zeitweise zu verlassen.
Die Geschichte liegt mittlerweile schon so lange zurück, dass sie aus einem anderen Leben zu stammen scheint. Seit 2007 jedenfalls hatte ich nie wieder direkt von diesem Unmenschen gehört. Ab und an erzählten mir andere von seinen gravierenden psychischen Störungen und Drogenproblemen. Beides überraschte mich nicht, und etwaige Anflüge von Empathie oder Altruismus unterdrückte ich mit dem Wissen um den abgrundtiefen Hass, den dieser Mann in den Jahren von 2003 bis 2006 gegen mich aufgebaut haben musste. Dieser Gedanke, dass jemand nach einer höflichen, aber bestimmten Abfuhr drei Jahre an seiner »Rache« feilt, bremste mein Mitgefühl ganz rasch wieder aus. Nun teilte mir heute jemand mit, dass der Vater dieses Mannes gestorben sei, und es breitet sich trotz allem ein merkwürdiges Gefühl aus. Anteilnahme? Traurigkeit? Auf alle Fälle fühlt es sich drückend an, wie der berühmte Kloß im Magen.
Etwas nachdenklich geht’s in den Mittwochnachmittag. Bis zum nächsten Filmtipp,

André

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2 thoughts on “5. April 2017

  1. Pingback: 17. April 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

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