Filmtipp #258: Modesty Blaise – Die tödliche Lady

Modesty Blaise — Die tödliche Lady

Originaltitel: Modesty Blaise; Regie: Joseph Losey; Drehbuch: Evan Jones; Kamera: Jack Hildyard; Musik: John Dankworth; Darsteller: Monica Vitti, Terence Stamp, Dirk Bogarde, Harry Andrews, Michael Craig. GB 1966.

Modesty Blaise

Der überwältigende Erfolg der Bond-Filme führte in den Sechzigern dazu, dass das damalige Kinopublikum einem regelrechten Agentenfilm-Boom ausgesetzt wurde: Neben den ersten fünf Einsätzen von Sean Connery als 007 (1962 bis 1967) galt es unter anderem, Dean Martins Matt Helm zu ertragen — er brachte es zwischen 1966 und 1969 immerhin auf vier lahme Filmchen — und James Coburn als Derek Flint (zwei Filme, 1966 und 1967) zu überstehen, während die Italiener gleich ein halbes Dutzend Bond-Plagiate auf die Leinwände losließen, »Casino Royale« (Regie: John Huston, Ken Hughes u. a.) zu dessen bekanntester Parodie avancierte und »alternative«, intellektuell angehauchte Werke wie The Quiller Memorandum (Drehbuch: Harold Pinter!) oder »Torn Curtain« (Regie: Alfred Hitchcock) den Produzenten klingelnde Kassen garantieren sollten. Michael Caine wurde als Harry Palmer in »The Ipcress File« (Regie: Sidney J. Furie) und dessen Fortsetzungen zu einer Art »Bond der Arbeiterklasse«. Praktisch jedes Studio hatte seine(n) eigenen Filmagenten; 20th Century Fox schickte in der Saison 1966/67 gleich vier weibliche Spione ins Rennen: Raquel Welch, Andrea Dromm, Doris Day und Monica Vitti erwiesen sich in ihren jeweiligen Vehikeln als leider wenig zugkräftig, was auch an der allmählich einsetzenden Übersättigung des Publikums gelegen haben mag.
Der interessanteste Versuch war der auf einem Comicstrip basierende visuelle Amoklauf »Modesty Blaise« mit der umwerfend schönen Monica Vitti in ihrer ersten englischsprachigen Rolle. Der Film, Joseph Loseys einzige Komödie, ist eine grelle Parodie: Modesty und ihr schmucker Assistent Willie (Stamp) werden vom Secret Service beauftragt, den Transport von Diamanten in den Mittleren Osten sicherzustellen, doch ihr Erzrivale Gabriel (Bogarde), den sie fälschlicherweise für tot gehalten hatte, macht ihr mit seinen trickreichen Schachzügen das Leben schwer. Am Ende siegt natürlich das Recht, und Modesty nimmt vom rechtmäßigen Eigentümer ihren wohlverdienten Lohn entgegen: die Diamanten!

Die Handlung von »Modesty Blaise« ist dünn und hanebüchen. Worauf es ankommt, ist der Look des Ganzen: Ausstattung, Frisuren, Klamotten, Möbel — alles gehalten in den seinerzeit neuesten Farben, Formen und Mustern. Monica Vittis Haupt schmücken kunstvoll gedrechselte Turmfrisuren, mit denen sie durch keine Tür käme. Jede Szene präsentiert sie mit einer neuen Frisur (und einer neuen Haarfarbe!) und frischer Garderobe. Zu Modestys Waffenarsenal gehören unter anderem ein flammenwerfendes Feuerzeug und ein tödlicher Lippenstift. Auf der Höhe der pop art-Welle gedreht, wirkt der Streifen aus heutiger Sicht wie ein Museum dieser farbenfrohen, leider zu kurzlebigen Stilrichtung.
Ansonsten zieht sich das Ganze mit rund zwei Stunden Laufzeit wirklich sehr in die Länge, was die inhaltlichen Löcher nur noch sichtbarer macht. Vitti wirkt als Geheimagentin sichtlich unterfordert; Komödien liegen ihr offenbar nicht. Die verstörend attraktive Italienerin war durch die intellektuell stimulierenden Werke Michelangelo Antonionis zu internationaler Bekanntheit gelangt. Mit »Modesty Blaise« wollte sie den Sprung nach Hollywood wagen, doch der Film erlitt künstlerisch und kommerziell Schiffbruch.
Das Einzige, was »Modesty Blaise« inhaltlich interessant macht, ist Dirk Bogarde, der als femininer Bösewicht eine weiße Perücke und ausschließlich weiße Kleidung trägt und in seinem Schloss auf einer Mittelmeerinsel unter anderem einen Mundschenk, einen Hofnarren sowie einen weiblichen Henker (Rossella Falk, bekannt aus Sette orchidee macchiate di rosso) beschäftigt und ein wenig an die Rollen erinnert, die Liz Taylor kurz darauf unter Loseys Führung spielen sollte: »Boom!« (1967) und Secret Ceremony.

André Schneider

 

Advertisements

7 thoughts on “Filmtipp #258: Modesty Blaise – Die tödliche Lady

  1. Pingback: Filmtipp #265: Der Diener | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: Filmtipp #293: In the City of Sylvia | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  3. Pingback: Filmtipp #303: Dead of Summer | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  4. Pingback: Filmtipp #464: Der Fänger | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  5. Pingback: Filmtipp #502 bis #510: Vergessene Perlen (Britisches Kino) | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  6. Pingback: Filmtipp #518: Marrakesch | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  7. Pingback: Filmtipp #521: Das Mädchen aus der Cherry-Bar | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s