22. Juli 2017

Es ist uns gestattet, während der Arbeit leise Musik zu hören, und so sah man mich die vorige Woche im Büro praktisch immer mit Kopfhörern an meinem Schreibtisch sitzen. Musik würde mich zu sehr ablenken, deshalb ziehe ich mir Hörbücher oder Vorträge rein. Marc-Uwe Kling zum Beispiel, Erika Pluhars »Reich der Verluste« (eines meiner Lieblingsbücher), »Hotel Grand Babylon« von Arnold Bennett (gelesen von Katharina Thalbach) und »Die Flut« von Arno Strobel. Einen Vortrag von Camille Paglia von 1994, der beeindruckend und erschreckend weitsichtig war. Gestern hörte ich mir »Die Macht der Kränkung« an, das neue Buch von Reinhard Haller. Ein aufschlussreiches Werk, wirklich sehr zu empfehlen: klar und leicht verständlich geschrieben, plausibel in seinen Schilderungen, unheimlich fokussiert. — Was meinen Tagesablauf betrifft, so etabliert sich hier eine beruhigende Routine. Mittags genehmige ich mir zwei Äpfel und einen Automatenkakao. Wenn ich nach Hause komme, muss ich meist erst einmal putzen, weil Chelito auf eigenwillige Weise gegen meinen neuen Job rebelliert. Er kackt und/oder kotzt mir die Wohnung voll, frisst Tapete und Mörtel von den Wänden und verteilt alles schön im Flur und in der Küche. Dann legt er sich bräsig in sein Körbchen. Ich werde wohl nicht umhin kommen, ein(e) Hundesitter(in) zu engagieren. Im Oktober ist Chelito seit zehn Jahren bei mir, er ist jetzt zwölf Jahre alt und war eigentlich nie alleine. Bislang konnte ich ihn entweder mit zur Arbeit nehmen oder bei meinen Eltern parken. Das geht nun beides nicht mehr. Dass er sich als alter Mann nicht mehr umgewöhnen kann (oder will), verstehe ich.

Meine Haltung zum CSD dürfte bekannt sein und hat sich auch nicht geändert. Trotzdem werde ich heute Ian zuliebe für zwei oder drei Stunden dabei sein, obwohl ich viel lieber die Botanische Nacht mitnehmen würde. Na ja, vielleicht nächstes Jahr. Im CSD-Vorfeld gab es reichlich Wirbel um einen saublöden Spruch von Nina Queer. Man zeterte, zickte und tat überrascht. Als ob die Erkenntnis, dass Homosexuelle auch Rassisten sein können, so bahnbrechend neu wäre. Wie schrieb Josephine Hart? »Damaged people are dangerous. They know how to survive.« Es darf nicht verleugnet werden, dass Schwule in Sachen Menschenverachtung die Nase ganz weit vorn haben, ob nun untereinander — wenn sich zum Beispiel jemand nicht szenekonform verhält oder äußert — oder eben gegenüber anderen, die schwach genug wirken, dass keine Gegenwehr zu befürchten ist. Die »Gemeinschaft«, die keine ist, ist in sich so verkrankt und verfahren, empathielos und lernresistent, dass keine Veränderung zum Positiven zu erwarten ist. Der Zug ist vorerst abgefahren. Wie dem auch sei, ich bin also heute beim CSD. Hab ich das in meinen ersten 39 Lebensjahren auch abgehakt. Apropos abhaken: Das Arbeitszeugnis von meinem Ex-Chef lässt noch immer auf sich warten, und die verbliebenen Urlaubstage wurden mir nicht ausgezahlt. Offenbar eine letzte Kränkung zum Abschied. Wenn’s ihn aufgeilt — bitteschön. (Man sieht: Reinhard Hallers Buch beschäftigt mich nachhaltig.)
Marc Bluhm wird heute 30. Terence Stamp, Franka Potente, Albert Brooks, Paul Schrader, James Whale, Willem Dafoe, John Leguizamo, Selena Gomez, Rhys Ifans, Jonathan Zaccaï, Lili Muráti, Oscar de la Renta haben bzw. hätten heute ebenfalls Geburtstag. Heute ist außerdem der Todestag von Estelle Getty, Ulrich Mühe, Susanne Lothar, Linda Christian, Claude Sautet, László Kovács und Natasha Parry.
Nun ist es neun Uhr, ich werde mir erst einmal einen Tee machen, dann duschen und mich dann in Schale werfen, damit sich Ian meiner nicht zu sehr schämen muss. Vielleicht gelingen mir ja ein paar nette Fotos. Euch wünsche ich ein entspanntes Wochenende.

André

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