Filmtipp #77: Mr. & Mrs. Smith

Mr. & Mrs. Smith

Originaltitel: Mr. & Mrs. Smith; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Norman Krasna; Kamera: Harry Stradling; Musik: Roy Webb; Darsteller: Carole Lombard, Robert Montgomery, Gene Raymond, Jack Carson, Philip Merivale. USA 1941.

Mr. & Mrs. Smith

Keine Angst, mein guter Geschmack hat mich nicht verlassen. Es geht hier heute nicht um das hohle Brangelina-Spektakel gleichen Titels, sondern um ein spritziges Kleinod aus dem reichen Schaffen Alfred Hitchcocks. »Mr. & Mrs. Smith«, nach »Rebecca« (1940) und »Foreign Correspondent« (1940) seine dritte Arbeit in den Vereinigten Staaten, stellt im Œuvre des Meisters eine Ausnahme dar: es war die erste und einzige typisch amerikanische Komödie des Thriller-Experten. Gegenüber Truffaut bedauerte er Jahrzehnte später: »Ich habe mich mehr oder weniger an das Drehbuch von Norman Krasna gehalten. Da ich die Art von Leuten nicht verstand, die in dem Film gezeigt wurden, habe ich die Szenen einfach so fotografiert, wie sie beschrieben waren.« Dabei schlug sich Hitchcock in diesem ihm fremden Metier der screwball comedy überaus wacker — einen vergleichbar guten Thriller hätte man von Howard Hawks wohl nicht erwarten können. Auch an der Kinokasse war die turbulente Komödie seinerzeit ein achtbarer Hit.

Der Ausgangspunkt ist simpel: Der gut situierte Rechtsanwalt David Smith (Montgomery) aus New York liefert sich mit seiner quirligen Frau Ann (Lombard) höchst anspruchsvolle und langwierige Eheschlachten — anspruchsvoll und langwierig deshalb, weil sie übereingekommen sind, sich so lange zusammen einzuschließen, bis der Streit geschlichtet ist, und das kann dauern. Ann hält eisern an dieser Regel fest: »Wenn mehr Ehepaare unserem Beispiel folgten, gäbe es keine Scheidungen mehr!«
     Nach einem solchen Konflikt, der David tagelang im ehelichen Schlafzimmer gefangen hielt, gesteht er seiner Frau, dass er sie, wenn er die Wahl hätte, nicht noch einmal heiraten würde. Obwohl er sie natürlich liebt. Ausgerechnet an diesem Tag kommt ein kauziger alter Mann mit Neuigkeiten in Davids Kanzlei: Möglicherweise ist die Ehe sowieso ungültig…
     Es ist relativ leicht vorhersehbar, wohin die Geschichte sich entwickelt. Bevor der durch die Neuigkeiten erotisch aufgeheizte David am Abend nach Hause kommt, um unehelichen Geschlechtsverkehr mit seiner Nicht-Ehefrau zu haben, wurde diese natürlich über den Zustand ihrer Ehe in Kenntnis gesetzt. Sie und ihre prüde, verängstigte Mutter zeigen sich empört über Davids frivole Avancen. Sein bester Freund Jeff (Raymond) entpuppt sich als mieser Verräter und macht Ann den Hof, während David versucht, seine abtrünnige Nicht-Gattin zurück zu bekommen. Natürlich geht das Ganze gut aus: Nach einigen Rangeleien, Eifersüchteleien und viel zerbrochenem Geschirr versöhnen sich David und Ann im Skiurlaub.

Hitchcock hatte das Glück, hier mit den versiertesten Könnern der screwball comedy arbeiten zu können: Norman Krasna war damals schon einer der besten Autoren auf dem Gebiet, seine Geschichten waren ebenso temperamentvoll wie einfallsreich, und seine köstlich-doppeldeutigen Dialoge zünden selbst heute noch; Carole Lombard, damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, war hinreißend komisch und umwerfend schön; Kameramann Harry Stradling ersonn einige hübsche Spielereien, die »Mr. & Mrs. Smith« auch visuell ansprechend machen. Mit Lucile Watson, Jack Carson und William Tracy war Hitchcocks kleiner Ausflug in fremde Gefilde auch in den Nebenrollen superb besetzt.
     Den Regieauftrag für »Mr. & Mrs. Smith« übernahm Hitchcock Carole Lombard zuliebe, mit der ihn seit seiner Ankunft in Hollywood eine enge Freundschaft verband — er und seine Frau Alma hatten nach Lombards Hochzeit mit Clark Gable ihr Haus gemietet — und die ihn fragte, ob er nicht einmal einen Film mit ihr drehen wolle. Krasnas wunderbares Drehbuch lag bereit, und RKO stürzte sich förmlich auf den Deal. Für die männliche Hauptrolle hatte Hitchcock ursprünglich Cary Grant haben wollen. Da dieser jedoch bereits andere Verpflichtungen hatte, sprang der gewitzte Robert Montgomery ein. (Mit Grant drehte Hitchcock später noch vier seiner berühmtesten Filme mit vier seiner berühmtesten Blondinen: »Suspicion« (1941, mit Joan Fontaine), »Notorious« (1946, mit Ingrid Bergman), »To Catch a Thief« (1955, mit Grace Kelly) und schließlich »North by Northwest« (1959, mit Eva Marie Saint).)
     Die Dreharbeiten zu »Mr. & Mrs. Smith« fanden vom 5. September bis zum 2. November 1940 statt und waren von einer ausgelassenen Stimmung geprägt, für die vor allem Carole Lombard mit einer Flut erfindungsreicher Streiche sorgte. So nahm sie beispielsweise Hitchcocks damals schon legendäre Bemerkung, alle Schauspieler seien Vieh, wörtlich und ließ drei Kühe in Käfigen ins Studio schaffen, die jeweils Schilder mit den Namen eines der drei Hauptdarsteller um den Hals trugen. Für die begabte Komikerin wurde »Mr. & Mrs. Smith« der vorletzte Film, sie kam im Januar 1942 33jährig bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

André Schneider

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