1. Dezember 2013

Hingucker: Rossy de Palma hing auch in Hervés Apartment!

Hingucker: Rossy de Palma hing auch in Hervés Apartment!

Das letzte Segment von Antonys »Little Gay Boy«-Trilogie gewann beim diesjährigen Chéries-Chéris den Preis als bester Kurzfilm, und so stand der »offizielle« Beginn unserer Dreharbeiten unter einem besonders guten Stern. Vereinzelt hatte es schon Drehtage im August und Oktober gegeben, der Großteil von Une nuit en eaux profondes entstand dann schließlich im November — ziemlich genau ein Jahr, nachdem Antony und ich uns auf diese Zusammenarbeit geeinigt hatten.
Nach meiner Ankunft hatte ich gerade noch Zeit, mein Gepäck bei Martin zu deponieren, bevor ich zur Kostümanprobe nach Pantin fahren musste. Bei Hervé, unserem Kostümbildner, sollten auch einige Szenen des Films gedreht werden, also konnte ich bei der Gelegenheit auch einen Blick auf einen der Drehorte werfen.
Den Rest unseres Teams lernte ich am 6. November kennen; ich brachte ein paar Süßigkeiten in die Rue d’Aubervilliers, wo in der Wohnung unseres Kameramanns gearbeitet wurde. Eine bunt zusammen gewürfelte Familie aus aller Herren Länder, die mich freundlich in ihrer Mitte aufnahm. Begrüßungen auf Französisch, Englisch und Portugiesisch, Küsschen hier und dort, Tee in der Küche. »Eine positive, warme Energie«, dachte ich, »ganz anders als bei den Drehs in Berlin.« (Le deuxième commencement ausgenommen, aber das war schließlich auch mehr ein französisches Projekt.) Das Team hinter der Kamera bestand aus zwölf, an manchen Tagen aus 15 oder 16 Personen, jeder auf seinen Bereich fokussiert, kompetent, effizient. Der Drehplan wurde so gut wie nie überschritten; keine chaotischen 16-Stunden-Drehtage wie bei uns, sondern konzentrierte acht bis neun, die Abende frei.
Ich selbst hatte nur drei Drehtage. Mein Drehbuch war bereits im Vorfeld stark zusammengestrichen worden — aus 100 Seiten wurden 28 —, und natürlich betrafen die Kürzungen auch meine Rolle. Ich verstand die Wichtigkeit — jede Änderung, jede Kürzung war einer dramaturgischen Notwendigkeit geschuldet —, aber natürlich machte es mich traurig, nur als Gast dabei zu sein. Somit war diese Arbeit zugleich überwältigend schön und frustrierend. Antony bestand auf intensiven Proben — eine Seltenheit beim Filmen — und Improvisation am Set. Es war ein kreativer Fluss und eine Dynamik, zu der alle beitrugen, um an die Essenz des Stoffes zu gelangen. Thomas Laroppe, der eine ungeheure Ausbruchskraft von kinskieskem Ausmaß hat, und ich probierten in Hervés Dachkammer, um den Kern unserer traumatisch-destruktiven Bruderliebe freizulegen. Antony beobachtete uns argusäugig. Seit Ingo J. Biermann bei Deed Poll hatte kein Regisseur mehr so intensiv mit mir an einer Rolle gearbeitet. Aus den ursprünglichen fünf Seiten, die die Schlüsselszene meiner Figur hatte, wurde am Ende eine halbe. Mein französischer Text fiel größtenteils dem Fetisch der Franzosen für die deutsche Schwermut zum Opfer, und so singe ich in einer Szene dem weinenden Thomas Laroppe die erste Strophe von »Lili Marleen« vor und streue immer wieder deutsche Vokabeln zwischen meine französischen und englischen Zeilen. — Nach meinem ersten Drehtag (mit Manuel Blanc in den Jardins d’Eole) trafen Antony und ich uns zu einer Vernissage im Bataclan am Boulevard Voltaire, und er sprach Lobendes.
Am 8. November wurde Antony 38 Jahre alt, und so tanzten wir nach Drehschluss bis in die frühen Morgenstunden in der Wohnung — rote Folie über die nackte Glühbirne, und los ging’s! Es war herrlich! Besonders gut verstand ich mich mit unserer Maskenbildnerin Cécile und unserem aus London stammenden Caterer Jacob. Manu und ich schickten uns nach unseren gemeinsamen Drehs hochachtungsvoll-liebe SMSe, und am Tag meiner Abreise gab’s Dankeschön-Mails von Lydia Wheatley, Marie Charpentier und Thomas. Soviel also zum Une nuit en eaux profondes-Dreh — nach langer, langer Zeit wieder ein richtiger Arthaus-Film aus dem Hause Vivàsvan Pictures! Antony und ich haben uns darauf geeinigt, vor der Veröffentlichung des Films nichts oder nur wenig nach außen dringen zu lassen, also hab ich heute auch nur ein Foto für Euch.

Am Set mit Manuel Blanc, Thomas Laroppe und Antony Hickling. (Photo © by Lucile Adam)

Am Set mit Manuel Blanc, Thomas Laroppe und Antony Hickling. (Photo © by Lucile Adam)

Paris war größtenteils regnerisch oder zumindest grau verhangen. Zum ersten Mal konnte ich meine französischen Freunde verstehen, die immer jammern, wie ungern sie in Paris leben. Ein Leben wie in einer Postkarte, une carte postale, eingepfercht zwischen architektonischen Kunstwerken in engen Straßen. Bei gleicher Einwohnerzahl hat Paris flächenmäßig nur einen Bruchteil dessen, was Berlin zur Verfügung steht. Dazu der ungleich größere Touristenstrom. Hunderttausende. Täglich. In den Bahnhöfen der Banlieues arbeiten zur rush hour Menschen, die dafür bezahlt werden, die Menschenmassen in die Züge zu schieben. Wie in London. Da die Apartments so winzig sind, dass man dort nicht vernünftig kochen kann, isst man jeden Abend auswärts. Die Cafés und Restaurants sind also immer voll, übervoll. Dazu der nimmermüde Straßenlärm. Man hat keine Verschnaufpause, keine Ruhe. Bis zum ersten Wäldchen fährt man etwa 30 Kilometer stadtauswärts. Kein Wunder, dass die Pariser so unfreundlich, zuweilen sogar aggressiv sind. Nach zwei Wochen sehnte ich mich nach meinem ruhigen Zimmerchen in Berlin, nach Thorstens Musik, unserer schönen großen Küche, dem Mauerpark um die Ecke. So sehr ich Paris liebe, so gern ich dort arbeite: dauerhaft in der Innenstadt leben, das könnte ich nicht. Vielleicht außerhalb, das schon, aber wie Martin oder Antony mitten im zwölften oder Laurent im 14. Arrondissement? Nein, dazu hat mich Berlin in Sachen Lebenskomfort zu sehr verwöhnt.

Der Platz vor meiner Haustür in der Rue de Charenton.

Der Platz vor meiner Haustür in der Rue de Charenton.

Léonard sah ich diesmal leider nicht, Laurent Delpit war auch nicht frei. Dafür sah ich den lieben Nicolas Maille einige Male. Wir waren im Le Tango und schauten uns das Cabaret-Stück »Chantons dans le placard« an — herrlich! Eine Reise durch das französische Liedgut mit homosexuellem Inhalt, von Boby Lapointe bis Charles Aznavour war alles dabei. Zusammengehalten von einer possierlichen Rahmenhandlung, gut gespielt, hervorragend gesungen.
Im Café de l’industrie traf ich mich mit einer zauberhaften Facebook-Freundin, mit der ich mir bereits gut ein Jahr schrieb. Spaziergang durch den Nieselregen, kurzer Abstecher zum Père Lachaise, gutes Gespräch. Ein besonders schönes Restaurant ist Le Dôme du Marais: Äußerlich ein Nobelrestaurant, bei dem man Hemmungen hat, es ohne Hemd und Krawatte überhaupt zu betreten. Aber meine Trüffel-Schafskäse-Pizza kostete lediglich 22 Euro, den halben Liter Evian gab’s für sieben. Und die Maronencremesuppe war köstlich! Ihr wisst ja, mit gutem Essen kriegt man mich zu fast allem. Trotzdem: Ich habe endlich fünf Kilo abgenommen!
Am Tag meiner Abreise wurden am Flughafen meine Sabon-Einkäufe — meine Weihnachtsgeschenke für die Familie — gestohlen. Über 200 Euro einfach futsch. Der Vorteil: Der Abschied von Paris fiel mir dadurch etwas leichter. Nach der miesen Schnalle im Velodrom wurde ich nun schon zum zweiten Mal beklaut. Den ganzen Rückflug fluchte ich leise vor mich hin.

Der neue Coen-Film ist ihr vielleicht bester seit »Fargo« (1995), und der süße Oscar Isaac spielt oscarreif! Ein absolutes Muss für jeden Film- und Musikfan! Selbiges gilt für den neuen Polanski-Film: »La Vénus à la fourrure« ist filmische Vollkommenheit, Schauspielerkino vom Feinsten. Seit »Death and the Maiden« (1994) war der Meister nicht mehr so gut in Form. Ich würde sogar fast behaupten, es ist sein bester Film seit »Le locataire« (1976). Emmanuelle Seigner ist zu einer großen Charakterschauspielerin gereift, es ist eine Wonne, ihr zuzusehen. — In Berlin sah ich dann »Fack ju Göhte« (Regie: Bora Dagtekin). Gleich zweimal. Und beide Male lag ich vor Lachen schreiend auf dem Fußboden. Elyas M’Barek brachte mal wieder gehörig den Hormonhaushalt durcheinander. Außerdem wollte ich immer schon sehen, wie Uschi Glas aus dem Fenster springt. Chapeau, Herr Dagtekin!
Meine CD-Tipps für den Dezember: »Løve« von Julien Doré, »Après moi le déluge« von Alex Beaupain und »Bad Blood« von Bastille. Und lesen solltet Ihr die Liebesgedichte von Pablo Neruda, durch die werdet Ihr — versprochen! — in aller Winterskälte von der südlichen Sonne gestreift: »So kurz dauert die Liebe, und so lang ist das Vergessen.«

Dafür, dass ich kaum Werbung gemacht habe, verkauft sich Die Feuerblume ganz passabel, im Schnitt wird täglich ein Exemplar des Buches geordert. Bin also ganz zufrieden. Wenn ich nur wüsste, wann wir How Soft a Whisper Can Get… endlich abschließen werden.
Gestern war die letzte Performance von »Seven Seals«. 2014 möchte Barbara mit uns und dem Stück auf Tour gehen. Dazu aber demnächst mehr. Bitte weiterhin regelmäßig die Termine checken!

Für die kommenden Tage und Wochen habe ich hier für Euch eine Art Adventskalender vorbereitet. So ähnlich wie in 2011 mit den ganzen Clips. Diesmal habe ich vorweihnachtliche Filmtipps und Rezepte für Euch. Im bunten Wechsel mit Artikeln und Gedichten. Nach so einem blogfreien Monat seid Ihr bestimmt regelrecht ausgedürstet. Ich sah es an den explodierenden Besucherzahlen: Während meiner Abwesenheit überschritt mein Blog die 100.000-Besucher-Marke — Zeit, mich bei all den treuen Leserinnen und Lesern zu bedanken: Merci!

André

18 thoughts on “1. Dezember 2013

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