Filmtipp #518: Marrakesch

Marrakesch

Originaltitel: Our Man in Marrakesh; Regie: Don Sharp; Drehbuch: Peter Yeldham; Kamera: Michael Reed; Musik: Malcolm Lockyer; Darsteller: Tony Randall, Senta Berger, Herbert Lom, Wilfrid Hyde-White, Terry-Thomas. GB 1966.

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Harry Alan Towers (1920-2009) war ein fleißiger Mann. 1946 gründete er mit Towers of London seine erste Firma, die aufwendige Radioproduktionen weltweit verkaufte. Ab den späten Fünfzigern produzierte er weit über 100 Filme, die zumeist an (damals) exotischen Orten entstanden, zwischen Salzburg, Mosambik und Simbabwe, Australien, Rom, Durban und seiner späteren Heimat Kanada. Schon in den frühen Sechzigern war der exploitation producer Towers legendär. 1964 heiratete er das 25 Jahre jüngere österreichische Starlet Maria Rohm, die er auch in vielen seiner Filme auftreten ließ. Rohm hielt ihm bis zu seinem Tode im Alter von 88 Jahren die Treue, auch, als er wiederholt in Steuerprobleme sowie Anfang der achtziger Jahre ins Zwielicht geriet, weil man ihn fälschlicherweise verdächtigte, einen Callgirlring für Prominente zu betreiben.

Ab 1964 produzierte Towers in Rekordzeit Film auf Film auf Film. Einer der bekanntesten Streifen wurde das launige Spionageabenteuer »Our Man in Marrakesh«, das mit einer guten Besetzung und straff inszenierten Actionszenen auftrumpft: Am helllichten Tag wird in Marrakesch ein Mann auf offener Straße erstochen und dezent in einer Kutsche abtransportiert. Der Mörder wird von einem zwielichtigen Burschen bezahlt, welcher sich gleich im Anschluss zum Flughafen von Casablanca begibt, um dort Fotos von den ankommenden Reisenden zu knipsen, unter denen sich auch der US-amerikanische Architekt Andrew Jessel (Randall) befindet, der sich einen hübschen Urlaub in Nordafrika gönnen möchte. In seinem Hotel in Marrakesch kommt es zu einer folgenschweren Verwechslung, als Jessel in dem Zimmer der hübschen Journalistin Kyra Stanovy (Berger) landet und in seinem bzw. ihrem Schrank die Leiche eines Mannes findet, den Kyra ihm als ihren Verlobten Phillippe (Keith Peacock) vorstellt. Die aufgebrachte junge Dame wünscht nicht, dass Jessel die Polizei alarmiert und überredet ihn stattdessen, den Toten heimlich verschwinden zu lassen, was die beiden auch recht problemlos hinter sich bringen. Daraufhin finden sich die beiden in einem Casino ein, um die Strapazen der nächtlichen Leichenbeseitigung bei Spaß und Spiel hinter sich zu lassen. In besagtem Casino laufen einige obskure Figuren rum, unter anderem ein Kurier, der dem korrupten Geschäftsmann Casimir (Lom) zwei Millionen Dollar überbringen soll, welche dieser sich für den Verkauf einiger Geheimdokumente erbeten hat. Dooferweise hat Casimir keinen Schimmer, bei welcher der anwesenden Personen es sich um den Kurier handelt. Der Porzellanhändler Fairbrother (Hyde-White) und der Reiseunternehmer Lillywhite (John Le Mesurier) stellen sich ihm vor, geben sich jedoch nicht als Kurier zu erkennen. Am nächsten Morgen findet Kyra den nächtlich verbuddelten Phillippe wieder in ihrem Schrank vor. Offenbar soll ihr ein Mord angehängt werden. Ehe der arme Tourist Jessel schnallt, was los ist, findet er sich mitten in einem Kampf konkurrierender Spionage- und Gangsterbanden wieder…

»Our Man in Marrakesh« war einer von zahlreichen Agentenfilmen, in denen Senta Berger ab Mitte der 1960er zu sehen war: The Quiller Memorandum, »Poppies Are Also Flowers« (Regie: Terence Young), The Ambushers und einige andere sollten noch folgen. Sie machte in all diesen Filmen eine gute Figur, war aber schauspielerisch nicht sonderlich gefordert; das sollte ihr erst in späteren Jahren gelingen. In einigen Szenen wurde sie von Towers’ Gattin Maria Rohm gedoubelt. — In weiteren Nebenrollen sind Margaret Lee, Burt Kwouk sowie Klaus Kinski mit von der Partie: »Der britische Produzent Harry Alan Towers konnte Kinski alles bieten, was dieser sich erträumte: ständig neue Rollen, die keine besondere Mühe erforderten, gute Bezahlung und Drehs rund um den Erdball. Towers, ein geschickter Finanzjongleur und geübt im Aufbau komplexer Firmenstrukturen, wurde […] einer der wichtigsten Partner Kinskis. Im September und Oktober 1965 inszenierte Don Sharp den Gangsterfilm ›Our Man in Marrakesh‹, dessen Sujet auf einer Originalgeschichte von Peter Welbeck basierte — ein Pseudonym, hinter dem sich Produzent Towers verbarg. Der Plot war schwach […], doch Towers wusste, dass es vor allem darum ging, bekannte Gesichter vor die Kamera zu holen. Er versammelte in seiner Besetzung international bekannte Kräfte wie Tony Randall, Senta Berger, Herbert Lom, Wilfrid Hyde-White, Terry-Thomas und Grégoire Aslan, die auch den weltweiten Verkauf des Films erleichterten.« (Christian David, »Klaus Kinski — Die Biographie«)

»Our Man in Marrakesh« startete am 5. Mai 1966 in den englischen Kinos — nur einen Tag vor Modesty Blaise, was vielleicht zeigt, wie beliebt das Agenten-Genre in Zeiten der Bond-Manie tatsächlich war. Die Kritik zeigte sich einigermaßen angetan von dem turbulenten Mix aus The Man Who Knew Too Much und North by Northwest. Man lobte die Situationskomik und hob Don Sharps »flottes Tempo« (»Cinema«) hervor. Auch fünf Jahrzehnte später kann sich die bunte Komödie noch sehen lassen. Regisseur Sharp dürfte hierzulande am bekanntesten für seinen atmosphärischen Gruselfilm »The Kiss of the Vampire« (1963) aus dem Hause Hammer sein. Später drehte er vornehmlich Actionfilme wie beispielsweise »Taste of Excitement« (1969, mit Eva Renzi), »Dark Places« (1973, mit Christopher Lee und Joan Collins) oder »Bear Island« (1979, mit Donald Sutherland und Vanessa Redgrave). — »Our Man in Marrakesh« bekam für den internationalen Verleih zahllose Alternativtitel aufgebrummt: »I Spy, You Spy«, »Bang, Bang, Bang! Marrakesh«, »Bang! Bang!«, »Bang! Bang! You’re Dead«, »Operation Marrakesh« oder schlicht und ergreifend »Marrakesh«. Seine B-Movie-Herkunft kann der Streifen nicht verbergen — Stichwort: schlechte Rückprojektionen —, aber alles in allem ist und bleibt es ein unterhaltsames Stück sixties cinema.

André Schneider

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