Filmtipp #221: Fremde Schatten

Fremde Schatten

Originaltitel: Pacific Heights; Regie: John Schlesinger; Drehbuch: Daniel Pyne; Kamera: Amir Mokri; Musik: Hans Zimmer; Darsteller: Melanie Griffith, Matthew Modine, Michael Keaton, Mako, Laurie Metcalf. USA 1990.

Pacific Heights

Pünktlich zu Hitchcocks zehntem Todestag kam dieser schwungvoll inszenierte Thriller, der dem Altmeister in liebevollen Zitaten huldigt, in die US-amerikanischen Lichtspielhäuser. Die Kritiker waren sich seinerzeit uneins; viele warfen dem Film seine Unglaubwürdigkeit vor — die Löcher im Drehbuch sind nur allzu offensichtlich —, andere wiederum lobten die stilsichere Inszenierung Schlesingers und den unbestreitbaren Unterhaltungswert von »Pacific Heights«.
     Pacific Heights ist der Name einer der vornehmsten Wohngegenden San Franciscos. Hier kauft sich das junge Paar Patty (Griffith) und Drake (Modine) auf einem Hügel ein etwas heruntergekommenes Haus und richtet es liebevoll wieder her. Um die aufgenommenen Kredite abstottern zu können, wollen sie einen Teil des Hauses vermieten. Damit beginnt der Horror, denn plötzlich haben sie einen Psychopathen in ihrem Leben: Carter Hayes (brillant: Keaton) ist gefährlich charmant, aalglatt, eiskalt und unberechenbar. Er hat sich mit einem Freund (Luca Bercovici) in einer der beiden Erdgeschosswohnungen einquartiert und macht nicht nur dem benachbarte japanische Ehepaar (Mako und Nobu McCarthy), sondern auch Drake und Patty das Leben zur Hölle. Nach zermürbenden Wochen des Terrors ist Hayes plötzlich verschwunden, lässt aber sein Luxusapartment als Trümmerwüste zurück. Finanziell und mit ihren Kräften am Ende, gibt Patty nicht auf und verfolgt eigenmächtig die Spur ihres Mieters. Klar, dass sie das in Lebensgefahr bringt…
     Dass Carter Hayes’ Motive nahezu komplett im Dunkeln bleiben, sein böses Handeln also nicht erklärt wird, wurde damals als das größte Manko des Streifens bemängelt. Ich werte dies als ein Plus, denn auf diese Weise erhält der Bösewicht den Charakter einer Naturgewalt — welches »Motiv« hat schon ein Erdbeben? — Ein Mieter-Thriller à la Hitchcock also, sophisticated und hochspannend. Kameramann Amir Mokri studierte die Arbeiten seines Kollegen Robert Burks genau; ihm gelangen einige täuschend echte Imitationen. Der englische Regisseur John Schlesinger zollte seinerseits dem Meister Tribut, indem er wie einst Hitch einen Kurzauftritt absolvierte. Am Ende des Films taucht in einer stummen Nebenrolle (als eines von Hayes’ Opfern) außerdem Tippi Hedren (Marnie) auf, die eigentlich nur ihrer Tochter am Set einen Besuch abstatten wollte und von Schlesinger vom Fleck weg für den Part der Florence Peters engagiert wurde. Auch der Rest der Besetzung ist erstklassig, von Laurie Metcalf über Dorian Harewood, Dan Hedaya, Miriam Margolyes, Carl Lumbly und Sheila McCarthy bis hin zu Beverly D’Angelo als Hayes’ hündisch ergebene Flamme Ann Miller. Komponist Hans Zimmer schrieb einen für ihn typischen, ganz auf Effekte setzenden Soundtrack.
     Melanie Griffith ist eine peinlich unterschätzte Aktrice und galt gemeinhin als one-hit wonder, das mit viel Häme bedacht wurde und wird. Sicher traf sie nach ihrem preisgekrönten Erfolg mit Mike Nichols’ »Working Girl« (1988) einige fragwürdige Entscheidungen: So sagte sie »When Harry Met Sally« (Regie: Rob Reiner), »The Grifters« (Regie: Stephen Frears) und »Basic Instinct« (Regie: Paul Verhoeven) ab — Rollen, die Meg Ryan, Annette Bening und Sharon Stone in den Olymp der Superstars befördern sollten —, um ausgerechnet »The Bonfire of Vanities« (Regie: Brian De Palma) zu drehen, der sich als einer der fettesten Flops der 1990er erwies. In der Folgezeit lieferte Griffith hervorragende Leistungen in größtenteils lausigen Filmen: »Shining Through« (Regie: David Seltzer), »A Stranger Among Us« (Regie: Sidney Lumet), »Born Yesterday« (Regie: Luis Mandoki), »Milk Money« (Regie: Richard Benjamin) und »Two Much« (Regie: Fernando Trueba) waren sowohl künstlerisch als auch kommerziell Reinfälle. Mit einer 1997 einsetzenden Reihe äußerst fragwürdiger Schönheits-OPs katapultierte sie ihre angeschlagene Karriere endgültig ins Aus — bis heute hat sie sich, trotz vereinzelter ambitionierter Projekte, nie ganz erholt. »Pacific Heights« schlug sich mit einem Einspielergebnis von rund 30 Millionen Dollar im Vergleich ganz wacker, geriet allerdings über die Jahre unverdienterweise in Vergessenheit.
     »Pacific Heights« wurde zwischen Januar und Mai 1989 vor Ort am Potrero Hill in San Francisco und in den Studios von Culver City in Los Angeles gedreht. Das im Film gezeigte Wohnhaus existiert tatsächlich, musste jedoch extra in einen etwas derangierten Zustand gebracht werden. Also wurde das gesamte Gebäude mit einer dünnen Schicht verkleidet und diese mit entsprechenden Farben angepinselt; zwei Tage später nahm man die Kulisse wieder ab. John Schlesinger drehte im Anschluss nur noch drei Beiträge fürs Kino; sein letztes Werk wurde unglücklicherweise das Madonna-Vehikel »The Next Best Thing« (2000). Der offen schwule Filmemacher starb 2003 im Alter von 77 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

André Schneider

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