1. April 2017

Für uns alle sehr überraschend verließ Christine Kaufmann in der Nacht vom 27. zum 28. März in aller Stille ein lautes Leben. Am Samstag schon erzählte man mir, dass sie im Koma liege, von Leukämie und Sepsis war die Rede. Im Flieger nach Paris dachte ich viel an unsere Begegnung am 28. September 2016 bei ihrer Managerin Elena, an Sätze wie »Aus dieser Zeit sind nur noch Roman Polanski und ich übrig« und »Ich bin sehr gerne alt«. Wir sprachen über Jean Genet und Etta James, über Bergmans »Persona« (1966) und über ihr neues Buch. Sie erzählte mir, dass sie so gut wie keinen ihrer Filme gesehen habe (was ich ihr nicht so ganz glauben wollte, da sie sich immerhin einige Male selbst synchronisiert hatte) und dass die Highsmith-Verfilmung »Der Geschichtenerzähler« (Regie: Rainer Boldt) ihr persönlicher Lieblingsfilm sei. Sie war voller Pläne, ungeheuer vital und schön. Sie lebte gesund und schien sehr im Reinen mit sich. Ihre glasklare Reflektiertheit, ihre analytische Präzision hatte ich schon bewundert, bevor ich sie traf. Im letzten halben Jahr haben wir einige Male telefoniert und uns ab und zu Mails geschrieben. Es gab eine lose, vage Verabredung für einen gemeinsamen Film, ich hatte ein, zwei kleine Ideen notiert, aber keine Eile, denn: wir haben ja Zeit. — So verfasse ich heute ein kleines Portrait über Christine, die am 11. Januar 72 Jahre alt wurde. Eigentlich habe ich schon vor Jahren eines geschrieben — hier könnt Ihr es nachlesen —, und da ich mich möglichst wenig wiederholen möchte, werde ich an dieser Stelle einiges aussparen.

Christine Kaufmann.

Ende 2016 trat sie gemeinsam mit Bosse in einer TV-Show auf. Sie sprach davon, dass sie beruhigt sterben könne, da sie mit ihren Töchtern, Enkeln und Urenkeln eine schöne Spur hinterlassen habe. Ihre Familie hatte für sie stets absolute Priorität. Als sie im Alter von sieben Jahren ins Berufsleben eintrat, geschah dies eben auch »für die Familie«. Schon zwei Jahre später, als sie neun war und als »Rosen-Resli« (Regie: Harald Reinl) zum Star wurde, war sie die Alleinernährerin und ihre Mutter ihre Managerin. Noch Jahrzehnte später wurde sie von Fans auf der Straße umarmt: »Wir haben das ›Rosen-Resli‹ so geliebt, wir mussten so weinen!« Christine fragte sich stets, warum die Menschen sie dafür liebten, dass sie sie zum Weinen gebracht hatte, und fand die Antwort schließlich selbst: Deutschland wollte weinen, durfte nicht, brauchte einen Grund, einen legitimen. Das Waisenkind mit den großen, traurigen Augen massierte die Tränendrüsen leer. Wie prägend und (ver)formend der frühe Ruhm für Christine war, beschrieb sie in Büchern wie »Scheinweltfieber« mit der ihr eigenen Finesse. — Dass sie tatsächlich eine gute, eine wirklich gute Schauspielerin war, glaubte sie lange nicht (oder wollte es nicht glauben). Sie arbeitete »diszipliniert, aber ohne Interesse« und absolvierte Dreharbeiten »im Halbschlaf«. Ihre besten Filme zeigten sie lediglich in Nebenrollen: »Mädchen in Uniform« (Regie: Géza von Radványi), »Welt am Draht« (Regie: Rainer Werner Fassbinder), Bagdad Café. Mit Gert Fröbe und Heinz Erhardt spielte sie in je zwei Filmen (u. a. Der letzte Fußgänger). Mehrmals arbeitete sie mit Werner Schroeter, später am Theater mit Peymann oder Zadek. Sie stand in Hamburg, München, Bochum, Linz und am Burgtheater auf der Bühne. Dann die Karriere in Italien: »Gli ultimi giorni di Pompei« (Regie: Mario Bonnard). Da war sie gerade mal 13 Jahre alt und musste den über 20 Jahre älteren Steve Reeves küssen. In der unschuldigen Atmosphäre eines Sandalenfilms schien das irgendwie zu funktionieren, heute wäre der Aufschrei groß. Bei »Love Birds — Una strana voglia d’amare« (Regie: Mario Caiano) bleiben nur Christine und die hervorragende Musik von Bruno Nicolai in Erinnerung. Für Town Without Pity gab es verdienterweise einen Golden Globe, Taras Bulba, Escape from East Berlin und Wild and Wonderful waren Unterhaltungsfilme, die von ihr nicht viel mehr als Fotogenität verlangten. Ihr komödiantisches Können konnte sie erst in den 1980ern im deutschen TV unter Beweis stellen: Als Sketch-Partnerin von Harald Juhnke und Eddi Arent sowie als Olga in der von Patrick Süskind und Helmut Dietl geschriebenen Kultserie »Monaco Franze«.

Mit 16 lernte sie Tony Curtis kennen. Von da an ließ die Regenbogenpresse nicht mehr von ihr ab. Man blickte nicht selten verächtlich und mit Häme auf sie, rümpfte die Nase, stempelte sie ab, nannte sie verrückt, nahm ihr Scheidung, Indien-Trip und »Playboy«-Fotos übel. Sie reiste viel, wohnte zeitweise in Dijon, in Marokko, immer mal wieder kurzzeitig in Kalifornien. Eine reguläre Schule konnte sie arbeitsbedingt nie besuchen — gerne hätte sie Archäologie studiert —, aber dank der internationalen Filmarbeit und ihrer französischen Mutter beherrschte sie mit 15 bereits fünf Sprachen. Dem Ende ihrer Ehe mit Curtis folgten Beziehungen und Affären mit John Calley, Warren Beatty, Bob Dylan sowie drei weitere Ehen (Christine: »Die Männer, mit denen ich verheiratet war, sind die unwichtigsten in meinem Leben gewesen.« — Tony Curtis: »Diese Frau hätte ich niemals gehen lassen dürfen.«), über die ich aber nicht schreiben mag.
Seit den achtziger Jahren trat Christine Kaufmann mehr und mehr als Autorin hervor, brachte später eine Kosmetiklinie auf den Markt und hatte dadurch »zum ersten Mal in meinem Leben« wirklich Geld, mit welchem sie — wie schon zu ihrer Zeit als Kinderstar — ihre Familie unterstützte. Und jetzt bin ich leider der Worte müde. Sprachlos. Schlucke schwer an meinen Tränen. Elena fragte mich, ob ich zur Beerdigung kommen wolle; auch das weiß ich nicht. Ich bin mit meinen Gedanken bei Allegra und ihrer Familie. Es war echt viel zu früh und plötzlich. Ein trauriger Gruß und Ciao.

André

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3 thoughts on “1. April 2017

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