Filmtipp #289: Immer Ärger mit Harry

Immer Ärger mit Harry

Originaltitel: The Trouble with Harry; Regie: Alfred Hitchcock; Drehbuch: John Michael Hayes; Kamera: Robert Burks; Musik: Bernard Herrmann; Darsteller: Edmund Gwenn, John Forsythe, Shirley MacLaine, Mildred Natwick, Mildred Dunnock. USA 1955.

the trouble with harry

Hitchcock zählte diese skurril-morbide Komödie zeitlebens zu seinen Lieblingsfilmen. Zwischen Oktober und Dezember 1954 mit einem Budget von knapp über einer Million US-Dollar in Vermont realisiert, war »The Trouble with Harry« eine Art »Zwischenprojekt« zwischen Hitchcocks großen Filmen To Catch a Thief und »The Man Who Knew Too Much« (1956). Dem Altmeister war von vornherein klar, dass dieser sehr englische Film es an den nordamerikanischen Kinokassen schwer haben würde; er sollte nicht irren. In Europa indes, vor allem in England, Italien und Frankreich, mauserte sich »The Trouble with Harry« zu einem veritablen Hit.

Hitchcock war daran gelegen, seinen Stoff als stilvolles, wenn auch brüchiges Idyll anzulegen, und so siedelte er das makabre Geschehen um eine Leiche und eine Gruppe provinzieller Landeier, die nichts mit ihr zu tun haben wollen, im wunderschönen Indian Summer Neuenglands an. Robert Burks nutzte das neue Breitwand-Verfahren der Paramount, VistaVision, und setzte auf magisches Technicolor-Leuchten. Der Film strahlt regelrecht in den Farben des Herbstes: die Gelb- und Rottöne setzen eher leidenschaftliche als melancholische Akzente, das Weiß der alten Holzhäuser und das aufgeplusterte Blau der Damengarderoben verkünden eine heitere Freude am Leben. Man spricht von Blaubeermaultaschen und trifft sich zum Tee-und-Plauderstündchen auf einer in Gemütlichkeit gepolsterten Veranda; ein kleiner, aufgeweckter Junge sammelt Frösche, während seine Mutter Limonade zubereitet; die Besitzerin des Dorflädchens träumt von einer verchromten Registrierkasse. Hitchcock ging es um die malerische Wirkung. Auch über 60 Jahre später ist »The Trouble with Harry« ein betörend schöner Film.
Ganz entgegen seiner Gewohnheiten inszenierte Hitchcock »The Trouble with Harry« nicht als Star-Vehikel, sondern als kleines Ensemble-Stück. Nach drei Filmen mit der mondänen Blondine Grace Kelly und vor dem nächsten Projekt mit der populären all-american Doris Day gab er dem aparten Broadway-Grünschnabel Shirley MacLaine die Chance für ihr Leinwanddebüt. Man spürt, dass sie keinerlei Probleme damit hat, nicht wirklich als Star besetzt zu sein, sie spielt die Rolle der jungen Witwe mit Humor und Disziplin. Neben MacLaine verkörpert Edmund Gwenn — zum vierten und letzten Mal unter Hitchcocks Regie — den rüstigen Kapitän Albert Wiles im Ruhestand, der einer verbotenen Kaninchenjagd ebenso wenig abgeneigt ist wie der altjüngferlichen Miss Gravely. Mildred Natwick, bekannt aus Barefoot in the Park, hat hier ausnahmsweise die Rolle der geschickt zwischen Schicklichkeit und Sinnlichkeit lavierenden älteren Miss — ein seltenes Zugeständnis von Hitchcock, der ältere Frauen sonst gern als Schreckschrauben oder Spottfiguren inszenierte, selten als mütterlich zupackende wie Thelma Ritter in Rear Window. Für die Rolle des Malers Sam Marlowe, der sich in Shirley MacLaines Jennifer verliebt, engagierte der Meister John Forsythe, dem dieser Streifen zu einer TV-Karriere verhalf.
Diese vier Hauptfiguren erscheinen alle bei Harry auf der Bildfläche. Harry ist übrigens die bereits erwähnte Leiche. Er ruht entspannt auf einer Lichtung im Wald, eine kleine Wunde an der Stirn und etwas blass, aber das idyllische Bild nicht wirklich störend. Jennifers kleiner Sohn Arnie (Jerry Mathers) taucht als erstes auf, mit dem Gewehr auf imaginärer Pirsch, und erblickt den Toten. Dass Arnie für die Welt des Todes die geniale kindliche Gelassenheit mitbringt und somit über der klassischen kartesianischen Logik der Tätersuche steht, erkennt man an seinem wunderbaren Dialog mit Sam. Darin fällt seine Frage: »When was tomorrow yesterday?« Und als er als Antwort »Today« erhalten hat, wendet er sich wieder seiner Beute zu, einem frisch erlegten Kaninchen.
Kapitän Wiles glaubt, er sei für Harrys Ableben verantwortlich, weil er den Mann anstelle des anvisierten Karnickels getroffen habe. Miss Gravely fühlt sich ihrerseits schuldig, da sie dem zudringlich gewordenen Harry einen Schlag mit ihrem Spazierstock versetzt hatte. Und Jennifer hatte ihm vorher allerdings schon einen Schlag mit einer Milchflasche versetzt. Harry wird im Laufe des Tages insgesamt dreimal ein- und wieder ausgegraben, in eine Wanne gelegt und wieder neu auf der Lichtung platziert, wo ihn Arnie am nächsten Morgen noch einmal finden soll. Ein Millionär taucht auf, der Sams Bilder kaufen möchte. Und der Sohn der resoluten Ladenbesitzerin (die von Mildred Dunnock gespielt wird) ist als übereifriger Dorfpolizist auf Landstreicherjagd. Das Ganze wird in wunderbar choreographierten Sketchen, die wie Zahnräder ineinander greifen, in Szene gesetzt — bis zum erwartbaren Happy Ending.

»The Trouble with Harry« markierte den Anfangspunkt von Hitchcocks äußerst produktiver Zusammenarbeit mit dem Filmkomponisten Bernard Herrmann, mit dem er bis Marnie noch sechs weitere Filme machen sollte. Herrmann bezeichnete »The Trouble with Harry« später als seine beste Arbeit für Hitchcock.

André Schneider

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