Filmtipp #445: Laura

Laura

Originaltitel: Laura; Regie: Otto Preminger; Drehbuch: Jay Dratler, Samuel Hoffenstein, Elizabeth Reinhardt [Betty Reinhardt], Kamera: Joseph LaShelle; Musik: David Raksin; Darsteller: Gene Tierney, Dana Andrews, Clifton Webb, Vincent Price, Judith Anderson. USA 1944.

Laura

Nicht einfach ein film noir — »Laura« ist vermutlich der film noir. Von der 20th Century Fox von vornherein als B-Produktion geplant, mauserte sich der fulminant inszenierte Streifen zu einem Sensationserfolg für alle Beteiligten und ist heute längst einer der größten Klassiker der Filmgeschichte. Geahnt hatte das wohl niemand außer Otto Preminger, der sich diesen Regieauftrag gegen den Willen von Fox-Chef Zanuck hart erkämpft hatte. Preminger, den Zanuck nicht sonderlich leiden konnte, war per Zufall an einen Vertrag mit der Fox gekommen, als dieser wegen kriegsbedingter Verpflichtungen gerade abwesend war; Zanucks Stellvertreter Alfred L. Werker hatte Otto Preminger mit einem Siebenjahresvertrag ins Boot geholt und war nach der Rückkehr des Studiobosses dafür entlassen worden. Obschon Zanuck nicht allzu begeistert von dem »Laura«-Stoff war, weigerte er sich beharrlich, Preminger die Leitung am Set zu übertragen und bot das Projekt geradezu wahllos anderen Regisseuren an, die jedoch aus Solidarität mit dem Exil-Österreicher dankend ablehnten. Rouben Mamoulian sagte in letzter Sekunde zu, um bereits nach wenigen Tagen wegen Premingers persistierender Einmischungen — Preminger zeichnete immerhin für die Produktion verantwortlich — das Handtuch zu werfen, so dass dieser doch noch den Film beenden durfte. Das Ergebnis ist ein zeitlos geniales kriminalistisches Verwirrspiel, das beste Hollywood-Perfektion bietet, von den pointierten schauspielerischen Leistungen über die grandiose Musik, die fabelhafte Ausstattung bis hin zur brillanten, oscargekrönten Kameraarbeit.

Dana Andrews ist genau richtig in der Rolle des smarten Ermittlers McPherson, der den Mord an der schönen, erfolgreichen Geschäftsfrau Laura Hunt (Tierney) untersuchen muss. Schon die Identifizierung der Leiche ist praktisch unmöglich, denn eine Schrotladung hat das Gesicht der Toten bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet. McPhersons Nachforschungen führen ihn zu Lauras windigen Liebhaber (Vincent Price hielt dies für den besten Film seiner Karriere) und zu dem zynischen Kritiker Waldo Lydecker (Webb), der Laura auf den ersten Sprossen ihrer Karriereleiter unterstützt hatte. Fasziniert von den Beschreibungen der Verdächtigen von Laura und bezaubert von einem riesigen Ölportrait der Toten in ihrer Wohnung, wird der Fall für McPherson schon bald zu einer delirierenden Besessenheit, die den Ermittler mehr und mehr in den Bann der Toten treibt. Der Fall nimmt schließlich eine überraschende Wendung, als die Totgeglaubte plötzlich quicklebendig auf der Bildfläche erscheint. McPherson ahnt, dass der Mörder die falsche Frau umgebracht haben muss. Es beginnt ein lautloser Kampf, in dessen Verlauf McPherson darauf bauen muss, dass sich der Täter selbst entlarvt…

Auf die Frage, wieso er der bessere Regisseur für »Laura« gewesen sei als Mamoulian, antwortete Otto Preminger später: »Rouben Mamoulian kennt nur nette Menschen. Ich verstehe die Figuren in ›Laura‹ einfach besser. Es sind alles Mistkerle, wie meine Freunde.« Nachdem Preminger Mamoulian losgeworden war, begannen die Dreharbeiten von vorn, mit neuem Kameramann, neuer Ausstattung und zum Teil auch neuer Besetzung. Darryl F. Zanuck war dagegen gewesen, den offen homosexuellen Clifton Webb als Waldo Lydecker zu besetzen, doch auch hier setzte sich Preminger durch und verschaffte Webb, der seit 1925 nicht mehr im Film gearbeitet hatte, sein spektakuläres Comeback. Die weibliche Hauptrolle war zunächst Hedy Lamarr angeboten worden, welche das Buch empört ablehnte; diese Entscheidung sollte sie später, als der Film zum Kassenhit geworden war und fünf Oscarnominierungen eingeheimst hatte, bitter bereuen (»Why did I turn down this part? They sent me the script, not the score.«). Die bombastisch-streicherlastige Musik von David Raskin wurde zu einer der berühmtesten Filmmusiken aller Zeiten. Der raffiniert aufgebaute, bis ins Detail liebevoll in Szene gesetzte Streifen spielte mehr als das Doppelte seiner Kosten ein und wurde zum Startschuss für Otto Premingers US-Karriere, die reich an Erfolgen sein sollte. In den kommenden Jahren drehte er für die 20th Century Fox eine ganze Reihe ähnlich gelagerter Streifen, bevor er sich in den 1950ern selbständig machte. Mit Gene Tierney, einer der schönsten Frauen, die die Traumfabrik je auf Zelluloid gebannt hatte, arbeitete der große Meister bis 1962 noch drei weitere Male zusammen. Sie gehörte zu den wenigen, die mit »Otto, dem Schrecklichen«, so sein Spitzname in Hollywood, gut klar kamen. Der in Wien aufgewachsene Regisseur galt als tyrannischer und cholerischer Schauspielerschreck; der Erfolg — insgesamt neun seiner Schauspieler (Clifton Webb, Maggie McNamara, Dorothy Dandridge, Frank Sinatra, James Stewart, Arthur O’Connell, George C. Scott, Sal Mineo und John Huston) führe er zu Oscarnominierungen — war und ist ihm jedoch nicht abzusprechen.

André Schneider

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2 thoughts on “Filmtipp #445: Laura

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