25. Oktober 2012

André in Paris

Dieses Foto machte Laurent kurz nach meiner Ankunft von mir, als wir in der Rue Daguerre unser Abendessen holten. Wir hatten bereits ein Gläschen Champagner getrunken und waren uns redselig und froh in die Arme gefallen. Das Bild von mir gehört zu den wenigen, die mir wirklich gefallen. So glücklich bin ich nur in Paris.

Vorfreude am ersten Abend

Es erfüllte mich schon ein wenig mit Stolz, bereits zum zweiten Mal mit einem Film bei Chéries-Chéris vertreten zu sein. (Über das erste Mal schrieb ich hier.) Diesmal in (mehr als) angenehmer Begleitung und (vor allem) mit einem Film, zu dem ich uneingeschränkt stehen kann. Das Festival existiert seit mittlerweile 18 Jahren und gilt als eines der besten schwullesbischen Filmfestivals der Welt. Natürlich waren wir nervös. Das Pariser Publikum anspruchsvoll zu nennen, wäre eine Untertreibung.
     Ausgerechnet der große Saal — 500 Plätze — war für uns reserviert. Und dann die Zeit… Um 17 Uhr an einem Wochentag! Fast alle Pariser Freunde, die ich eingeladen hatte, sagten mir ab, weil sie arbeitsbedingt vor 18:30 Uhr nicht im Kino sein konnten. Der liebe Eric Brulin schaffte es immerhin rechtzeitig zur Publikumsdiskussion im Anschluss. Ja, die Vorstellung lief gut, das Publikum applaudierte frenetisch, es gab fröhliche Zurufe, ich kämpfte mit den Tränen, und auch Laurent brauchte ein paar Augenblicke, um die ersten Dankesworte auszusprechen. Guido, in dessen schmucker Wohnung wir im Dezember einige Szenen gedreht hatten, und Martin waren im Saal, und einige von Laurents Freunden natürlich auch.
     Eine junge Frau fragte mich, welche Botschaft ich mit diesem Film aussenden wollte, und ich meinte: »Keine. Ich glaube nicht an Botschaften.« — Stunden später, nach ein paar tieferen Gedanken zu der Frage, hätte ich wohl ganz anders geantwortet. Als wir Le deuxième commencement drehten, war ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich selber gerne wieder an die Möglichkeit der Liebe glauben und diesen Glauben auch anderen vermitteln wollte. Ob das eine message ist, weiß ich jetzt nicht, aber es war doch ein entscheidender Antrieb.
     Am meisten freute ich mich über jene, die mich ansprachen, als ich das Kino verlassen wollte. Wie zum Beispiel über den jungen, süßen Franzosen, der mich wissen ließ, dass er sich und seinen (deutschen) Freund in dem Film wieder erkannt habe. Er sprach das niedlichste Deutsch, das man sich vorstellen kann, ich antwortete auf Französisch. Oder die Dame, die mich fragte, ob der Film autobiographisch sei, und der ich ehrlich antworten konnte: »Nein. Wenn die Geschichte autobiographisch wäre, hätte ich den Film nicht gemacht. Ich bin kein Exhibitionist.« — Da ich mich gesellschaftlich immer eher im Abseits gesehen habe, wofür ich meine biedere provinzielle Herkunft verantwortlich mache (wie war das noch gleich? »Provinz ist da, wo man Lehrer zu den Intellektuellen zählt.« Wobei ich noch hinzufügen möchte: »Provinz ist da, wo man Kinder ›kiddies‹ nennt, um cool zu wirken.«), ist es mir ein Trost, wenigstens für die Franzosen sexy, exotisch, charmant, intellektuell und begehrenswert zu sein.
     Im Jet Lag, direkt neben St. Eustache, saßen wir anschließend noch einige Stunden beisammen und klönten. Laurent und ich strahlten einander an und waren so, so erleichtert und glücklich und stolz und dankbar und auch etwas weinselig…

Martin, Laurent und ich kurz vor der Vorstellung

Am Freitag sah ich spätabends noch »Hors les murs« von David Lambert, ein bewegendes, schlafraubendes Erlebnis mit zwei grandiosen Hauptdarstellern. (Guillaume Couix und Matila Malliarakis wurden dann auch als beste Schauspieler ausgezeichnet.) Das erste Drittel des Films ist so poetisch und zart, die Liebesgeschichte so phantasievoll und detailliert gezeichnet, dass die dramatische Wucht, die in der zweiten Filmhälfte das Paar auseinander reißt, den Zuschauer regelrecht überfährt. Mir gefiel der Facettenreichtum von »Hors les murs«. David Lambert hat hier mehrere Geschichten erzählt und sie kunstvoll miteinander verwoben. Die Figur von Matila Malliarakis macht eine enorme Entwicklung durch, die alleine schon eine ganze Mini-Serie füllen würde. 15 Jahre blieb Lambert am Ball — so lange dauerte es, bis er seinen Film vom ersten Drehbuchentwurf bis zum letzten Schnitt fertig hatte. Wir kamen nach der Vorführung kurz ins Gespräch; ich war noch so bewegt und hatte mit meinen Tränen zu kämpfen, dass ich ihm einfach nur sagen konnte, dass sich seine Beharrlichkeit ausgezahlt hat und ich ihn dafür bewundere. Die beiden anderen Filme, die ich sah, »I Want Your Love« (Regie: Travis Mathews) und »Una noche« (Regie: Lucy Mulloy), gefielen mir weniger. Travis Mathews’ Film hat Charme und Esprit, seine Schnitte sind dynamisch, und sein Sinn für Ästhetik trifft meinen Geschmack, aber leider trug die Handlung keinen abendfüllenden Film.

Am Sonntag, das Festival war schon fast vorbei und ich auf dem Weg zur Vorführung von »Una noche«, traf ich etwas verspätet im Forum des images ein und lief auf dem Weg zum Saal der Festivalleiterin Pascale Ourbih und Rossy de Palma in die Arme. Irgendwie hatten wir uns an den anderen Tagen immer verpasst, Laurent und ich waren schon ganz enttäuscht gewesen. Pascale lobte unseren Film in den höchsten Tönen. Die Konkurrenz sei ja groß gewesen, dieses Jahr waren besonders viele Bewerbungen eingegangen, aber Le deuxième commencement sei so »delikat und echt« gewesen, dass wir sie tief berührt und überzeugt hätten. Wieder war ich den Tränen nahe — obwohl mir natürlich bewusst war, dass unser Film etwas Besonderes sein musste, wenn er trotz seiner Zwischenlänge bei einem solchen Festival gezeigt wird —, und Laurent sagte, dass wir bald noch einen Epilog drehen würden. Rossy de Palma, ganz in schwarz gekleidet wie Morticia Addams, hob die Augenbrauen und rollte dunkel die Rs, als sie erwiderte: »J’adoooorrrre les épilogues!«
     Bei der soirée de clôture am Sonntag im Le Tango tanzte ich mit Martin und führte tolle Gespräche. Was für ein ausnehmend hübscher Mann dieser Matthieu Charneau doch ist! Nicolas Maille sprach mich an und Hervé, den ich seit November 2010 nicht mehr gesehen hatte. Matila Malliarakis tanzte herzallerliebst mit seiner Freundin durch den Laden, und der überglückliche David Lambert war auch da. Und immer wieder Fremde, die mich umarmten und mir sagten, wie viel mein Film ihnen bedeute. Pascale, die ganz ohne Falschheit oder Missmut mein Talent lobte. Es ist ein alter Hut, gewiss, aber ich erfahre es immer wieder: Als Kulturschaffender — egal, ob nun Fotograf, Schauspieler, Musiker, Autor, bildender Künstler, Filmemacher oder was anderes — wird man in Frankreich geliebt, in Deutschland miss- oder vielmehr verachtet. Das zeigt sich nicht zuletzt in den Gagen, die in Deutschland gezahlt werden und uns suggerieren: »Deine Arbeit ist nichts wert!« — In Paris ist der Umgang respektvoll und auf eine kritische Weise schwärmerisch. Man setzt sich mit der Arbeit auseinander, sucht den Dialog, hinterfragt, nimmt wahr. Von Missgunst, Neid, Vorverurteilungen und Häme — hierzulande leider Usus — ist nichts zu merken. Man mäkelt nicht, man tritt nicht nach. Da sich hier nun einige Türen zumindest einen kleinen Spalt weit geöffnet haben, liegt es tatsächlich nahe, mir meine neue künstlerische Heimat in Paris zu suchen.
     Martin meinte, ich müsse lernen, auf die Leute zuzugehen, es gäbe keinen Grund, scheu zu sein. Ich bräuchte Visitenkarten, eine Pressemappe. Ich sagte ihm, ich sei froh, dass ich mir überhaupt die DVD-Rohlinge kaufen konnte… — Und was den Mut anbelangt, das Selbstvertrauen: Da arbeite ich dran. Wirklich. Die letzten Jahre haben so viel kaputt gemacht, mich so sehr geschwächt, das wird ein Weilchen dauern. Aber ich bin auf dem Weg der Besserung.

Laurent und ich: ganz stolz

Laurent Kupferman, mit dem ich mich bei meinem letzten Paris-Aufenthalt in der Rue Daguerre getroffen hatte, lud Martin, Laurent und mich am Sonntag zum Brunch ein. Er ist ein zauberhafter, gescheiter Mann, spricht ein flinkes Französisch und ein possierliches Deutsch. Schriftsteller und Radiomoderator. Am Samstag hatte ich als Zuschauer bei fnac in Saint-Lazare seinen Interview beigewohnt, hatte aber vorzeitig gehen müssen, weil ich am frühen Abend mit dem Pianisten Christophe Dies-Ksikes im Jet Lag verabredet war. Wir tranken Earl Grey und sprachen über Numerologie, Musik und Reisen. Ein kurzes, angenehmes Kennenlernen. Mein Terminplan war so voll, dass ich kaum Zeit für meine obligatorischen Einkäufe hatte. Da ich zur Zeit allerdings süchtig nach Gazpacho bin — das fing im August in Spanien an —, besorgte ich mir einige Liter für die fade Restzeit in Hölldesheim. Ich kaufte auch einen Laib frisches Landbrot für meine Eltern, meinen neuen Taschenkalender, einige Filme und CDs.
     Vorgestern, am Dienstag, kam noch eine Nachricht aus Paris: »J’ai beaucoup aimé [Le deuxième commencement], comme le précédant. Je trouve que tu as vraiment du talent pour capter la vérité des relations humaines et des sentiments. Nos jours légers donnait envie de tomber amoureux et celui-là donne envie de retomber amoureux ! J’espère qu’il pourra trouver malgré son format une diffusion en France, au moins dans les nombreux festivals lgbt que nous avons.«
     Ich glaube, ich brauch nicht weiter zu betonen, wie glücklich und motiviert ich gerade bin.
     Seid gegrüßt!

André

Advertisements