Filmtipp #546: Der Satan mit dem Skalpell

Der Satan mit dem Skalpell

Originaltitel: Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer?; Regie: Giuliano Carnimeo [Anthony Ascott]; Drehbuch: Ernesto Gastaldi [Ernesto Gastaldy]; Kamera: Stelvio Massi; Musik: Bruno Nicolai; Darsteller: Edwige Fenech, George Hilton, Annabella Incontrera, George Rigaud, Paola Quattrini. Italien 1972.

Hier waren gleich mehrere Giallo-Experten am Werk: Luciano Martino produzierte, Ernesto Gastaldi schrieb das Buch, Bruno Nicolai komponierte einen seiner besten Soundtracks, und mit Edwige Fenech und George Hilton waren zwei der prominentesten Genre-Stars mit an Bord. »Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer?« ist ein Paradebeispiel für einen Giallo, man könnte fast von einer Blaupause sprechen. Alle wichtigen Elemente werden vereint. Dazu gelangen Western-Regisseur Carnimeo und seinem Kameramann Massi einige beeindruckend schöne Bildkompositionen.

Es beginnt mit einem Mord im Fahrstuhl, der einige Jahre später von keinem Geringeren als Brian De Palma in »Dressed to Kill« (1980) für ein größeres Publikum abgekupfert wurde. Eine Blondine (Evi Farinelli) wird von einem behandschuhten Killer in schwarzem Regenmantel regelrecht abgeschlachtet. Ganz oben in dem zum Lift gehörenden Hochhaus teilt sich das schöne Model Jennifer (Fenech) mit einer Kollegin (Quattrini) eine Wohnung. Auch sie müssen bald um ihr Leben bangen, denn die polizeilichen Ermittlungen greifen ins Leere, und Verdächtige gibt es zuhauf. Da wären beispielsweise eine alte Nachbarin mit scheußlicher Perücke (Maria Tedeschi) und einem ungesunden Hang zu Gewalt-Comics, Jennifers eifersüchtiger Ex (Ben Carrà) und ihr neuer Verehrer, der schmucke Architekt Andrea Barto (Hilton). Der Ex kann es schon mal nicht sein, denn der kippt alsbald ebenfalls mit einem Messer im Bauch aus Jennifers Kleiderschrank, so dass jetzt auch noch sie ins Visier der Ermittler gerät. Die Nachbarschaft im Hochhaus dünnt sich langsam immer weiter aus…

Der Killer mit den markanten Handschuhen — hier sind sie ockerfarben —, dem überbordenden schwarzen Hut und dem vermummten Gesicht, die ausgefeilten, in diesem Falle aber nicht zu brutal in Szene gesetzten Morde, die wunderschöne Frau im durchsichtigen BH, deren dunkle, etwas nebulöse Vergangenheit, eine lesbische Nachbarin, ein zwielichtig wirkender Lover, die hanebüchene Auflösung am Schluss, der reißerische Titel: »Perché quelle strane gocce di sangue sul corpo di Jennifer?« ist ein hervorragender Thriller, der zwischen den Meisterwerken des Genres leider ein wenig untergegangen zu sein scheint. Zwischen 1969 und 1974 entstanden so viele Gialli, dass es leider nur allzu leicht ist, dieses Kleinod zu übersehen. Die Connoisseurs des Genres bemängeln oftmals, dass der Plot diesmal nicht so trickreich und brüchig ist, wie man es von den meisten Gialli her gewohnt ist. Gerade Sergio Martino hatte da in den Jahren 1971 und 1972 die Messlatte ziemlich hoch gelegt. Auch sind die Morde im Vergleich zu einem Argento verhältnismäßig zahm. — Zu gerne würde ich auf das interessante Ende eingehen, aber ich mag Euch den Spaß an dem Film, der hierzulande auch unter dem Titel »Das Geheimnis der blutigen Lilie« zu sehen war, nicht nehmen. Im US-Titel war aus der Lilie übrigens eine Iris geworden. Wenn man den italienischen Titel wörtlich übersetzt, würde man einfach auf »Warum diese seltsamen Bluttropfen auf dem Körper von Jennifer?« kommen. Ein Muss für jede Giallo-Sammlung. Zudem empfehle ich, sich die Musik von Bruno Nicolai zuzulegen. Ein Ohrenschmaus auch ohne Bildbegleitung.

André Schneider

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4 thoughts on “Filmtipp #546: Der Satan mit dem Skalpell

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