Filmtipp #162 & #163: Das Rätsel der roten Orchidee & Das Rätsel des silbernen Halbmonds

Das Rätsel der roten Orchidee

Originaltitel: Das Rätsel der roten Orchidee; Regie: Helmuth Ashley; Drehbuch: Trygve Larsen; Kamera: Franz Lederle; Musik: Peter Thomas; Darsteller: Christopher Lee, Adrian Hoven, Marisa Mell, Eddi Arent, Klaus Kinski. BRD 1962.

Das Rätsel der roten Orchidee

Das Rätsel des silbernen Halbmonds 

Originaltitel: Sette orchidee macchiate di rosso; Regie: Umberto Lenzi; Drehbuch: Umberto Lenzi, Roberto Gianviti; Kamera: Angelo Lotti; Musik: Riz Ortolani; Darsteller: Antonio Sabàto, Uschi Glas, Pier Paolo Capponi, Marina Malfatti, Marisa Mell. Italien/BRD 1972.

Sette orchidee macchiate di rosso

Dank ihrer namhaften Darsteller dürften der Edgar-Wallace-Krimi »Das Rätsel der roten Orchidee« und das Western-Wrack »Der letzte Ritt nach Santa Cruz« (Regie: Rolf Olsen) die einzigen Titel aus ihrer bundesdeutschen Zeit sein, die heute noch geläufig sind. »Das Rätsel der roten Orchidee«, ab Dezember 1961 in London, Hamburg und Cuxhaven gedreht, vereinte Mell mit ihrem Landsmann Adrian Hoven und Dracula-Darsteller Christopher Lee. Regie führte der ehemalige Kameramann Helmuth Ashley. Eigentlich waren Hoven und sie, zusammen mit Eric Pohlmann, Eddi Arent, Pinkas Braun, Fritz Rasp und Klaus Kinski, für das zunächst vorgesehene Projekt »Die Tür mit den sieben Schlössern« eingeplant gewesen, das wenig später von Alfred Vohrer mit zum Teil ausgewechselter Besetzung inszeniert wurde. Durch ihre Mitwirkung in der »roten Orchidee« erfüllten sie die bereits abgeschlossenen Verträge. Die in London angesiedelte Story dreht sich um skrupellose Schutzgelderpresser, die mit Zahlungsunwilligen nicht gerade zimperlich verfahren und sie einfach liquidieren. Scotland Yard ist mit der Aufgabe überfordert und heuert Unterstützung aus den USA an, die in Gestalt von FBI-Mann Christopher Lee hilfreich in das Geschehen eingreift. Eddi Arent, nonchalant wie immer, spielt den »Todesbutler Parker« — so steht’s sogar im Vorspann —, der bei allen Opfern bis zu deren Ableben beschäftigt war, und Marisa Mell ist als liebenswert-scharfzüngige Sekretärin Lilian Ranger zu sehen. Sie verleiht ihrer Rolle spitzbübischen Charme und agiert souverän, wirklich abverlangt wird ihr hier aber nichts, der Film ist ganz auf den Weltstar Christopher Lee zugeschnitten, dessen Besetzung der große Clou dieser Produktion war.
     Die Produktion war ein Schnellschuss: Der Dreh war nach vier Wochen abgeschlossen, und die »rote Orchidee« kam bereits im März 1962 in die Kinos. Die Kritiker attestierten dem kurzweiligen Krimi einen »grimmigen Humor« und eine »kühle Sachlichkeit« (»Stuttgarter Zeitung«), das »Hamburger Abendblatt« notierte wohlwollend: »Wer Krimis mag, […] wird hier zwar keinen Hitchcock, wohl aber einen wohlgeratenen Ashley finden. Was durchaus eine Gütemarke besonderer Art zu werden verspricht«, trotzdem verzeichnete »Das Rätsel der roten Orchidee« die bis dahin niedrigsten Besucherzahlen der Wallace-Serie. Fans der Reihe zählen den Streifen heute zu den schwächsten Wallaces, und er ist, gemessen an Klassikern wie dem »indischen Tuch« (Regie: Alfred Vohrer) oder dem »Hexer« (Regie: Alfred Vohrer) sicher nicht der Rede wert.

»Sette orchidee…« ist hierzulande mit Sicherheit einer von Marisas bekanntesten Filmen, allerdings ein nicht unumstrittener: Giallo-Fans sehen in ihm einen der besten Vertreter seines Genres — Denny Corso bezeichnete ihn gar als »quintessentiellen Giallo« —, für Edgar-Wallace-Fans gehört er zu den Tiefpunkten der Serie. (In Deutschland wurde er als Wallace-Film vermarktet.) Objektiv betrachtet bietet der Streifen solide, spannende Unterhaltung: Es geht um einem schwarzbehandschuhten Frauenmörder, der am Tatort stets einen Schlüsselanhänger in Form eines silbernen Halbmonds hinterlässt. Eines seiner Opfer, die (ausgerechnet!) von Uschi Glas gespielte Giulia, kann dem Killer (gleich mehrmals!!) entkommen, allerdings verdächtigt die Polizei (Pier Paolo Capponi als Inspektor Vismara) nun Giulias Mann Mario (Antonio Sabàto), der Mörder zu sein. Um seine Unschuld zu beweisen, muss Mario in bester Hitchcock-Manier selbst Nachforschungen anstellen. Derweil umkreist der echte Killer weiterhin die gebeutelte Giulia…
     »Sette orchidee…« beinhaltet alle gängigen Giallo-Zutaten: die schwarzen Handschule, das mysteriöse Element (in Form des Schlüsselanhängers), das klassische Motiv des unschuldig Verfolgten. Das römische Flair anno 1971 ist ebenso ein Pluspunkt wie Riz Ortolanis exzellente Musik. Rossella Falk und Marina Malfatti spielen (in hervorragend inszenierten, sehr spannenden Sequenzen) zwei der unglücklichen Opfer. Was den Film — besonders für deutsche Augen — schwierig machen dürfte, sind Uschi Glas und die furchtbare Petra Schürmann (die gottlob nur sehr, sehr kurz zu sehen ist). Glas wurde, da sie nur mangelhaft Englisch sprach, in der Originalfassung von einer Muttersprachlerin nachsynchronisiert, was den schrägen Eindruck, sie sei als Fremdkörper in diesen Film geraten, noch unterstreicht.
     Marisa taucht erst im letzten Drittel auf und spielt in einer Doppelrolle die Zwillinge Anna und Maria. (Anna trägt die Haare offen, hat Mann und Kind und ist ein nervliches Wrack, Maria hat ihre Haare hochgesteckt und fährt einen Mini Cooper.) Maria fällt dem Mörder besonders grauenvoll zum Opfer: er rammt ihr eine Bohrmaschine in die Brust. Nagellackrotes Blut spritzt aus der (offenbar steinharten) Brustattrappe und aus Marisas weiß geschminktem Mund. Der Mörder hatte eigentlich ihre Schwester Anna, die schlussendlich in einer Schlüsselszene dem detektivisch bemühten Mario das Geheimnis des silbernen Halbmonds offen legt, treffen wollen; die Verwechslung führt letzten Endes zur Aufklärung der Mordserie.
     Marisas wenige Szenen sind von einer schauspielerischen Präzision geprägt, einer spielerisch-anmutigen Souveränität. Die spricht rhythmisch, mit geschickt gesetzten Pausen. Ein kurzer, beiläufiger Moment, wie etwa das Anzünden einer Zigarette, ist von einer Entweder-oder-Konsequenz, konzentriert wie die Arbeit eines Kochs oder das Spiel eines Kindes. Ihre Hände vollführen eine beinahe tänzerische Choreographie, jede Drehung des Kopfes, jede Bewegung der Augen scheint genauestens durchdacht. Das mag nicht natürlich wirken, ist jedoch für einen »filmischen Film«, in dem alles ein wenig artifiziell wirkt, durchaus passend. Regisseur Umberto Lenzi, der seit 1996 seinen wohlverdienten Ruhestand genießt, äußerte sich vor einigen Jahren lobend und bemerkenswert kurz über sie: »Marisa Mell war eine Schauspielerin, die stark unterschätzt wurde. Ich werde nicht mehr über sie sagen, weil sie tot ist.«
     Lenzi drehte seinen Giallo zwischen dem 6. September und dem 23. Oktober 1971 in Rom und Spoleto, der Arbeitstitel lautete ursprünglich »Sette volti per l’assassino«. Der deutsche Verleih kürzte »Sette orchidee…« um satte zehn Minuten, und die Synchronisation (Drehbuch: Paul Hengge) plättete die sprachlichen Finessen des Englischen. Am 24. Februar 1972, Marisas 33. Geburtstag, fand die italienische Uraufführung statt, in Deutschland startete der Streifen am 30. Juni desselben Jahres. Die Kritiken waren gemischt, die »Süddeutsche Zeitung« lobte: »Endlich ist es wieder einmal möglich, von einem Edgar-Wallace-Film gefesselt zu werden.« — Der Bohrmaschinen-Mord wurde später übrigens noch von zwei namhaften US-Regisseuren dreist kopiert: Abel Ferrara machte ihn zum Sujet seines 1979 entstandenen Schockers »The Driller Killer«, und Brian De Palma ließ in »Body Double« (1984) Deborah Shelton auf exakt dieselbe Weise umkommen.

André Schneider
(Auszug aus dem neuen Buch Die Feuerblume — Über Marisa Mell und ihre Filme.)

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