18. Januar 2007

The Return of the Mother

Die blogfreien Tage taten gut, obwohl sie arbeitsreich und schlafarm, aufwühlend und zermürbend waren. Aus der Umarmung des Wassers wird ein Liebes- und ein Traumbuch, ich schreibe emsig wie eine Tippsenbiene, dafür ruht das Drehbuch, ich kriege kaum mehr als ein paar Zeilen täglich zustande.

Prinzessin sei Dank kam ich in den Genuss, »Tarnation« (Regie: Jonathan Caouette) zu erleben. Ein faszinierendes Filmerlebnis, das ich allen, denen Shortbus gefiel, hiermit nachdrücklich ans Herz legen möchte. (Eine besonders berührende Figur aus Shortbus dürfte diesem Film entnommen sein, und nicht von ungefähr brachte John Cameron Mitchell »Tarnation« als Produzent heraus.) Jonathan Caouette filmte sich seit seiner Kindheit selbst mit der Videokamera; er hielt seine Umgebung, seine Großeltern, seine Freunde und vor allem seine Mutter Renee auf Video fest. Mit 30, 31 Jahren fing er an, das Material an seinem Heimcomputer zu schneiden, ergänzte es mit Fotos, gespeicherten Mailbox- und AB-Nachrichten und kurzen Texteinblendungen, und schuf damit erstens ein bewegendes Selbstportrait und zweitens eine filmische Liebeserklärung an seine durch jahrzehntelange Fehlbehandlung in psychiatrischen Einrichtungen völlig zerbrochene Mutter. 2003 erschienen, entwickelte sich »Tarnation« schnell zu einem Geheimtipp, wurde zum Überraschungshit diverser Filmfestivals und mit Preisen überhäuft. Ein innovativer und mit 218 US-Dollar denkbar kostengünstig produzierter Film, der eine neue (mediale) Ära einläutete: Video- und Onlinetagebücher sind inzwischen keine Seltenheit mehr, es gibt inzwischen Kurzfilmfestivals für Werke, die mit dem Handy gedreht wurden, jeder ist sein eigenes Kunstwerk (geworden). Gut oder schlecht, ich weiß es nicht, »Tarnation« ist in jedem Falle ein tief bewegendes Dokument einer symbiotisch-schmerzhaften Mutter-Sohn-Beziehung.

Film-Newsflash: Die Golden Globes wurden verliehen. Da es 2006 kaum gute Filme gab, wurde auch kein guter ausgezeichnet. Meryl Streep gewann den Preis für eine souveräne, aber mitnichten umwerfende Darstellung in einem mittelmäßigen Film, und auch »The Queen« (Regie: Stephen Frears), den ich am Samstag mit F. C. im Kino sah, wurde in mehreren Kategorien ausgezeichnet. Helen Mirren war wirklich grandios, das Drehbuch außerordentlich, aber die Umsetzung gemahnte an einen BBC-Fernsehfilm. Ein fabelhafter Beitrag fürs Heimkino, aber für die große Leinwand? Die spanischsprachigen Beiträge gingen ebenso leer aus wie der deutschsprachige, es gewann eine (überwiegend englischsprachige!) US-Produktion in der Sparte Bester fremdsprachiger Film. Regie: Clint Eastwood. Eigentlich ein Skandal, aber wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, wundert’s mich nicht besonders. — Die Academy Awards werden im März verliehen, die Nominierungen gehen bald raus. Viel verspreche ich mir dieses Jahr nicht: Viel Lärm um nichts, wie üblich. Wenn ich an den filmischen und menschlichen Schrott denke, der in den vergangenen sechs Jahren gewann, würgt’s mich: »Gladiator« (Regie: Ridley Scott), »A Beautiful Mind« (Regie: Ron Howard), »Chicago« (Regie: Rob Marshall), »The Lord of the Rings: The Return of the King« (Regie: Peter Jackson), »Million Dollar Baby« (Regie: Clint Eastwood) und »Crash« (Regie: Paul Haggis) waren die besten Filme — man muss es sich mal auf der Zunge zergehen lassen!, und wenn ich an einige Schauspielerinnen denke, könnte ich lachend losprusten: Halle Berry, Catherine Zeta-Jones, Charlize Theron, Renée Zellweger, Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie sind Oscar-Preisträgerinnen! Bei den Jungs sieht’s kaum besser aus: Tim Robbins, Kevin Spacey und Russell Crowe zählten zu den Gewinnern seit Beginn des neuen Jahrtausends. Gut, gut, das Argument, dass der Oscar ein Image-Preis sei bzw. den Marktwert festlegt und man sowieso nicht zu viel darauf geben sollte, zählt irgendwie. Aber man muss es sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, weil man sich doch immer noch in dem Glauben befindet, hier würde eine besonders gute Leistung honoriert.

Barbara endlich mal länger als nur ein paar Minütchen gesehen. Ihr Lächeln, ihre Stimme und das, was sie an Lebensfreude und -energie aussendet, wärmen mir’s Bäuchlein. Wie schön, sie kennen zu dürfen. Ab Februar darf sie jeder im Renaissance-Theater bewundern, Abend für Abend. Sten spielt in Potsdam Theater und in »The Good German« (Regie: Steven Soderbergh) mit Cate Blanchett und George Clooney. Die etwas zickig gewordene D. hat beruflich eh keine Schwierigkeiten, Gianni war als Nuttenschieber bei »GZSZ« dabei, F. C. jobbt nach wie vor in einem großen Kino, Kerstin ist nach wie vor gut im Geschäft und ich, ja ich gebe demnächst Marisa Mell im Abschlusswerk von Ingo H.s Sexploitation-Trilogie. Wäre schön, wenn 2007 mal wieder ein bezahlter Schauspieljob an Land gezogen werden könnte. Ich Hornochse habe meine Angel im Vorjahr viel zu weit eingeholt, weil mir der Mut zum Risiko fehlte.
Bin übrigens neu in die Musik und die Texte von Alejandro Sanz verliebt. Endlich ein neues Album, es wurde auch Zeit! Et puis? Brilliantic hatte endlich wieder Sex, Canela bloggt über Eva Hermann (sie ist so liebenswert altmodisch; Frauenbeschneidung und Steinigungen sind ja auch altmodisch — fangt bei ihr an, sie würde es lieben!) und Perlchen wurde zur Wiederentdeckerin des Keuschheitsgürtels. Stefan zieht gerade um (ein Haus weiter). Dodo und Toby haben sich endlich gefunden. Oh, und der Nazi aus dem Süden Bayern-Adolf Edmund Stoiber ist augenblicklich eher unbeliebt.

CD des Tages: Alejandro Sanz: »El tren de los momentos«.
Buch des Tages: Friederike Mayröcker: »Und ich schüttelte einen Liebling«.

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2 thoughts on “18. Januar 2007

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