Filmtipp #64 bis #68: Wunderbar schlechte Tierhorrorfilme aus den Siebzigern

In den Siebzigern erlebte das Subgenre des Tierhorrors seinen Höhepunkt mit Steven Spielbergs »Jaws« (1975), dem ersten Blockbuster, der über 100 Millionen Dollar einspielte — damals der erfolgreichste Film aller Zeiten. Überhaupt schienen die 1970er prädestiniert zu sein für monströse Tiere im Kino: Es gab teuflisch intelligente Ratten (»Willard« (Regie: Daniel Mann, 1971), »Ben« (Regie: Phil Karlson, 1972)), aufgebrachte Killer-Bienen (»The Savage Bees« (Regie: Bruce Geller, 1976), »The Swarm« (Regie: Irwin Allen, 1978)), fiese Spinnen (»The Giant Spider Invasion« (Regie: Bill Rebane, 1975), »Kingdom of the Spiders« (Regie: John ‘Bud’ Cardos, 1977)), dressierte oder mutierte Schlangen (»Stanley« (Regie: William Grefe, 1972), »Sssssss« (Regie: Bernard L. Kowalski, 1973)), von der zunehmenden Umweltverschmutzung frustrierte Frösche (»Frogs« (Regie: George McCowan, 1972)), ausgehungerte Löwen (»Savage Harvest« (Regie: Robert L. Collins, 1981)), tollwütige Bernhardiner (»Cujo« (Regie: Lewis Teague, 1983)) und durch Quecksilberverseuchung entstandene Kreuzungen aus Bären und Kaulquappen, die sich von Talia Shires überbordender Hässlichkeit bedroht fühlten und deshalb Amok liefen (»Prophecy« (Regie: John Frankenheimer, 1979)) — um nur einige zu nennen. Das Publikum wurde regelrecht überschwemmt und lechzte nach mehr. Diese Filme waren mal mehr, mal weniger gelungen, haben aber allesamt einen recht hohen Unterhaltungsfaktor, denn der Mensch sieht sich in der Nahrungskette generell nicht gerne überholt. Gefressen zu werden stellt eine der elementarsten Urängste dar. Wer als Filmemacher auf Kannibalismus, Krokodile, Killerfische oder einfach nur hungrige Monster setzt, kann sich sicher sein, dass der Film seine Kosten einspielt. Und eine Renaissance des Tierhorrorfilms gibt es im Schnitt alle 20 Jahre: Der erste Boom kam 1954 mit »Them!« (Regie: Gordon Douglas) und ein Jahr später mit »Tarantula« (Regie: Jack Arnold), dann kam die bereits erwähnte Riesenwelle in den Siebzigern, schließlich ging es in den Neunzigern noch einmal zur Sache (kleine Auswahl der spaßigen Trash-Tiefpunkte: »Strays« (Regie: Thomas J. Whelan), »Ticks« (Regie: Tony Randel, 1993), »Skeeter« (Regie: Clark Brandon, 1993), »Bats« (Regie: Louis Morneau, 1999) und »Komodo« (Regie: Michael Lantieri, 1999)) — und seit ein paar Jahren folgt Remake auf Remake, gerne mal in 3D, oft aber auch direkt für die DVD-Auswertung produziert. Die einzige wirkliche »Falle«, in die die Macher tappen können, ist, den Humor bzw. die Selbstironie zu vergessen. Monsterfilme, die sich selbst zu ernst nehmen, funktionieren unglücklicherweise nicht (mehr). Und genau da fängt es oft an, ungeheuer (und unfreiwillig) komisch zu werden. Heute empfehle ich Euch fünf Filme, auf die man sich mit guten Freunden und ein paar Flaschen Rotwein (oder Bier, je nach Geschmackslage) getrost mal einlassen kann.
Night of the Lepus

#64: Rabbits
Night of the Lepus (1972)
Regie: William F. Claxton, mit Stuart Whitman, Janet Leigh, Rory Calhoun u. a.

Im Interview mit dem Filmhistoriker Tom Weaver erinnerte sich Janet Leigh, diesen Film im absoluten Karrieretief nur aus dem Grunde gemacht zu haben, weil er in der Nähe ihres Zuhauses gedreht wurde — sie konnte so mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen —, und fügte hinzu: »I’ve forgotten as much as I could about that picture.«
     Dabei ist »Night of the Lepus« ein ausgesprochen witziger Film. Allein die Grundidee ist so abstrus, dass man sich fragt, ob die Studiobosse von MGM wirklich all ihre Sinne beisammen hatten, als sie der Produktion grünes Licht gaben: Es geht um Killer-Kaninchen. Durch Genmanipulation auf LKW-Größe angewachsen, haben sie keinen Appetit mehr auf Löwenzahn und vermehren sich wie die, na ja, Karnickel halt. Wenn die kleinen Racker so possierlich in Zeitlupe durch die Gegend hoppeln, möchte man eigentlich nur die ganze Zeit »Au weia, wie niedlich! Wie niedlich!!« rufen. Soll man aber nicht. Regisseur Claxton und seine Autoren Don Holliday und Gene R. Kierney meinen es nämlich bierernst! Leider ließen sie die Effektmacher bei ihrem Unterfangen übel im Stich, und so kommt es für den Zuschauer zu einigen haarsträubend witzigen Bildfolgen, wenn die gefräßigen Hoppler beispielsweise über eine aus einem ganz anderen Film reinkopierte Rinderherde herfallen oder bei einem Angriff auf einen Farmer der Reißverschluss auf dem Rücken des Riesenkaninchens sichtbar wird. Janet Leigh erwehrt sich mit einer Leuchtrakete der fiesen Brut und verschanzt sich mit ihrer Tochter (nein, es handelt sich leider nicht um Jamie Lee Curtis) in einem Wohnwagen, der von den knuffigen Rammlern belagert wird. Teilweise werden die Tierchen schlecht in das vorhandene Material einkopiert, teilweise liegen sie in einer Art Lego-Landschaft. Das sind überhaupt die tollsten Aufnahmen: Um dem Zuschauer glaubhaft zu machen, es handele sich um wirklich riiiieeeesige Kaninchen, filmte man einfach eine Gruppe Zwergkaninchen in einer kleinen Playmobilstadt. Munter hüpfen die blutrünstigen Nager über die Spielzeug-Strommasten, schalten dadurch zwar den Strom ab, werden aber gleichzeitig gegrillt. Und Philip Avenetti, der einen Polizisten spielt, warnt die Bewohner des Städtchens allen Ernstes mit den denkwürdigen Zeilen: »Attention! Attention! Ladies and gentlemen, attention! There is a herd of killer rabbits headed this way and we desperately need your help!« Ach, wieso schreibe ich eigentlich so viel? DVD besorgen — momentan gibt es sie leider nur in den USA —, anschauen und selber staunen!

Grizzly

#65: Grizzly
Grizzly (1976)
Regie: William Girdler, mit Christopher George, Richard Jaeckel, Joan McCall u. a.

»Jaws with Claws!« — Mit dieser cleveren Zeile warben die Produzenten seinerzeit für diesen herrlich blutigen Streifen des jungen Filmemachers William Girdler. Ein ausgehungerter Grizzlybär tötet in einem Nationalpark einige hübsche Camperinnen, und Christopher George und Richard Jaeckel wollen dem Biest den Garaus machen. Dramaturgisch ähnelt alles sehr an Spielbergs Kassenhit, und so ist auch der Ausgang der Story recht früh klar — was dem Unterhaltungswert dieses Streifens weiß Gott keinen Abbruch tut, im Gegenteil: Unter den vielen Trash-Tierhorrorstreifen ist und bleibt »Grizzly« einer der besten! Sein Erfolg bestätigt dies: 1976 spielte »Grizzly« satte 39 Millionen Dollar ein, im Verhältnis zu seinem bescheidenen Budget (750.000 Dollar) eine geradezu astronomisch hohe Summe. (Zum Vergleich: »Night of the Lepus« hatte ein Budget von 900.000 Dollar (warum?? wofür???) und spielte knapp drei Millionen ein.) Girdlers Bärenfilm war damit die erfolgreichste Independent-Produktion aller Zeiten, bis zwei Jahre später »Halloween« (Regie: John Carpenter) diesen Rekord brach. Ein handwerklich rundum ordentlicher Film, bei dem besonders der grandiose Score von Robert O. Ragland im Gedächtnis bleibt. Heute ist »Grizzly« — bei uns kürzlich als »Killer Grizzly« auf DVD erschienen — längst ein Kultfilm. Ein Jahr später drehte Girdler den thematisch ganz ähnlich gelagerten Öko-Horrorstreifen »Day of the Animals«, in dem es unter anderem Berglöwen, Wölfe, Hunde, Ratten, Geier und andere Tiere auf Stars wie Leslie Nielsen, Ruth Roman, Christopher George nebst Gattin Lynda Day George und Richard Jaeckel abgesehen haben. Grund hierfür ist ein Ozonloch, das die Tiere aggressiv werden lässt. Der Film ist bei weitem nicht so gelungen und war lediglich ein bescheidener Erfolg.
     William Girdler, ein erklärter Hitchcock-Fan, konnte leider nur neun Filme drehen: Er starb 1978 bei einem Hubschrauberunglück in den Philippinen. Er wurde nur 30 Jahre alt. Wer sich für seine Filme interessiert, sollte die Offizielle Website besuchen und sich unbedingt »Three on a Meathook« (1973), »Abby« (1974) und »The Manitou« (1978, mit Tony Curtis) besorgen.

Empire of the Ants

#66: In der Gewalt der Riesenameisen
Empire of the Ants (1977)
Regie: Bert I. Gordon, mit Joan Collins, Robert Lansing, John David Carson u. a.

Joan Collins hatte das Glück, mit den größten Stars (Paul Newman, Bette Davis) und den größten Regisseuren (Howard Hawks) zu arbeiten — und das Pech, dies jeweils in deren schlechtesten Filmen zu tun. In den Siebzigern war sie längst schon von den großen Studios weg und in der B-Movie-Schiene gelandet. Unter den vielen Trash-Perlen, in denen sich die Collins vor ihrem späten Durchbruch im »Denver-Clan« verdingte, ist »Empire of the Ants« vermutlich die berühmteste. Was soll man groß über diesen Film sagen? Er spielt in Florida, wo Frau Collins als zwielichtige Maklerin in den Everglades nichtbebaubares Sumpfland an ahnungslose Investoren verkaufen möchte. Was sie natürlich nicht vorhersehen konnte: Riesige (Pappmaché-)Ameisen haben sich die Gegend bereits unter den Nagel (eine blöde Formulierung an dieser Stelle, ich weiß) gerissen und akzeptieren die Eindringlinge höchstens als potentielle Futtertiere. Ach so, ihren Wachstum haben die Insekten radioaktiven Abfällen zu verdanken. Damals dachten die Atomkraftwerkbetreiber noch nicht so gewissenhaft an ihre Umwelt, wie sie es heute tun, und verzichteten auf rostfreie Abfallbehälter. Ja, und hier sieht man, was dann so alles passieren kann.

Tentacles

#67: Der Polyp – Die Bestie mit den Todesarmen
Tentacoli / Tentacles (1977)
Regie: Ovidio G. Assonitis, mit John Huston, Shelley Winters, Henry Fonda u. a.

Diese italienisch-amerikanische Co-Produktion versuchte nicht nur (erfolglos), an Spielbergs Haifilm anzuknüpfen, nein, sie bediente sich auch des damals recht bewährten Strickmusters der Katastrophenfilme. »Airport« (Regie: George Seaton, 1970), »The Towering Inferno« (Regie: John Guillermin, 1974), »Earthquake« (Regie: Mark Robson, 1974) und andere Streifen ähnlicher Thematik waren riesige Kassenhits gewesen. Grundrezept: Altstars mit Naturgewalten in Berührung und in ausweglose Situationen bringen. Cleverer Gedanke eigentlich, Unterwasserhorror mit Katastrophenfilmelementen zu verbinden. Leider ging es gehörig schief. Dabei hatte man mit Henry Fonda, John Huston, der unverwüstlichen Shelley Winters und Bo Hopkins wirklich ein paar gewichtige Namen mit an Bord und sparte ansonsten, wo man nur konnte (Gesamtbudget: 750.000 Dollar; »The Towering Inferno« hatte 14 Millionen gekostet). Es geht um einen Riesenkraken, der sich den weißen Hai zum Vorbild erkoren und einen öden Strand zu seinem Büfett ausgerufen hat. Das Ganze wäre nicht einmal mehr komisch, wäre da nicht Shelley Winters, die die ganze Zeit so aus der Wäsche guckt wie Miss Piggy, der man gerade einen Witz über Schinken erzählt. »I’m a method actress!« quakte Shelley über Jahrzehnte hinweg, und nach jedem Film fügte sie hinzu: »I had to gain twenty pounds for this role!« Meine Fresse, hat die Frau schlechte Filme gedreht! »Tentacoli« — der italienische Titel spricht sich einfach niedlicher — war da noch einer der Höhepunkte. Immerhin gibt es eine hinreißende Szene, in der der Polyp eine ganze Yacht verschlingt. Mahlzeit!

Piranha

#68: Piranhas
Piranha (1978)
Regie: Joe Dante, mit Bradford Dillman, Heather Menzies, Kevin McCarthy u. a.

…und noch ein kleiner B-Klassiker, der im Kielwasser vom »weißen Hai« mitschwamm, dabei aber eine gehörige Portion Selbstironie unter Beweis stellte. Der in nur 30 Tagen mit einem Budget von 660.000 Dollar von Roger Corman produzierte Schocker war das Regiedebüt von Joe Dante, der in den Achtzigern so pfiffige Filme wie »The Howling« (1981), »Gremlins« (1984) oder »Innerspace« (1987) aus der Taufe heben sollte. Versehentlich öffnet die etwas trottelige Privatdetektivin Maggie (Heather Menzies) auf einer Militärstation die Schleuse eines großen Wasserbassins und entlässt auf diese Weise einen riesigen Schwarm genmanipulierter Piranhas (salz- und süßwassertauglich, kälteresistent, extra-aggressiv) in einen nahe gelegenen Fluss. Die Viecher machen herzallerliebste Hummelgeräusche und sehen ganz anders aus als die Piranhas, die man aus den Aquarien dieser Welt kennt. (Dante hatte 40 fischartige Holzgestelle zur Verfügung, die er mit einer Art Gummi überziehen ließ.) Gemeinsam mit dem Wissenschaftler Dr. Hoack (Kevin McCarthy), der die Fische als biologische Waffe fürs Militär gezüchtet hat, und dem heroisch-versoffenen Paul (Bradford Dillman) macht sich Maggie auf den Weg flussabwärts zu einem frisch eröffneten Kinder-Badecamp. Die Piranhas halten das für eine sehr gute Idee und kommen nach. Barbara Steele, die Horrorgöttin der Sechziger, tritt in der zweiten Filmhälfte als coole Meeresbiologin in Erscheinung, und Dick Miller spielt den uneinsichtigen Geschäftsmann, der aller Warnungen zum Trotz das Badecamp aus reiner Profitgier nicht schließen möchte (ja, das erinnert nicht von ungefähr an Murray Hamilton in »Jaws«). Für diese und andere Parallelen zum Spielberg-Film verklagte Universal den armen Roger Corman, ließ die Klage allerdings fallen, nachdem Spielberg selbst »Piranha« gesehen hatte und so begeistert davon war, dass er später noch Dantes »Gremlins«-Filme produzierte. Inzwischen gab es längst schon das amüsant-blutig-prollige Remake in 3D — Blut und Titten deluxe! —, und das Sequel in 3DD kommt im Sommer 2012 in die hiesigen Kinos. An die köstlichen Dialoge von einst (»Sir, die Piranhas…« — »Sehen Sie nicht, dass ich telefoniere, Mann? Was ist mit diesen gottverdammten Piranhas?« — »Die fressen die Gäste auf.«) reichen allerdings beide nicht heran.

André Schneider

Advertisements