30. März 2013

Karfreitag. Kurz glaube ich, ich würde halluzinieren, als ich gegen sieben Uhr früh aus dem Fenster schaue und den Schnee mit befremdlicher Euphorie fallen sehe. Berlin hat den kältesten März seit 130 Jahren. Bravo!
     Immerhin ist es inzwischen schon so warm, dass der Schnee nicht liegen bliebt. Nasskalt verschmiert er die Gehwege, die Pfützen sind braun vermatscht, die verbliebenen Schneehügelchen längst vereist und allerorts mit Hundekot verziert. Da ist diese Schwere, bleiern und immobil, die ich mit mir durch die Tage schleppe. Chelito und ich gehen spazieren, und es regnet Tränen in mein Herz, sie tropfen herab und verlieren sich im Schneematsch. Die Agonie eines neuen Depressionsschubes kündigt sich an, und spätabends schließlich schluchze ich laut los. Sitze auf dem Fußboden, den Oberkörper auf meinem Schaukelstuhl abgelegt, und heule in mein Kissen hinein. Mein ganzer Leib wird gebeutelt, ausgewrungen, ich plärre wie ein Tier, kann lange nicht aufhören. Da ist die unbezwingbare Wut, die Enttäuschung, der Schmerz, vor allem jedoch die Hilflosigkeit. Nein, kein Mitleid, denn das hat immer auch etwas mit Verachtung zu tun. Das ist nicht der Fall. Am Mittwoch war bei Dr. F. vieles zutage gefördert worden, das lange geschlummert hatte. Seither arbeitet es in mir. Ein vielnamiges Es mit Fangarmen, die giftig zischeln und sich in die Nerven schlängeln, dicht unter der Hautoberfläche. Da ist eine große, mächtige Mahagonitür; eine Tür zu der Möglichkeit, Liebe zu leben. Warum kann ich in meinem Alltag nicht den Schlüssel zu dieser Tür finden? Weil diese Tür immer verschlossen bleibt, suche ich die Erlösung im Schreiben. Meine Texte sind voller Liebe, sie wissen um das Glück und um den Schmerz, in ihnen erfüllt und entfaltet sich beides. Aber die Liebe ist eingeschlossen in meiner Arbeit. Meine Liebe zu den Menschen — oder zeitweise zu einem bestimmten Menschen — bleibt seit inzwischen neun Jahren unerwidert. Ich überschwemme sie, opfere mich zu sehr. Wenn ich liebe, möchte ich teilen, will mich kümmern und bekümmern. Insgesamt tun wir zuwenig füreinander. Kümmerlich gehen wir aufeinander zu, und unser Mitgefühl ist stets nur ein sentimentales Gefühlchen. Belagert von den eigenen Dunkelheiten, sehen wir einander nur schwach, auch dort sogar, wo wir zu lieben meinen. Ein Riss durch alles hindurch, immer wieder dieser ätzend scharfe Riss. Und unter einem zerfetzten Himmel, den aufgerissenen Boden unter den Füßen, nehme ich mich zusammen, wie man die vier Enden eines Bündels knüpft, und trage geborstenes Vertrauen, Brocken von Angst, Bilder und Gedankensplitter, trage mich weiter von Ort zu Ort, mich und das Unerträgliche und versuche mit aller Kraft, den Sinn darin zu finden.

Die Woche hatte angefangen mit Barbaras Vorbeischauen am Montag, gefolgt von dem kurzen Überraschungsbesuch meiner Schwester. Am Dienstag schaute ich mir »Hai-Alarm am Müggelsee« (Regie: Sven Regener & Leander Haußmann) an, der mich gleichzeitig amüsierte und ärgerte; auch Tage später bin ich mir nicht sicher, ob ich den Film mochte oder nicht. Richard Griffiths ist gestorben, Madonnas Vermögen ist kleiner als erwartet, Jenny Elvers-Elbertzhagen wurde an einer Tanke mit Bier erwischt, Kalkofes neue Sendung soll gefloppt sein, Deutschland erwartet einen kräftigen Zuwanderungsstrom — bis zu 180.000 Menschen — aus Osteuropa. Täglich schreibe ich neue Szenen ins Drehbuch, unser Dossier für die Filmförderung haben wir bereits am 13. eingereicht. Gefreut habe ich mich unlängst über meine namentliche Erwähnung in einem formidablen Essay über das Berliner Kabarett, Weill, Brecht und Hollaender auf Musicuratum.com vom 17. März: »Eines Nachts in Berlin« heißt der brillant recherchierte und klug ausformulierte Artikel, und man schrieb unter anderem auch über meine (vor mittlerweile 16 Jahren aufgenommene und eigentlich nicht besonders gut gelungene) Fassung vom Mackie Messer.
     Der heutige Samstag ist ruhig. Thorsten hat im Badezimmer gewerkelt, und ich muss noch ein wenig Hausputz machen, bevor unser Besuch eintrifft. Wir wollen den Flur neu streichen und eine kleine Sitzecke mit Mediathek einrichten. Vorhin war T. da, wir hörten in der Küche ein Lied von Rainer Bielfeldt — »Gib auf deine Seele acht« — und ließen den Tränen freien Lauf. Es ist eine Zeit für Tränen. T. sagte, ich sei ein Sternenkind. Wir kennen uns seit bald 17 Jahren. Von ihm hatte ich zur Walpurgisnacht 1996, also am 30. April, meinen ersten richtigen Kuss empfangen. Dass wir uns immer noch kennen und lieben, ist eines der schönsten und eigentümlichsten Wunder meines Lebens.
     Dieser kurze Bericht ist ein wenig zu persönlich geraten und wäre in der VIP Lounge eigentlich besser aufgehoben, aber sei’s drum. In den kommenden Wochen werden sich die Einträge wieder mehr auf das Berufliche fokussieren. Und es gibt weiterhin Rezepte und Filmtipps.
     In Anbetracht der Temperaturen möchte ich an dieser Stelle »Fröhliche Ostnachten« wünschen. Prost!

André

Advertisements