Filmtipp #94: Mordsache Dünner Mann

Mordsache Dünner Mann

Originaltitel: The Thin Man; Regie: W. S. Van Dyke; Drehbuch: Albert Hackett, Frances Goodrich; Kamera: James Wong Howe; Musik: Dr. William Axt; Darsteller: William Powell, Myrna Loy, Maureen O’Sullivan, Nat Pendleton, Minna Gombell. USA 1934.

The Thin Man

Die Begegnung mit der kessen Millionenerbin Nora (Loy) war für den erfolgreichen, der Arbeit jedoch überdrüssigen Privatdetektiv Nick Charles (Powell) das große Los: Seit der Hochzeit widmet sich der Sunnyboy primär dem Trinken, dem aufgeweckten Terrier Mr. Asta (gespielt von Skippy, einem Fox-Terrier) und frechen Wortgefechten mit seiner Gattin. Er genießt den luxuriösen Ruhestand in der Villa seiner Frau in San Francisco — weitab vom Sündenpfuhl New York. Er denkt nicht im Entferntesten daran, jemals wieder einen Fall zu übernehmen, hat jedoch die Rechnung ohne seine Frau gemacht, deren Neugier bei einem Besuch in Manhattan geweckt wird: Der Wissenschaftler Clyde Wynant (Edward Ellis) wollte sich auf eine geheimnisvolle Reise begeben, verriet niemandem sein Ziel, versprach aber, rechtzeitig zu Weihnachten wieder in der Stadt zu sein, um der Hochzeit seiner Tochter Dorothy (O’Sullivan) beizuwohnen. Kurz vor seiner Abreise kam es zum Streit mit seiner Geliebten, die Wertpapiere aus Clydes Safe entwendet und verhökert hat. Kurz darauf wird die Dame ermordet aufgefunden, und von Wynant fehlt jede Spur. Nora und die Familie Wynant drängen den armen Nick dazu, den Fall zu übernehmen…

Der konventionell konstruierte, aber elegant gemachte Streifen wurde zum Inbegriff von sophistication, die perfekte Verschmelzung aus romantischer screwball comedy und Kriminalfilm. Ursprünglich als B-Produktion geplant, wurde der Film einer der größten Kassenschlager der dreißiger Jahre und brachte es bis 1947 auf insgesamt fünf Fortsetzungen (von denen man die letzten drei getrost vergessen kann). Dabei war das Studio zunächst sehr skeptisch gewesen. Regisseur W. S. Van Dyke, von seinen Mitarbeitern liebevoll Woody genannt, bekam erst grünes Licht, als er versprach, den Film in drei Wochen abzudrehen. Geschafft hat er es dann in zwei. Anschließend bekam Van Dyke den Beinamen »One-Take Woody« — und eine der insgesamt vier Oscarnominierungen, mit denen der Film bedacht wurde.
     Hauptgrund für das gute Gelingen und den Erfolg der Filmreihe war neben der brillanten Vorlage Dashiell Hammetts das perfekte Zusammenspiel des Hauptdarstellerduos. Was für eine Chemie! William Powell und Myrna Loy standen zwischen 1934 und 1947 in insgesamt 14 Filmen gemeinsam vor der Kamera. Als cocktailkippendes Detekivpärchen Nick und Nora Charles schrieben sie Filmgeschichte.
     Die Figur der Nora Charles konfrontierte den damaligen Zuschauer mit einem ganz neuen, unkonventionellen Frauentyp, der den Idealen der Zeit auf charmante Weise zuwiderlief: Nora ist mit ihrem Mann intellektuell auf einer Ebene und zeigt dies auf eine unterkühlte Art, mit der sie über das exzentrische Verhalten ihres Mannes schlicht hinwegsieht. Myrna Loys Sarkasmus ist göttlich! Symptomatisch für die Ausnahmestellung ihrer Figur sind Aspekte wie der beträchtliche Alkoholkonsum der jungen Frau (im dritten Teil der Reihe erzählt sie einer Freundin am Telefon: »Ja, wir hatten einen schönen Urlaub. In Boston war ich sogar nüchtern.«), ihre scharfsinnigen Deduktionen sowie die Eleganz, die ihr Verhalten auszeichnet. Dies spiegelt sich im Verhältnis zu Nick wider: Die Beziehung ist immer ironisch und als absolut ebenbürtig zu charakterisieren, was den emotional-patriarchalischen Klischees des frühen Kinos eklatant widerspricht. Insgesamt ist das Verhältnis der Eheleute der Kern der Filme, die Handlung ist dagegen fast irrelevant.
     Grandios auch der Filmhund Mr. Asta alias Skippy, den in den späten Dreißigern eine bemerkenswerte Karriere erwartete: Neben seinen Auftritten als Asta spielte er unter anderem noch Schlüsselrollen in Klassikern wie »Bringing Up Baby« (Regie: Howard Hawks), »The Awful Truth« (Regie: Leo McCarey) oder »Topper Takes a Trip« (Regie: Norman Z. McLeod). Leider wurde Skippy dermaßen populär, dass die Nachfrage nach Fox-Terriern so enorm stieg, dass die Tiere hoffnungslos überzüchtet wurden.
     Die Filmreihe wurde 1969 vom ZDF ins Deutsche synchronisiert, Rosemarie Fendel und Friedrich Schoenfelder sprachen die Rollen von Loy und Powell.

André Schneider

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