Filmtipp #16: Die große Zarin

Die große Zarin

Originaltitel: The Scarlet Empress; Regie: Josef von Sternberg; Drehbuch: Manuel Komroff, Eleanor McGeary; Kamera: Bert Glennon; Musik: W. Franke Harling; Darsteller: Marlene Dietrich, John Lodge, Sam Jaffe, Louise Dresser, C. Aubrey Smith. USA 1934.

The Scarlet Empress

Zu Marlene Dietrich hatte ich leider nie viel Bezug. Ja, schön war sie, aber ich hielt das nicht für Kunst. (Inzwischen wurde ich eines Besseren belehrt.) Ihre sieben Filme mit Josef von Sternberg kannte ich nur teilweise: »Morocco« (1930), wo sie in Frack und Zylinder in einem Nachtlokal eine Frau so sinnlich auf den Mund küsst, dass dem Zuschauer vor Erregung der Atem stockt, »Shanghai Express« (1932, mein persönlicher Sternberg-Lieblingsfilm), wo sie als Shanghai Lily wie eine Lichtgestalt durch einen Zug zu schweben scheint, und »Der blaue Engel« (1930), der mir nicht gefiel. Herr von Sternberg war unübersehbar von Marlene besessen, seine Filme dienten nur einem einzigen Zweck: den Star als überirdisches Wesen, als Kunstprodukt von unwirklicher Schönheit zu etablieren. Madonna wäre ohne Dietrich/Sternberg nicht denkbar, diverse andere »Kunstfiguren« der Jetztzeit ebenfalls nicht.

Als 1934 »The Scarlet Empress« (deutscher Alternativtitel: »Die scharlachrote Kaiserin«) entstand, war Marlenes Fetischisierung bereits vollzogen. Sternberg gibt sich keine Mühe mehr, eine Handlung zu transportieren; der Film ist lediglich ein Mittel zum Zweck, die Dietrich in immer obskurer werdenden Kostümen durch opulente Bauten wandeln zu lassen, immer perfekt ausgeleuchtet, von makelloser, überirdischer Schönheit. Bert Glennons Weichzeichnerkamera fängt sie ein wie eine Statue. Ich saß mit offenem Mund da und konnte es kaum fassen — in seinem Rahmen ist »The Scarlet Empress« ein chef d’œuvre. Sternberg und Glennon waren Meister der Fotografie und Lichtsetzung, dieser Film sollte an Filmhochschulen gezeigt werden.
     Als Katharina die Große wird Marlene hier endgültig zur männermordenden Verführerin stilisiert, eine absolut irreale Figur. Obwohl der Film auf dem Tagebuch der russischen Zarin Katharina basiert, ist er eine extravagante Ausstattungsorgie von bis dato unbekannten Ausmaßen und keine Geschichtslektion. Marlene wandelt in schimmernden Roben »durch die pompösen Kulissen einer Art Zuckerwatte-Russland« (»TV Spielfilm«). Vom visuellen Standpunkt ein Glanzstück, gilt »The Scarlet Empress« neben »Citizen Kane« (Regie: Orson Welles) als innovativster Tonfilm dieser Ära.
     Ganz interessant ist die Tatsache, dass Marlenes Tochter Maria Katharina als Kind spielt. So wurde »The Scarlet Empress« auch zu einer Art Familienfilm.

An den Kassen war Sternbergs Film ein Riesenflop. Nicht, weil er historisch ungenau ist oder die Handlung zu dünn (Katharina streift als herzloser Vamp durch Moskau), sondern wegen seiner ebenso faszinierenden wie grotesken Opulenz, die im depressionsgebeutelten Amerika des Jahres 1934 als Provokation empfunden wurde. Außerdem zeigte die Zusammenarbeit von Regisseur und Star erste Lähmungserscheinungen.
     Die Dietrich drehte anschließend nur noch einen Film mit ihrem Entdecker, und ihre Filmkarriere kam zum Stillstand. Kein anderer Regisseur nach ihm wusste sie richtig einzusetzen, und ihr mangelte es an Anpassungsfähigkeit. Sie war ja keine Schauspielerin, sondern ein Modell. Eine Statue kann ihre Position nicht verändern, und Marlene funktionierte unter anderer Regie überhaupt nicht (nicht einmal bei Lubitsch!) — bis Billy Wilder fast zwanzig Jahre später kam und mit ihr zwei der schönsten Werke der Filmgeschichte inszenierte. Oh, und unter Orson Welles gab sie 1958 eine mexikanische Puffmutter: grandios!
     Der Katharina-Stoff wurde im selben Jahr historisch korrekt in England mit Elisabeth Bergner verfilmt, 1962 wurde die Monarchin von der Knef in einer Italo-Billigvariante portraitiert. Wer sich einen besonders schönen Marlene-Abend machen will, schaut sich »The Scarlet Empress« zusammen mit der Schell-Dokumentation und »Shanghai Express« an.

André Schneider

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