Filmtipp #188: Einer weiß zuviel

Einer weiß zuviel

Originaltitel: Woman on the Run; Regie: Norman Foster; Drehbuch: Alan Campbell, Norman Foster; Kamera: Hal Mohr; Musik: Arthur Lange, Emil Newman; Darsteller: Ann Sheridan, Dennis O’Keefe, Robert Keith, Ross Elliott, Frank Jenks. USA 1950.

woman on the runDieses spannungsgeladene Kleinod, gedreht an Originalschauplätzen in San Francisco und Carmel, ist der vergessene film noir eines vergessenen Regisseurs. Norman Foster, 1903 in Indiana geboren, hatte seine Karriere als Schauspieler am Broadway begonnen und später einige Drehbücher verfasst, ehe er 1938 endgültig zum Filmemacher — Drehbuchautor und Regisseur — wurde. Leider stand er immer leicht im Abseits, ging zeitweise sogar nach Mexiko und arbeitete später hauptsächlich fürs Fernsehen. Größere Ehrungen blieben ihm verwehrt, obschon sein Dokumentarfilm »Navajo« (1952) seinerzeit auf der Nominierungsliste für einen Oscar gestanden hatte. Sein bekanntester Film ist vermutlich der 1942 entstandene Thriller »Journey into Fear« mit Orson Welles, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband.
     »Woman on the Run« fußt auf der Kurzgeschichte »Man on the Run« von Sylvia Tate, die im April 1948 in einem Magazin abgedruckt worden war. Die Filmrechte an dem Stoff waren billig zu haben gewesen, und Foster stellte in seinem Drehbuch — für 1950 ganz und gar unüblich — die Frauenrolle in den Vordergrund. Kein Wunder, dass Ann Sheridan auf diesen Film ganz besonders stolz war, gab er ihr doch die Möglichkeit, eine wahrlich starke, facettenreiche Frau mit Persönlichkeit und Chuzpe zu verkörpern.

Schon die Eröffnungssequenz von »Woman on the Run« offenbart ein Höchstmaß an Originalität: Frank Johnson (Elliott) geht gerade spätabends mit seinem Hund spazieren, als er unvermutet Zeuge eines Verbrechens wird: Ein Mann wird aus einem parkenden Auto gestoßen und von einem zweiten Mann erschossen. Der aufgeregt bellende Hund verrät Frank, und der Mörder schießt auch auf ihn — verfehlt ihn jedoch glücklicherweise, da er nur auf seinen Schatten gezielt hat. Die eilig alarmierte Polizei findet heraus, dass das Opfer vor Gericht gegen einen ranghohen Gangster aussagen sollte. Der mit dem Fall betraute Inspektor Ferris (Keith) will Frank nun in Schutzhaft nehmen, da dieser schließlich den Mörder gesehen hat, doch Frank entzieht sich der Polizei und flieht. Daraufhin will Ferris dessen Ehefrau Eleanor (Sheridan) dazu bringen, ihm bei der Suche zu helfen. Doch die spröde Eleanor hat ihren eigenen Kopf: Sie glaubt, ihr Mann habe die Chance genutzt, um sie zu verlassen. Während sie einerseits die Polizei austrickst und andererseits auf eigene Faust Nachforschungen anstellt, muss sie feststellen, wie wenig sie über ihren Mann weiß — im Laufe ihrer vierjährigen Ehe haben sich die beiden entfremdet. Auf ihrer Suche nach Frank läuft Eleanor dem Reporter Danny Leggett (O’Keefe) über den Weg, der auf der Jagd nach einer »heißen Story« ist. Der Zuschauer erfährt bald, dass Danny der Mörder ist und hat für den Rest des Films mehr als einmal die Gelegenheit, um Eleanor und ihren Mann zu bangen…
     Der Aufbau von »Woman on the Run« entspricht ganz und gar nicht den 1950 gängigen Normen, und doch spielt Foster ganz geschickt mit den Konventionen des Genres; er erfüllt einerseits die Erwartungen der Zuschauer und genehmigt sich dennoch den Spielraum, eine originelle Handlung frei zu gestalten. Die gewitzten, überaus intelligenten Dialoge, die gleichförmig ansteigende Spannungskurve bis hin zum fulminanten Finale, das ein wenig an Welles’ »The Lady from Shanghai« (1947) erinnert, und die stimmige Figurenzeichnung machen »Woman on the Run« zu einem erstklassigen Filmvergnügen. Die von Hitchcock inspirierte Idee, den Zuschauer »mehr wissen zu lassen als den handelnden Figuren«, schafft ein Höchstmaß an Spannung. (Wir wissen schon sehr früh, wer der Killer ist; die arme Ann Sheridan kommt erst dahinter, als es für sie und ihren Mann fast zu spät ist.) Außerdem — als Bonus sozusagen — zeichnet Norman Foster das bestürzende Portrait einer »modernen Ehe«, in der die Partner nebeneinander her leben, ohne sich für den anderen zu interessieren. Diesbezüglich wird auch das Ende offen gelassen; wir kriegen zwar das zeitübliche »Happy End« serviert, Foster versieht dies allerdings mit einem absolut zeitunüblichen Fragezeichen: Frank und Eleanor haben überlebt, aber überlebt auch ihre Ehe?
     Außer Ann Sheridan und Dennis O’Keefe konnte Foster keine großen Namen für seinen kleinen Film gewinnen, aber in einer Nebenrolle ist Joan Shawlee zu erblicken, die später noch unter Billy Wilders Regie in Some Like It Hot und The Apartment zu sehen war.

Der Film wurde von Republic Pictures produziert — eben jener B-Movie-Gesellschaft, die auch Fritz Langs House by the River (1950) hervorbrachte — und von Universal Pictures in den Verleih gebracht. Die Kritiken waren überwiegend gut, ein überwältigender Kassenerfolg war »Woman on the Run« jedoch nicht, was besonders Hauptdarstellerin Ann Sheridan schwer zu schaffen machte: Die Aktrice, deren Stern damals schon am sinken war, hatte, auf ein Comeback hoffend, den Streifen aus eigener Tasche finanziert.
     Jahrzehntelang verstaubte »Woman on the Run« in den Universal-Archiven, niemand hatte Interesse, das Copyright zu erneuern, so dass das Meisterwerk irgendwann public domain wurde. Zu allem Überfluss wurde die einzige noch existierende 35-Millimeter-Kopie bei einem verheerenden Archivbrand am 2. Juli 2009 zerstört. Es ist einem glücklichen Zufall — Zufall? Gibt es das? — geschuldet, dass einige Mitarbeiter vor dem Brand ein paar der alten Streifen digital transferiert hatten, so dass »Woman on the Run« nicht ganz vom Erdboden verschluckt wurde. In Frankreich erschien dieser bemerkenswerte Thriller — einer der besten film noirs der Filmgeschichte! — im Herbst 2012 auf DVD; leider ist diese Fassung etwa zwei Minuten kürzer als die, die am 29. November 1950 uraufgeführt wurde.

André Schneider

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