Filmtipp #476: Herein ohne anzuklopfen

Herein ohne anzuklopfen

Originaltitel: Don’t Bother to Knock!; Regie: Cyril Frankel; Drehbuch: Denis Cannan, Frederic Gotfurt, Frederic Raphael; Kamera: Geoffrey Unsworth; Musik: Elisabeth Lutyens; Darsteller: Richard Todd, Nicole Maurey, Elke Sommer, Rik Battaglia, Judith Anderson. GB 1961.

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Richard Todd hat es mir seit Kindestagen angetan. Er war als Robin Hood sexy und charismatisch, in Hitchcocks »Stage Fright« (1950) beängstigend gut und in »Never Let Go« (Regie: John Guillermin) bewies er dramatisches Talent. Als Sohn eines britischen Offiziers in Irland geboren und aufgewachsen in Indien und Devon, zog es den ambitionierten Richard schon in jungen Jahren zur Bühne. Der Krieg unterbrach seine erfolgreiche Laufbahn am Dundee Repertory Theatre in Schottland; als Kriegsheld kehrte er 1945 dorthin zurück. Als dann West End und Broadway riefen, dauerte es bis zu den ersten Filmen auch nicht mehr lange. Für »The Hasty Heart« (Regie: Vincent Sherman) erhielt er einen Golden Globe sowie eine Oscarnominierung. Todd blieb bis ins hohe Alter schauspielerisch aktiv, obwohl das Schicksal es privat nicht allzu gut mit ihm meinte: zwei seiner vier Kinder begingen Selbstmord. Sein jüngster Sohn Seamus nahm sich 1997 19jährig das Leben, sein ältester Sohn Peter im Jahre 2005 im Alter von 53 Jahren. Richard Todd selbst starb 2009 im Alter von 90 Jahren friedlich auf seinem Bauernhof in Lincolnshire. Der ganz große Durchbruch in Hollywood war ihm nie gelungen, wohl auch, weil er zu sehr mit seiner englischen Heimat verbunden war und nicht dauerhaft nach Kalifornien ziehen wollte. Seine Glanzzeit auf der Leinwand erlebte er als matinée idol in den 1950ern — in zehn Jahren trat er in nicht weniger als 22 Kinofilmen und drei Fernsehspielen auf. Die Frauen mochten seine klaren blauen Augen und sein aristokratisches Auftreten. Ian Fleming hätte ihn gerne als James Bond gesehen, doch Sean Connery erhielt in letzter Minute aufgrund seiner männlicheren Gangart den Zuspruch der Produzenten.

1961 entstand Todds erster (und einziger) Film als Produzent: »Don’t Bother to Knock!« war die englische Antwort auf die anno dazumal hoch im Kurs stehenden sexless sex comedies aus den Staaten. Inzwischen on the wrong side of forty, verkörperte Todd hier eine Rolle, die auf der anderen Atlantik-Seite von Rock Hudson oder James Garner gespielt worden wäre: Bill Ferguson liebt zwei Dinge: das Reisen und die Frauen. Er hat sein eigenes Reisebüro in Edinburgh und gerade eine neue Flamme am Start: Stella (June Thorburn) ist alles, was der eingefleischte Junggeselle sich erträumt hatte — nur leider eben auch etwas altmodisch. Als sie sich weigert, vorehelich mit ihm in seiner Wohnung zu verkehren, kommt es zu einem lautstarken Krach. Um sich etwas abzulenken, geht Bill auf Europareise. Unterwegs hat er Affären mit Lucille (Maurey), Ingrid (Sommer) und einer verheirateten Engländerin in Italien. Postkoital verehrt er jeder der Damen einen Schlüssel zu seiner Wohnung in Edinburgh — und denkt nicht mal im Traum daran, dass auch nur eine von ihnen sein Angebot annehmen würde. Doch als er wieder zu Hause ist und sich gerade mit Stella versöhnen will, tauchen all seine Urlaubsbekanntschaften auf einmal bei ihm auf, und die verheiratete Engländerin hat sogar noch ihre pubertierende Tochter mit im Schlepptau. Stella hat nun endgültig genug und sucht das Weite. Ingrid tröstet sich mit ihren italienischen Lover (Battaglia) und stellt kein größeres Problem mehr dar. Der völlig überforderte und sesshaft werden wollende Bill bekommt unverhofft Hilfe von Maggie Shoemaker (Anderson), einer in Edinburgh urlaubenden Amerikanerin, die einen Narren an ihm gefressen hat und den Schwerenöter glücklich sehen will…
Dass das Lustspiel anno 1961 frivol gewesen sein muss, kann man über fünf Jahrzehnte später nur noch erahnen, die Späßchen sind alle ein wenig angestaubt. Cyril Frankel war kein besonders einfallsreicher Regisseur und kurbelte das niedlich-einfache Skript brav herunter. Dabei vertraute er auf die guten Dialoge von Frederic Raphael und sein charmantes Schauspieler-Ensemble. Todd ist zwar nach wie vor zauberhaft, aber leider schon eine Spur zu alt für seine Herzensbrecher-Rolle, Judith Anderson gibt einen ihrer gewohnt ehrfürchtigen Auftritte, und Elke Sommer ist einfach Elke. In Nebenrollen glänzen unter anderem John Le Mesurier, Eleanor Summerfield und Colin Gordon. Seinerzeit waren die Kritiker ziemlich unfreundlich zu dem Film, und das Publikum mochte ihn ebenso wenig. Heute hat »Don’t Bother to Knock!« — auch dank Geoffrey Unsworths knalliger Kameraarbeit und der schnieken Ausstattung — einen nostalgischen Mehrwert, der ihn zu einem herrlichen Film für einen regnerischen Nachmittag im Bett macht.
Um Verwechslungen mit dem US-amerikanischen Films gleichen Titels (1952 mit Marilyn Monroe entstanden) zu vermeiden, lief der Film in den Staaten als »Why Bother to Knock!«.

André Schneider

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