Filmtipp #14: Das Quiller Memorandum

Das Quiller Memorandum

Originaltitel: The Quiller Memorandum; Regie: Michael Anderson; Drehbuch: Harold Pinter; Kamera: Erwin Hillier; Musik: John Barry; Darsteller: George Segal, Max von Sydow, Alec Guinness, Senta Berger, George Sanders. GB/USA 1966.

The Quiller Memorandum

Ein rundum geschlossenes Thriller-Meisterwerk aus der Zeit des Kalten Krieges. Von der Musik (John Barry) über die ausgefeilte Farbdramaturgie des Kameramanns Erwin Hillier bis hin zum Schnitt (Frederick Wilson) stimmt einfach alles. Und die Besetzung: superb!
     1966 erschienen, war »The Quiller Memorandum« an den Kinokassen leider nicht so erfolgreich, wie man es sich erhofft hatte. Das Publikum war an Agentenfilmen einfach übersättigt — nach den ersten James-Bond-Erfolgen schickte ja so ziemlich jedes Studio sein eigenes Bond-Plagiat ins Rennen. »The Quiller Memorandum« hatte da schlechte Karten, zumal er keine wilden Schießereien oder Verfolgungsjagden vorweisen kann, also nicht besonders actionlastig ist. Dafür schrieb kein Geringerer als Harold Pinter das Drehbuch: ausgezeichnete Dialoge, subtile Spannung, sehr viel Klasse.
     Der amerikanische Agent Quiller (George Segal) wird vom britischen Geheimdienst nach West-Berlin geschickt, um das Hauptquartier einer Gruppe gut organisierter Neonazis aufzuspüren, die nach und nach ihre Widersacher liquidieren. Bald schon wird Quiller beschattet und landet schließlich direkt im Nest der Neonazis in den Fängen ihres Anführers Oktober (gespenstisch: Max von Sydow).

Was mir am »Quiller Memorandum« besonders gefiel, waren die Schauplätze. Gedreht wurde unter anderem am Schlesischen Tor, am Wittenbergplatz, am Rüdesheimer Platz und im Olympiastadion. Alec Guinness spielt mit Nonchalance einen britischen Agenten, die wunderbare Edith Schneider (die deutsche Synchronstimme von Doris Day, Ingrid Bergman und Ava Gardner) ist in einer ihrer wenigen Filmrollen zu sehen, und die weibliche Hauptrolle spielt die damals gerade 25jährige Senta Berger. Die befand sich nach ihren Hollywood-Filmen mit Sam Peckinpah und Melville Shavelson auf dem Höhepunkt ihres internationalen Ruhms und ist hier von atemberaubender Schönheit. In »Quiller« spielt sie die Lehrerin Inge Lindt, in die sich der Titelheld verliebt. Ihre Rolle ist über weite Strecken der Handlung undurchsichtig und mysteriös. Die Aufklärung am Ende bleibt aus, ein mulmiges Gefühl bleibt zurück.

Die englische Special Edition der DVD empfehle ich allerwärmstens. Finger weg von der deutschen Synchronfassung! Die wurde auf das TV-Format 4:3 verstümmelt (1,33:1), der Film aber hat das Format 2,35:1 — die wunderbare Bildsprache Hilliers wurde also komplett zerstört, das Bild praktisch halbiert, und so sieht »Quiller« aus wie ein belangloser und grobkörniger Fernsehkrimi. Die englische DVD hat satte Farben, zahlreiche Specials und einen liebevoll restaurierten Ton.

André Schneider

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