Filmtipp #452: Alta tensión

Alta tensión

Originaltitel: Alta tensión/Doppia Coppia con Regina; Regie: Julio Buchs; Drehbuch: Mino Roli [Mike Ashley], Domenico Comanducci, Federico de Urrutia; Kamera: Mario Montuori; Musik: Gianni Ferrio; Darsteller: Marisa Mell, Gabriele Ferzetti, Juan Luis Galiardo, Patrizia Adiutori, Helga Liné. Spanien/Italien 1972.

Alta tensión

Ein psychologischer Giallo aus Spanien, der es in Atmosphäre und Eleganz mit den besten Vertretern des US-amerikanischen film noir aufnehmen kann und nicht von ungefähr reichlich Parallelen mit »Double Idemnity« (Regie: Billy Wilder) aufweist. Schon der farbenprächtige Titelvorspann mit der herrlichen Musik Gianni Ferrios stimmt auf ein optisch geradezu verschwenderisches Kleinod ein — es ist ein Rätsel, wie dieser gute Streifen so in Vergessenheit geraten konnte. Außerhalb Spaniens und Italiens wurde der Thriller nirgends gezeigt.

Juan Luis Galiardo gibt eine glänzende Vorstellung in dem sehr gut geschriebenen Part des ewigen Verlierers José, der als Mechaniker seine Brötchen in einer Autowerkstatt verdient und von einem besseren Leben in der high society träumt. Das Skript und sein Spiel ermöglichen dem Zuschauer einen klaren Zugang zu seinen Ambitionen, seiner Frustration und seinen Rückschlägen. José ist sympathisch, hat an sich ein gutes Herz, möchte schnell voran kommen und hat es satt, von den Reichen abschätzig behandelt zu werden und sich mit seinem miesen Job über Wasser halten zu müssen. Bei einer Sportwette wird er um seine letzten Ersparnisse gebracht — ein Desaster, das ihm gerade noch gefehlt hat. Die Bekanntschaft mit der aparten Fotografin Elisa (Adiutori) ermöglicht dem armen Kerl den ersehnten Weg in die Oberschicht. Bei einer Vernissage in Madrid lernt José die wohlhabende Laura (Mell) kennen, die mit dem wesentlich älteren Pablo Moncada (Ferzetti) verheiratet ist, den sie nach Kräften hasst. In ihrer feudalen Villa macht Laura dem schicken Mechaniker ein lukratives Angebot — er soll ihren Gatten töten, da sie aufgrund einer fiesen Klausel im Testament ihres Vaters an diesen gebunden ist und nicht frei über ihr Vermögen verfügen kann. José, der der femme fatale längst liebestoll verfallen ist, willigt ein — und tritt damit eine Kettenreaktion aus Intrigen und Irrtümern los…

Marisa Mell, die heute 78 Jahre alt geworden wäre, ist adäquat besetzt in der Rolle einer manipulativen Frau, die ihren Sex benutzt, um an ihr Ziel zu kommen. Wenn sie nicht gerade mit ihrer eruptiven Leidenschaft die Leinwand erfüllt, ist sie kühl, hoheitsvoll, berechnend. Eine Präzisionsleistung, ähnlich fesselnd wie in Una sull’altra, Marta, Pena de muerte oder La encadenada. Dazu trägt sie eine flotte Garderobe, die sich perfekt in den südeuropäischen Zeitgeit von anno dazumal einpasst. Aufgrund der zensurbedingten Keuschheit der Franco-Diktatur bleibt die Erotik in »Alta tensión« ziemlich diskret, was dem Film in seiner Gesamtheit sicher guttut, eingefleischten Giallo-Fans jedoch nicht so behagen mag. Die erotische Spannung zwischen Galiardo und Mell ist jedenfalls hervorragend austariert und sorgt für ein erbaulich knisternde Atmosphäre vom ersten Moment ihres Zusammentreffens. Das Hauptpersonen-Quartett wird komplettiert durch Gabriele Ferzetti, der den Miesnik Moncada mit der ihm eigenen Nonchalance und Doppelbödigkeit verkörpert, und Patrizia Adiutori, die einzige ungebrochen positive Figur des Films.

Ab Oktober 1971 in Madrid und Castilla y León gedreht, wurde »Alta tensión« der letzte Spielfilm von Julio Buchs (der wie ich am 10. März Geburtstag feierte). Der Sohn des legendären Stummfilm-Maestros José Buchs erlag am 20. Januar 1973, zehn Tage vor seinem Vater, in seiner Madrider Wohnung im Alter von nur 46 Jahren einem Herzinfarkt. 1975 entstand noch posthum der Horrorstreifen »Malocchio« (Regie: Mario Siciliano), zu dem Buchs mit seinem favorisierten Co-Autor Federico De Urrutia das Drehbuch verfasst hatte. Seine zwölf Regiearbeiten zeichneten sich allesamt, obwohl es sich zumeist um B-Movies wie beispielsweise »Encrucijada para una monja« (1967) oder »Los desesperados« (1969, mit Ernest Borgnine) handelte, durch inszenatorische Sorgfalt, Stil und Verve aus. »Alta tensión« zeigt das formvollendete Können des Meisters vor allem in einer brillant arrangierten Traumsequenz. Gesamtlaufzeit des sehenswerten Thrillers: 83 Minuten.

André Schneider

P.S.: Meine Mell-Biographie, Die Feuerblume — Über Marisa Mell und ihre Filme, ist nach wie vor im Handel erhältlich.

Artwork von Ingo Teichmann.

Artwork von Ingo Teichmann.

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4 thoughts on “Filmtipp #452: Alta tensión

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