17. April 2017

Narzissten, Soziopathen und Psychopathen

Zu Recherche-Zwecken habe ich mir in den vergangenen Wochen einige Vorträge zum oben genannten Thema angeschaut und zahllose Seiten durchforstet. Die Ergebnisse fand ich so interessant, dass ich es schändlich fände, diese nicht mit Euch zu teilen. Es hat auch mir die Augen geöffnet, mit was für Leuten ich es in der Vergangenheit zu tun gehabt habe — und wie ich mich künftig vor ihnen schützen kann. Wer vermutet oder gar schon weiß, dass er in einer toxischen Beziehung ist — die Form der Beziehung ist im Prinzip egal; es kann eine Freundschaft sein, eine berufliche Beziehung oder eine Liebesbeziehung —, dem wird früher oder später einer dieser Termini (oder mehrere) über den Weg laufen. Wir kennen alle den Gedanken: »Ich glaube, mein Chef ist ein Psychopath!« — Das ist meist falsch. Oft werden Narzissten mit Psychopathen verwechselt; jemand, der cholerisch ist und sich wie ein Brüllaffe gebärdet, ist meist »ein Narzisst in Not«, wie Suzanne Grieger-Langer es ausdrückte. Jemand, der gelten möchte, aber überfordert ist, ist schnell mit Aggressionen dabei. Hier also zunächst einmal ein Überblick darüber, was diese drei Menschen-Typen gemeinsam haben und woran man sie unterscheiden kann.

Was Narzissten, Soziopathen und Psychopathen gemeinsam haben

Sie sind in der Regel sehr charmant und charismatisch. Sie haben eine gewinnende Art und sind auf den ersten Blick beeindruckende Persönlichkeiten.

Typisch ist ein Mangel bzw. ein komplettes Fehlen von Empathie. Narzissten sind nicht imstande, die Perspektive eines anderen Menschen einzunehmen. Soziopathen und Psychopathen können dies sehr wohl, um es für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Dabei ist ihnen Mitgefühl allerdings nicht möglich. Ein Psychopath ist gefühlsmäßig nicht verdrahtet und hat keinerlei emotionale Verbindung zu anderen: Andere sind ihm egal. Der Mangel an Empathie ist das Hauptmerkmal aller drei Typen.

Sie empfinden keine Reue und haben kein Gewissen. Sie entschuldigen sich nicht, wenn es angebracht wäre. Soziopathen oder Psychopathen tun dies unter Umständen — allerdings nur zu manipulativen Zwecken.

Sie halten es sich zugute, wenn etwas gut gelaufen ist, und beschuldigen andere, wenn etwas schlecht gelaufen ist. Sie übernehmen keine Verantwortung: nicht für ihre Fehler, nicht für ein Versehen, nicht für etwaige Verletzungen, die sie anderen zufügen.

Sie handeln ausschließlich eigennützig und haben große Ideen, große Pläne und große Visionen.

Sie haben keinen Respekt, achten weder Gesetze noch die Rechte anderer; sie akzeptieren auch nicht die Grenzen ihrer Mitmenschen und pfeifen auf deren Recht auf Unversehrtheit.

Sie haben ein auffallend schlechtes Gedächtnis für Dinge, die nicht sie direkt betreffen. Sie sind zwanghafte Lügner und erfinden die Vergangenheit immer wieder neu — je nachdem, welchem Zwecke ihre Darstellung dienen soll.

Sie sprechen anders über Gefühle als empathische Menschen und haben praktisch keine Fähigkeit zur Introspektion; sie behaupten gern, reflektiert zu sein und können es auch teilweise gut imitieren, aber ihr Kontakt zu ihrem Inneren und zu ihren Gefühlen ist gestört bzw. überhaupt nicht vorhanden. (Siehe oben: der Psychopath beispielsweise hat praktisch überhaupt keinen Zugang zu seinen Gefühlen.) In einem Wort: Diese Menschen sind gefühlskalt.

Gerade Soziopathen haben oft die Tendenz zu riskantem Verhalten.

Sie bringen andere Menschen — insbesondere ihre Partner oder Partnerinnen — unter emotionale Kontrolle, übernehmen dabei aber keine wirkliche Verantwortung für eine Beziehung, selbst wenn diese Merkmale von Verbindlichkeit aufweist. Gerade in Partnerschaften erzeugen sie bei ihren Partnern ein hohes Maß an Schuld, Scham- und Unzulänglichkeitsgefühlen, um so Druck auszuüben.

Es gibt männliche und weibliche Narzissten, Soziopathen und Psychopathen. Während bei den Psychopathen Männer und Frauen in etwa gleich verteilt sind, sind bei den Narzissten und Soziopathen die Männer deutlich in der Überzahl.

Narzissten, Soziopathen und Psychopathen sind bemerkenswert schnell in der Lage, sich nach einer Trennung wieder eine neue Beziehung einzugehen, was daran liegt, dass sie emotional nicht wirklich bindungsfähig — das heißt: eigentlich gar nicht involviert — sind.

Die Unterschiede

Der Soziopath ist vermutlich am schnellsten zu umreißen. Hier handelt es sich um Menschen, die extrem launisch, sprunghaft und reizbar sind. Sie setzen ihr Umfeld oft mit emotionalen Ausbrüchen und Unberechenbarkeit unter Druck. Choleriker sind oft Soziopathen. (Kommt mir bekannt vor.) Man nennt sie auch »produzierte Psychopathen«: während beim Psychopathen die Störungen angeboren sind, beruht die Persönlichkeitsstruktur des Soziopathen auf Traumatisierungen und Defiziten in ihrer Lebensgeschichte. — Viele von ihnen leben dauerhaft von staatlicher oder familiärer Unterstützung, weil es ihnen für die Ausübung eines Berufs an drei wichtigen Voraussetzungen fehlt: Ausdauer, Ausgeglichenheit, soziales Gewissen. Sie halten sich nicht an Spielregeln, sofern sie diese nicht selbst aufgestellt haben. Sie können es schlichtweg nicht. Sie haben ein ausgeprägtes und dabei trotzdem brüchiges Grandiositätsgefühl. Ihre Impulsivität lässt eine Integration in das Wertesystem einer Gruppe oder Gemeinschaft kaum zu.
Wenn Soziopathen straffällig werden, sind sie eher spontan, chaotisch und planlos. Ein organisiertes Vorgehen ist ihnen selten nachzuweisen; sie sind eher die, denen ein Gericht Totschlag attestiert. (Ein Psychopath hingegen wird, wenn er sich überhaupt die Hände schmutzig macht, sehr überlegt vorgehen und wird im Vergleich selten gefasst.) Soziopathen neigen von den drei benannten Typen am ehesten zur Ausübung häuslicher Gewalt. Sie sind diejenigen, die am ehesten zur Sucht (z. B. Alkohol) neigen oder Hab und Gut im Casino verjubeln, ungeachtet dessen, ob sie Familie haben. Soziopathen sind süchtig nach dem Kick: richtige Adrenalin-Junkies. Sie langweilen sich rasch und haben regelrecht Angst davor. Dann brechen sie beispielsweise aus dem Nichts einen Streit vom Zaun. Sie neigen generell zu riskantem Verhalten: im Straßenverkehr zum Beispiel. Ihre waghalsigen Aktionen wirken auf andere oft sinn- und grundlos und sind praktisch immer impulsiv.
Im Gegensatz zu Narzissten und Psychopathen sind Soziopathen imstande, sich zu binden. Allerdings basieren ihre Beziehungen auf der Kontrolle des Partners oder der Partnerin. Diese Beziehungen sind Co-Abhängigkeiten. Die Unberechenbarkeit, Aggressivität und Impulsivität des Soziopathen erzeugen Dauerstress und Schuldgefühle beim anderen.

Der Narzisst ist eine Art »Psychopath für Arme«. Ihm geht es nahezu ausschließlich um Bewunderung und darum, gut dazustehen. Auch Psycho- und Soziopathen lassen sich gerne bewundern, aber nur beim Narzissten steht dies ganz oben auf der Prioritätenliste. Während der Psychopath beispielsweise sein inneres Chaos am Gegenüber loswerden und sich gleichzeitig der Energiequelle des anderen bedienen will, hat sich der Narzisst das Glänzen als oberstes Gebot auf die Fahnen geschrieben.
Einen Narzissten erkennt man rasch an einer hohen »Ich«-Dichte im Gespräch. Er spricht praktisch nur über sich: seine Heldentaten, eine großen Pläne, seine Errungenschaften. Er prahlt mit sexuellen Eroberungen, mit dem Gewinnen prekärer Deals, mit seinem materiellen Besitz, mit seiner geistigen und physischen Überlegenheit. Ein Psychopath — dazu kommen wir noch — hingegen sorgt dafür, dass sein Gegenüber spricht. Selbstdarstellung ist ihm nicht so wichtig; er führt das Gespräch, indem er Fragen stellt und den anderen aushorcht, um die Stärken und Schwächen seines Opfers auszuloten und die Informationen für seine Zwecke zu nutzen. Der Narzisst hingegen wird seinen Gesprächspartner nicht oder kaum zu Wort kommen lassen oder zumindest nicht auf dessen Äußerungen eingehen.
Während ein Soziopath Machtspiele veranstaltet, um zu dominieren und zu gewinnen, geht es dem Narzissten bei Auseinandersetzungen und Kräftemessen immer um die ersehnte kritiklose Bewunderung. Während Soziopathen und Psychopathen genau wissen, was sie tun, scheint ein Narzisst ahnungsloser zu sein. Sozio- und Psychopathen wissen, dass sie quälen, unter Druck setzen und sich in gesellschaftlich nicht akzeptierter Weise verhalten. Ein Narzisst hingegen merkt oft nichts, denn ihm fehlt schon von vornherein die Option, die Perspektive eines anderen einzunehmen. Das Gegenüber ist für ihn kein eigenständiger Mensch, sondern ist nur Werkzeug für Bewunderung oder Förderung. Wenn beides nicht geht, dann ist das Gegenüber ein Objekt, das man links liegen lässt oder aus dem Weg räumt. Mit Kritik — auch konstruktiver — kommt ein Narzisst nicht klar, nimmt sie nicht an. Eine kritische Stimme ist für ihn regelrecht bedrohlich, und der Kritiker muss mit aller Kraft zerstört werden. Wird ein Narzisst gekränkt, werden soziopathische Anteile in ihm wach; er verwandelt sich in ein regelrechtes Monster. Obwohl Sozio- und Psychopathen die Sichtweise ihres Gegenübers einnehmen können, macht es für das Opfer kaum einen Unterschied zu der Unfähigkeit des Perspektivwechsels bei einem Narzissten, denn in allen Fällen wird das Gegenüber in seiner Eigenständigkeit, seinen Grenzen, seinen Bedürfnissen, seinen Nöten, seinen Erforderlichkeiten nicht wahrgenommen. — Und ganz ehrlich: Für jemanden, der von einem Auto überfahren wird, ist es in letzter Konsequenz unerheblich, ob der Fahrer ihn bewusst oder unbewusst getötet hat. Das Ergebnis bleibt dasselbe.
Narzissten wie auch Psychopathen sind in der Arbeitswelt ebenso charismatische wie rücksichtslose Karrieristen. Narzissten bringen, das muss man ihnen lassen, die Wirtschaft voran. Sie sind oft klug, gut ausgebildet und streben höhere Positionen an. Aufgrund ihrer Gefühlskälte sind sie z. B. oft hervorragende Chirurgen. Ohne das Schicksal des Patienten zu fühlen, können sie sich gut auf ihre Aufgabe — diagnostizieren, operieren, nähen, Leben retten — konzentrieren und sich hinterher als Retter feiern lassen. Um dahin zu kommen, müssen sie sich in der Gesellschaft unauffällig bewegen können, und das gelingt ihnen durch Charme und Hilfsbereitschaft. Mit gebotenem Abstand ist es nicht schlimm, Narzissten in seinem Umfeld zu haben. Mithin nervt es zwar und raubt einem Kraft und Energie, aber es ist zu verschmerzen. Problematisch wird es, wenn man ihnen ausgeliefert ist, sei es im Beruf, durch Partnerschaft oder Familienbande — oder ihnen gar im Weg steht. Oft plündern sie Ressourcen, ohne greifbare Spuren ihres Vorgehens zu hinterlassen. Sie unterwandern und hintertreiben Freundschaften, bis diese zerstört sind, räumen Konten leer, richten ihre »Gegner« psychisch zugrunde, isolieren sie. Empathische Menschen können sich oft gar nicht vorstellen, dass »man so sein kann« — dies ist der große Trumpf von Narzissten und Psychopathen: sie fliegen lange unter dem Radar durch. Ihr Schutzschild ist die Ungläubigkeit ihrer Mitmenschen. So hinterlassen sie Chaos in Teams und Abteilungen, und erst spät — zu spät — entsteht der Eindruck, dass all das etwas mit ihnen zu tun haben könnte. Der Narzisst ist zu eitel, um irgendwann in einem schlechten Licht dazustehen, der Psychopath ist zu schlau und unauffällig. Am ehesten fliegt der erratische Soziopath auf.
Der Narzisst fühlt sich schnell als Opfer. Schlagen seine Versuche fehl, mit empathischen Menschen zu interagieren und die ersehnte Anerkennung und Zuwendung zu bekommen, fühlt er sich wie ein geprügelter Hund: ungerecht behandelt, verkannt, ungeliebt, nicht wahrgenommen und bestraft. Das sind Empfindungen, die auch der Soziopath kennt, während sich der Psychopath hingegen nie als Opfer fühlen würde; er ist derjenige, der die Oberhand behält. Das gelingt dem Narzissten nicht immer. Er wäre gerne so abgebrüht, zielstrebig und erfolgreich wie der Psychopath, nur stehen ihm dabei oft seine Eitelkeit und sein unstillbarer Geltungsdrang im Wege — zu oft, um geschmeidig und unauffällig nach oben zu kommen und beim Mobben nicht erwischt zu werden. Der Psychopath ist ein echtes Raubtier, der Narzisst eher ein Gockel. Psychopathen wollen einverleiben und zerstören, Narzissten sind auf Bewunderung aus — und auf die Kraft und Macht, die ihr innewohnt.

Psychopathen stellen 1% der Weltbevölkerung dar. In Führungspositionen kulminieren sie sich gar auf 14,5%. Wenn man den Begriff »Psychopath« hört, denkt man oft unweigerlich an Hannibal Lecter. Doch der war eher ein hochintelligenter Soziopath. Ein gutes Beispiel für eine Psychopathin ist Amy Dunne (Rosamund Pike) in »Gone Girl« (Regie: David Fincher). Suzanne Grieger-Langer führt bei ihren Exkursen über Psychopathen immer gerne eine Szene aus »Star Trek« aus, in der Ohura (Nichelle Nichols) den Tod einiger getöteter Freunde betrauert und Mr. Spock (Leonard Nimoy) zu ihr sagt: »Leutnant Uhura, Ihre Augen sind defekt. Da kommt Wasser raus.« Daraufhin erklärt sie ihm, dass das seine Richtigkeit habe; wenn Menschen traurig sind, dann müssen sie eben weinen, das sei gut. Spock: »Interessant!« So müssen wir uns einen Psychopathen vorstellen. Nur, dass Mr. Spock ein eingebautes ethisches System hat, welches dem Psychopathen ebenso fehlt wie der Zugang zu menschlichen Emotionen. — Psychopathen merken in der Regel schon sehr früh, dass sie anders sind, und lernen, Emotionen zu imitieren. Selbst gestandenen Psychologen gelingt es kaum, einen Psychopathen zu erkennen; spätestens mit 35 sind sie in ihrem Spiel so perfekt, dass es praktisch nicht mehr möglich ist, sie auszumachen. Sie bewegen sich quasi unsichtbar unter uns. Wie ein Virus. In den Anstalten und Gefängnissen sitzt nur ein verschwindend kleiner Teil von ihnen: nämlich die, die schlecht schauspielern.
Psychopathen binden den anderen, aber nie sich selbst. Obwohl sie keine Empathie empfinden können — sie sind damit einfach nicht auf die Welt gekommen —, sind sie imstande, hilfsbereit und charmant zu wirken und haben Charisma. Wenn man sie kennen lernt, wird man in der Regel absolut begeistert sein: Was für ein angenehmer Gesprächspartner! Wie gut der zuhören kann! Auffallend gut. Allerdings, und das ist das Unschöne, tun sie dies aus ganz anderen Gründen als ein empathischer Mensch. Während ein solcher aus Interesse am Gegenüber zuhört, horcht ein Psychopath seinen Gesprächspartner aus, um zu Bindungszwecken dann präzise die Bedürfnisse und Sehnsüchte desselben zu erfüllen — zunächst. Grieger-Langer nennt dies »besoffen schmusen«. Der Psychopath lullt einen ein, bis man sein Misstrauen vergisst und die Waffen fallen lässt. Man schöpft Vertrauen und wird unachtsam. Man hat nicht nur einen neuen Freund, man hat einen Fan. Während ein Narzisst einem niemals ein ehrliches Kompliment machen würde — er neigt eher dazu, andere abzuwerten, um sich selbst aufzuwerten —, schmeichelt sich der Psychopath mit scheinbarer Hochachtung und Anerkennung ein. Während ein Soziopath vergleichsweise ungeordnet handelt, geht der Psychopath kalkuliert und präzise vor, wenn es um die Erfüllung seiner Bedürfnisse geht, und diese können irgendwo zwischen einem kostenlosen Mittagessen und der Weltherrschaft liegen. Nur ein winziger Prozentsatz der Psychopathen wird im juristischen Sinne kriminell. Jene, die straffällig werden, werden meist lange nicht oder gar nicht gefasst. (Jack Unterweger beispielsweise ist ein Prototyp des kriminellen Psychopathen. Er hat Polizei und Öffentlichkeit lange an der Nase herumgeführt, ehe man ihm auf die Schliche kam.) Sie hinterlassen ein Feld der Verwüstung, oft auch in Form von gebrochenen Herzen, und dabei kaum nachweisbare Spuren. Sie werden nicht ausfallend, laut oder gar explosiv, im Gegenteil: sie wirken kontrolliert, sogar ausgeglichen. Man muss einen Psychopathen schon länger kennen — Experten sprechen von etwa anderthalb Jahren —, ehe man erkennt, dass sie gefühllos und leer wirken. Ihre Emotionalität ist flach. Wie man mit anderen interagiert und Gefühle ausdrückt (und wo diese Gefühle hingehören), haben sie jedoch so lange studiert, bis sie diese beinahe überzeugender spielen können, als empathische Menschen sie tatsächlich empfinden und ausdrücken. Im Grunde haben sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht, als andere Menschen, deren Verhalten und das gesellschaftliche Miteinander zu imitieren. Sie sind oft brillante Schauspieler. Das erlaubt es ihnen, sich völlig unauffällig in der Gesellschaft zu verhalten, und wenn sie auffallen, dann eher durch gute Leistungen und eine scheinbar selbstlose Hilfsbereitschaft. Dass man es mit einem manipulativen Menschen, bar jeder Empathie, zu tun hat, merkt man (wenn überhaupt) erst, wenn es zu spät ist. Denn man hat ja einen Fan. Das ist der erste Schritt. Dann, wenn man »besoffen geschmust« ist, bekommt man einen Klon. Der Psychopath verlängert die Schiene des ersten Schritts: »Du bist so toll, ich will so sein wie du.« — Man hat ein doppeltes Lottchen. Und dabei passt der Psychopath auf, nicht zu sehr in Konkurrenz zu treten, er lässt einem den Vortritt. Bis er schließlich irgendwann anfängt, einem ein paar krumme Dinger unterzujubeln: »Ich kenne da eine Abkürzung!« oder »Macht doch jeder.« — Vorsicht: Wer Euch auf die schiefe Bahn bringen will, ist nicht Euer Freund! Irgendwann, und das ist der vierte Schritt, sieht man sich selbst als Statist in seinem eigenen Unternehmen (oder, wie in meinem Fall, im eigenen Projekt). Der Psychopath wird Eure Arbeit als den eigenen Verdienst deklarieren, sich feiern lassen und Euch mit Druck (z. B. Erpressung, Einschüchterung) dazu bringen, die Klappe zu halten.
Meist merken nur diejenigen, die dem Psychopathen über längere Zeit richtig nahestehen — Familienmitglieder, Partner, Arbeitskollegen —, dass sie einem hochgradig manipulativen Menschen ausgeliefert sind. Psychopathen haben im Gegensatz zu Soziopathen langjährige Arbeitsstellen, sind nicht selten gut ausgebildet und erfolgreich. Oft haben sie eine Familie, ohne dass Außenstehende eine Ahnung von ihrer wahren Natur haben. Psychopathen sind nicht therapierbar.
Die Art des Psychopathen, andere »besoffen zu schmusen« und für seine Zwecke auszunutzen, ist berechnend. Während der Soziopath sich im Ton vergreift sowie herablassend, beleidigend, verletzend und laut wird, ist der Psychopath subtil und vollzieht seine Verletzungen eher durch kryptische Aussagen, Andeutungen, das Streuen von Gerüchten, Verleumdungen, kleine Randbemerkungen oder auch durch Schweigen an empfindlichen Stellen. Sinn und Zweck seiner Manipulationen ist es nicht nur, Menschen zu binden und zu lenken, sondern vielmehr noch um zwei andere Dinge: sie nutzen andere Menschen als Projektionsfläche, auf der sie ihre eigenen unliebsamen Anteile entsorgen können. Sie projizieren ihre eigene innere Leere (der Psychopath) oder auch das innere Chaos (der Soziopath) und verdrängten Selbsthass auf die Menschen, die ihnen nahestehen. Im unfreiwilligen Gegenzug bekommen sie Energie: sie erlangen durch die Verletzungen und den Schmerz, den sie anderen zufügen, Aufmerksamkeit und Zuwendung, auch wenn diese negativer Natur ist. Die Wut, die Tränen, die Konflikte der Opfer, auch etwaige Streitereien, die Verzweiflung — all das sind Formen der Aufmerksamkeit, all das sind Dinge, an denen Soziopathen und Psychopathen sich laben.
Zwar klingt es mithin ziemlich esoterisch und banal, wenn man das Wort »Energievampirismus« ins Spiel bringt, aber eigentlich trifft es den Nagel ziemlich auf den Kopf, denn Psychopathen stehlen die Lebensenergie ihrer Mitmenschen. Das tun Narzissten auch. Da fühlt man sich nach ein paar Stunden im Gespräch schon mal ziemlich müde und leergepumpt, aber man regeneriert sich in der Regel schneller wieder. Wenn man einen Narzissten auf Abstand hält, dann nervt er lediglich. Der Psychopath hingegen ist ein Parasit. Er weiß, dass ihm ein Stück Lebendigkeit fehlt, ein Stück Menschsein selbst. Sie können vieles von dem, was ein »normal empfindender« Mensch kann, einfach nicht tun: herzhaft über einen Witz lachen, sich von Herzen freuen, aus voller Kehle toll singen, wahre Intimität empfinden, innig sein, intensiv fühlen und auch intensiv leiden. Es hat den Anschein, dass er durch den immensen Druck, den er auf seine Nächsten ausübt, versuchen, diese wie eine Zitrone auszuquetschen, um an die Essenz der Lebendigkeit, nämlich der Gefühlsfähigkeit, zu kommen. Hervey M. Cleckley schrieb, ein Psychopath sei in gewisser Weise kannibalisch: Er strebt gewissermaßen eine Einverleibung des anderen an. Jeder, der mit einem Psychopathen, Soziopathen oder auch Narzissten eine Beziehung geführt hat, kann ein Lied davon singen, was es heißt, sich als Partner zunehmend ausgelöscht und sich seiner Lebendigkeit beraubt zu fühlen. Partnerschaften mit diesen Menschen machen psychisch und physisch krank. Am Ende steht, so Robert D. Hare, die seelische Auslöschung des anderen und schließlich, wenn man den Absprung nicht schafft, auch die körperliche. Ein empathischer Mensch mit vielen Schuldgefühlen ist ein willkommenes Opfer für den Psychopathen: Nicht daran gewöhnt, seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse zu spüren, sie zu berücksichtigen und diese auch mit gebotener Vehemenz einzufordern, sowie die Neigung, den »Fehler« immer zuerst bei sich zu suchen und dabei zu anständig, um dem anderen Gefühlsarmut, Kälte oder unlautere Absichten zu unterstellen, braucht er lange, um zu merken, wie giftig und zerstörerisch der enge Kontakt zu einem Psychopathen ist. Und der Psychopath wird auf dieser Klaviatur aus Angst und schlechtem Gewissen so lange und virtuos spielen, wie er nur kann.
Während Narzissmus, Soziopathie und antisoziale Persönlichkeitsstörungen weitgehend ein Resultat frühkindlicher Prägungen gelten, ist die Psychopathie angeboren. Bei Psychopathen ist das Hirnareal, das für Impulskontrolle, Emotionen und moralische Entscheidungen zuständig ist, nicht aktiv. Darüber hinaus gibt es noch weitere wissenschaftlich erwiesene genetische und stoffwechselphysiologische Eigenheiten, die verändernd in den Gehirnstoffwechsel eingreifen. Psychopathie und Soziopathie sind dissoziale Persönlichkeitsstörungen, wobei die Psychopathie als die gefährlichste gilt, da sich der Psychopath emotional von seinen Aktionen entkoppeln kann. Er fühlt sich, was er einem anderen antut. Egal, wie schlimm es ist. Banal ausgedrückt: Andere sind ihm schlichtweg egal.

Das Deutsche Institut für medizinische Dokumentation und Forschung definiert eine dissoziale Persönlichkeitsstörung wie folgt: »Eine Persönlichkeitsstörung, die durch eine Missachtung sozialer Verpflichtungen und herzloses Unbeteiligtsein an Gefühlen für andere gekennzeichnet ist. Zwischen dem Verhalten und den herrschenden sozialen Normen besteht eine erhebliche Diskrepanz. Das Verhalten erscheint durch nachteilige Erlebnisse, einschließlich Bestrafung, nicht änderungsfähig. Es besteht eine geringe Frustrationstoleranz und eine niedrige Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten, eine Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten, durch das der betreffende Patient in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten ist.«

Wie schützen?

Auch hier findet Suzanne Grieger-Langer einfache Worte: Wenn jemand »zu« ist — zu perfekt, zu ideal, zu klug, zu charmant —, dann sieh zu, dass du Land gewinnst. Derjenige ist nicht echt. Und oft, zu oft, sagt uns das unser Bauchgefühl schon ganz treffsicher. Wir sind nur Meister darin, es zu ignorieren. Ich kenne das selber: »Sei nicht immer so misstrauisch«, habe ich mir gesagt und wider mein Bauchgefühl gehandelt. Die Scherben des daraus entstandenen Kollateralschadens kehre ich bis heute zusammen. Wachsam sein und sich Zeit nehmen, ehe man den anderen zu nahe an sich heranlässt. Und wenn die Alarmglocken schrillen: Beine in die Hand nehmen und diesen Menschen streichen.

Und damit einen guten Start in die Woche,

André

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6 thoughts on “17. April 2017

  1. Aus Erfahrung: ein halber Hemingway als Beitrag schreckt viele Leser ab… ich würde es kürzen oder besser auf 2-3 Tage aufteilen. Ist meine persönliche Meinung 😎

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