Filmtipp #122: Manche mögen’s heiß

Manche mögen’s heiß

Originaltitel: Some Like It Hot; Regie: Billy Wilder; Drehbuch: Billy Wilder, I.A.L. Diamond; Kamera: Charles Lang; Musik: Adolph Deutsch; Darsteller: Marilyn Monroe, Tony Curtis, Jack Lemmon, George Raft, Pat O’Brien. USA 1959.

Some Like It Hot

Billy Wilders schwungvolles Hollywood-Remake der in Vergessenheit geratenen deutschen Komödie »Fanfaren der Liebe« (Regie: Kurt Hoffmann) mit Dieter Borsche, Grethe Weiser und Georg Thomalla wurde nicht nur zu einem der berühmtesten Filmklassiker überhaupt, sondern gilt — zu Recht! — als beste Komödie aller Zeiten. Wilder und sein Co-Autor Diamond übernahmen die Idee von Musikern in Frauenkleidern, da man jedoch einen starken Vorwand brauchte, um die Protagonisten nicht aus ihren Klamotten rauslassen zu können, siedelte man die Handlung im Chicago des Jahres 1929 an, in der Zeit der Prohibition und der großen Bandenkriege: Zwei arbeitslose Jazzmusiker (Curtis und Lemmon) werden Augenzeugen des berühmten Massakers am Sankt Valentinstag, das auf das Konto von Gamaschen-Columbo (Raft) und seiner Gang geht, und sehen auf ihrer Flucht vor den Gangstern ihre letzte Chance darin, im Fummel bei einer sich gerade auf dem Weg nach Miami befindlichen Damenkapelle anzuheuern. Sweet Sue (Joan Shawlee) und ihrer musikalischen Truppe ist die Verstärkung durch Saxophon und Bassgeige höchst willkommen, doch angesichts der aufregenden Leadsängerin Sugar Kane (Monroe) bereuen »Josephine« und »Daphne« ihre hinderliche Kostümierung schon bald. Zu allem Überfluss verliebt sich auch noch ein alter Millionär (Joe E. Brown) unsterblich in »Daphne« und ist fest entschlossen, »sie« zu heiraten…

Der Film ist nicht nur eine rasante Farce von beispielloser Komik, die ihre zahlreichen Gags im Tempo eines Maschinengewehrs abfeuert, sondern auch eine genüssliche Parodie alter Gangsterfilme aus den 1930ern, die hier durch George Raft vertreten sind. Neben dem phantastischen Drehbuch, zu dessen Errungenschaften unter anderem der berühmte Schlusssatz »Nobody’s perfect!« gehört, sind es vor allem die Schauspieler, die den Streifen zu einem vollendeten Genuss machen. Die Monroe persifliert unwiderstehlich ihr Image als blondes Dummchen (Sugar: »Ich bin ganz schön dusselig, was?«— Joe: »Ach, Verstand ist nicht das Wichtigste.«), während Curtis in seiner zweiten Verkleidung als Millionär amüsant Gestik und Manierismen Cary Grants nachahmt. Star des Films wurde jedoch Jack Lemmon, der auf hohen Hacken Erstaunliches leistete, obschon der professionelle Damenimitator, den Wilder extra aus Europa hatte kommen lassen, bereits nach wenigen Tagen entnervt das Handtuch geworfen hatte. Die exzellenten Nebendarsteller dürften nicht unerwähnt bleiben: Joe E. Brown, Pat O’Brien, Nehemiah Persoff, Joan Shawlee, George E. Stone, Billy Gray, Beverly Wills und Edward G. Robinson jr. sind in ihren Rollen einfach prima!
     Für die mitunter schleppend verlaufenden Dreharbeiten war hauptsächlich Marilyn Monroe verantwortlich, die mit ihrer notorischen Unpünktlichkeit und Vergesslichkeit besonders Billy Wilder und Tony Curtis den letzten Nerv raubte. Sie verschlief halbe Drehtage, war unvorbereitet und benötigte mitunter bis zu 40 Takes für eine kurze Einstellung; für ihre erste Szene, in der sie nichts weiter tun musste, als einen Bahnsteig entlang zu gehen, brauchte sie fünf Drehtage. Um ihr zu helfen, schrieb Wilder ihr in manchen Szenen sogar Stichworte und Textzeilen auf Möbelstücke, doch es half alles nichts. Curtis stöhnte nach einer Liebesszene, es sei, »als würde man Hitler küssen«. Auch der Rest des Teams war alles andere als erfreut über ihre Allüren: zur Abschlussparty nach Drehende war sie nicht eingeladen. Ihrer Leistung sind diese Vorgänge gottlob nicht anzumerken; sie zeigt sich nicht nur als fabelhafte Komödiantin mit einem perfekten Gespür für Timing, sondern auch als verführerische Sängerin. Diese Mischung aus Naivität, Humor und Erotik ließ sie unsterblich werden.
     »Some Like It Hot« wurde in vier Sparten — Bester Film, Bester Hauptdarsteller (Lemmon), Kamera und Kostüm — für den Oscar nominiert, konnte aber nur einen (Orry-Kelly für die Kostüme) einheimsen. Billy Wilder und I.A.L. Diamond waren mit diesem und ihren nächsten beiden Filmen — The Apartment und »One, Two, Three« (1961) — auf dem Höhepunkt ihres Schaffens.

André Schneider

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