Filmtipp #270: Versuch’s mal auf Französisch

Versuch’s mal auf Französisch

Originaltitel: French Dressing; Regie: Ken Russell; Drehbuch: Peter Myers, Ronald Cass, Peter Brett, Johnny Speight; Kamera: Ken Higgins; Musik: Georges Delerue; Darsteller: James Booth, Roy Kinnear, Marisa Mell, Alita Naughton, Bryan Pringle. GB 1964.

French Dressing

Anfang 1963, Marisa Mell drehte hauptsächlich in Deutschland, wohnte jedoch noch immer mit Henri Tucci in Wien, erreichte sie der Anruf ihrer Münchener Agentin Steffi Jovanović, es liege ein Angebot aus England vor: Hauptrolle, Gage gut, nur: »Die Darstellerin muss Englisch sprechen. Was soll ich machen?«
Marisa, die damals nur etwas Schulenglisch sprach, war mutig: »Sag zu!«
Jovanović: »Waaaaas? Mensch, Marissssa, spinnst du? Dein Englisch ist doch, na, scheissssse.«
Marisa: »Steffi, sag zu. Sage ihnen, ich spreche Englisch, und die Sache hat sich. Sag zu, okay?«
Jovanović: »Und was ist mit deinem Scheisssse-Englisch, ha?«
Marisa: »Das lerne ich. Bis wir drehen, kann ich es.«
Jovanović: »Ich sag zu, ja? Und in drei Tagen ruft der Produzent aus London an und will mit dir sprechen. Auf Englisch, und dann…?«
Der Produzent des Films »French Dressing«, Kenneth Harper, meldete sich tatsächlich ein paar Tage später, um seine Hauptdarstellerin — und deren Englischkenntnisse — telefonisch kennen zu lernen. Er wusste nicht, dass er nicht Mell, sondern ein Double am Apparat hatte: Die Schauspielerin hatte eine Freundin, die fließend Englisch sprach, gebeten, das Gespräch für sie zu führen, um Zeit zu gewinnen, während sie ihr Englisch aufpolierte:
»In London kam ich an, sah und … lachte. Ich lachte perlend über jede Bemerkung, die meine ›Engländer‹ machten. Ich lachte schon, wenn sie den Mund aufmachten, und ansonsten schwieg ich. Da die Engländer Leute sehr mögen, die nicht viel reden, kam ich damit einigermaßen gut durch, wenigstens zunächst. Dann erhielt ich das Drehbuch. Ich büffelte Tag und Nacht. Ich lernte das Drehbuch auswendig, nicht nur meine Szenen. Als es dann zum Drehen kam, war ich der einzige Mensch am Set, der alle lines perfekt beherrschte. Ich war so etwas wie ein wandelndes Drehbuch geworden. Eigentlich hätten sich die Filmleute das Script-Girl sparen können, denn ich wusste jederzeit, wer wo was und wie sprechen sollte.
Der Filmtitel war doppeldeutig: »French Dressing«. So heißt sowohl die typische, französische Salatsauce aus Senf, Öl, Essig, Pfeffer und Salz, mit einem Spritzer Weißwein, als auch die ›Französische Mode‹. Es war mehr oder weniger eine Brigitte Bardot-Persiflage, und ich sollte die Brigitte mimen. Als wir uns später angefreundet hatten, lachten wir Tränen darüber, zumal ich ihr immer wieder die Bardot des Films vorspielte. Aber ich lernte auch wirklich. Noch während der Dreharbeiten perfektionierte ich mein Englisch, sodass ich nach dem Abdrehen tatsächlich ein fast fehlerfreies klassisches Englisch sprechen konnte.« (Marisa Mell, »Coverlove«)

»French Dressing« wurde noch vor dem »letzten Ritt nach Santa Cruz« (Regie: Rolf Olsen), dessen Aufnahmen sich bis in den Februar 1964 hinstreckten, gedreht. Regie führte Ken Russell. Selbstredend behauptet Mell in »Coverlove«, dass sie vor Drehbeginn genau gewusst habe, mit was für einem Großkaliber von Regisseur sie es zu tun hatte. Dies ist gelogen, denn Russell gab mit »French Dressing« seinen Einstand als Spielfilmregisseur. Zuvor hatte er lediglich Dokumentationen für die BBC und ein paar Kurzfilme gemacht, die außerhalb seiner Heimat kaum Beachtung gefunden hatten. Erst später sollte er mit kontroversen Filmen wie Women in Love, »The Music Lovers« (1970), »The Devils« (1971) und der Rock-Oper »Tommy« (1974) zu einem der bekanntesten und exzentrischsten Filmemacher Großbritanniens avancieren.
In dem (fiktiven) Küstenörtchen Gormsleigh-by-the-Sea, das ein wenig an Brighton erinnert, herrscht tote Hose. Ohne Touristen ist alles öde und leer. Um Gormsleigh ein wenig aufzupeppen, schlägt der pfiffige Tagelöhner Jim (Booth) dem Bürgermeister vor, ein Filmfestival aus der Taufe zu heben. Um dem Ganzen etwas Prestige zu geben, soll ein französisches Starlet rangeholt werden: Brigitte Bardot — BB — kann man sich nicht leisten, also nimmt man die temperamentvolle Françoise Fayol — FF —, die von MM gespielt wird. Zunächst läuft alles ganz viel versprechend an, doch bald schon jagt eine Katastrophe die nächste, und Jim und seine Freundin (Naughton) haben alle Hände voll zu tun, den guten Namen der Stadt zu retten.
Mit blonder Perücke und viel »oh là là« braust die Mell als französischer Wirbelwind in diesen Film, eine Möchtegern-Bardot, die als serious artist anerkannt werden möchte, sich in den modernen französischen Filmen jedoch immer wieder nur ausziehen soll. In dieser Hinsicht nimmt die Rolle in ironischer Weise Mells eigenes späteres Schicksal vorweg. Ihre Performance ist comichaft-stürmisch, sie prescht mit ungeheurer Wucht voran und drückt bei dem ohnehin schon rasanten Tempo des Films noch einmal gehörig aufs Gas. Dabei tritt sie unter anderem im Bikini mit Hula-Hoop-Reifen und als rauchende Nonne in Erscheinung.

»French Dressing« ist über weite Strecken ein Stummfilm, Russell arbeitet mit den verschiedensten Stilmitteln aus früheren Zeiten: viel Zeitraffer, viele Halbtotalen, jump cuts, sogar ein wenig Schattentheater. Eine experimentelle Komödie, in der sich Slapstick und swinging sixties die Hand reichen. Vergleiche mit Tati, Chaplin und Buster Keaton werden evoziert. Nur wenig später sollte der in England lebende US-Amerikaner Richard Lester mit »The Knack … and How to Get It« (1965) und »Help!« (1966) mit genau dieser Art Film enormen Erfolg haben; Lindsay Anderson, Karel Reisz und andere Filmemacher sprangen ebenfalls auf diesen Zug auf. Russell war mit »French Dressing« seiner Zeit nur marginal voraus: Der Film wurde ein Totalflop, für den Nachwuchs-Regisseur ein schwerer Schlag, an dem er noch Jahre zu knapsen hatte. Während der Londoner Uraufführung am 10. April 1964 hätte er sich am liebsten eingegraben: »Selbst die Männer, die die Projektoren bedienten, krittelten an dem Film herum. Die Produzenten hatten meine liebste Szene geschnitten, so dass eine Handlungslücke entsteht, die den Film aufbricht. Während der Afterparty saß ich isoliert in einer Ecke, anschließend taumelte ich von Bar zu Bar und betrank mich.« — Er kündigte an, nie wieder einen Spielfilm inszenieren zu wollen und arbeitete die kommenden drei Jahre wieder als Auftragsregisseur für Dokumentarfilme beim Fernsehen. »French Dressing« hatte lediglich einen limited run, lief also nur in wenigen ausgewählten Kinos, und war nach desaströsen Besprechungen auch rasch wieder verschwunden.

Filmhistorisch ist »French Dressing« eine terra incognita und galt viele Jahre als »Russells verschwundenes Meisterwerk«. Der Film wurde niemals im Fernsehen ausgestrahlt und fand auch auf VHS und DVD keine Veröffentlichung. Das US-amerikanische Publikum kam erst 2004 in den Sehgenuss. Am 22. August 2008, mehr als 44 Jahre nach der Weltpremiere, organisierte der inzwischen 81jährige Ken Russell ein einmaliges outdoor screening seines Erstlings beim Herne Bay Festival in der Grafschaft Kent; Teile des Werks waren seinerzeit dort gedreht worden. Eine Kopie des Films befand sich im Besitz des »National Film and Television Archive« in London. Seine Unbekanntheit in Verbindung mit dem weltberühmten Regisseur machte »French Dressing« über die Jahrzehnte zu einem Kultfilm. Jahrelang gab es Online-Petitionen, die sich für ein DVD-Release stark machten — und im April 2015 war es endlich soweit: Network brachte den Film in makellos restaurierter (Widescreen-)Fassung auf den englischen Markt; sogar drei fehlende Filmminuten wurden wieder eingefügt. Als Extras gibt es die Pressehefte, eine schicke Bildergalerie und den kauzigen Originaltrailer von 1964. Marisa Mell zählte »French Dressing« stets zu ihren Lieblingsfilmen. Endlich können wir dieses verschollen geglaubte Kleinod entdecken.

André Schneider
(Teile dieses Textes stammen aus dem Buch Die Feuerblume — Über Marisa Mell und ihre Filme.)

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3 thoughts on “Filmtipp #270: Versuch’s mal auf Französisch

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