Filmtipp #302: Plaisirs d’amour

Plaisirs d’amour

Originaltitel: In the French Style; Regie: Robert Parrish; Drehbuch: Irwin Shaw; Kamera: Michel Kelber; Musik: Joseph Kosma; Darsteller: Jean Seberg, Stanley Baker, Philippe Forquet, Jack Hedley, Claudine Auger. USA 1963.

in the french style

»[Es ist], und dies dank Jean Seberg, der französischste Hollywood-Film, der je in Paris gedreht wurde«, schwärmte Antoine de Baecque 2014 von Robert Parrishs charmantem Kleinod, das ab Ende August 1962 ganz im Stile der nouvelle vague gedreht wurde. Es war Jean Sebergs erste US-amerikanische Produktion nach drei Jahren in Europa, und sie musste Frankreich noch nicht einmal verlassen. In nur acht Wochen und mit einem Budget von 531.000 Dollar fertiggestellt, wurde »In the French Style« einer von Sebergs schönsten und interessantesten Filmen — was allerdings nicht heißt, dass er ein Erfolg wurde. Zwar äußerten sich die meisten Kritiker wohlwollend, aber ein Kassenhit wurde »In the French Style« nicht. Er gehört bis heute zu den unbekannteren und unterschätzten Streifen dieser unterschätzten Schauspielerin, die hier eine durch und durch souveräne, effiziente Darstellung zum Besten gibt. Frei nach den Kurzgeschichten »In the French Style« und »A Year to Learn the Language« spielt Jean Seberg Christina, eine Kunststudentin aus Amerika, die für ein halbes Jahr nach Paris kommt, »um malen zu lernen«, und schließlich vier Jahre bleibt — der Liebe wegen. In diesen vier Jahren trifft sie drei Männer, unter anderem den hübschen Franzosen Philippe Forquet, der mit diesem Film seinen Einstand im US-Kino gab, sich kurz darauf mit Sharon Tate verlobte und seine Karriere in den siebziger Jahren eher halbherzig in seiner Heimat fortsetzte. Die Libertinage, die sich Christina in Europa zu eigen gemacht hat, schmeckt ihrem Vater (Addison Powell), der seine Tochter während einer Stippvisite kaum mehr wiedererkennt, gar nicht. Durch einige Wirrungen und Enttäuschungen wird Christina erwachsen und lässt sich schließlich von einem etwas drögen Amerikaner angeln und zwecks baldiger Eheschließung zurück in die Heimat holen; so gehörte sich das Anfang der Sechziger für ein anständiges Mädel aus den Staaten. Frankreich galt schließlich als Bordell und Sünde und Anstandslosigkeit.

Eine der hymnischsten Kritiken brachte seinerzeit Michel Mardore in den »Cahiers du cinéma«: »Dies ist also der erste nouvelle vague-Film eines Amerikaners, und es scheint, als wäre die Empfindsamkeit Hollywoods noch nie so nahe dran gewesen, die Pariser Luft zu erfassen, die hier nur knapp verfehlt wird, wenn auch mit größerer Sensibilität als sonst. Wer genau hinsieht und hinhört, wird an manchen Stellen dieses Films einen Blick auf Frankreich entdecken, dessen Wahrhaftigkeit und Gnadenlosigkeit alle Achtung verdient. Fern von touristischer Ekstase und billiger Populärmusik atmet ›In the French Style‹ Zärtlichkeit und Bitterkeit für die französische Hauptstadt. Es ist bekannt, dass Jean Seberg im wirklichen Leben eine vergleichbare Geschichte und vergleichbare Szenen erlebt hat. Ohne sie würde der Film nicht existieren. Und hier kehrt sie in ihrem ursprünglichen Glanz zu uns zurück, wahrhaftig in Wort und Gesten, und haucht diesem Film Leben ein wie das stumme Modell dem Gemälde. ›In the French Style‹ schöpft aus dem Leben seiner Hauptdarstellerin, jenem Leben, dass sie seit Bonjour Tristesse und ›À bout de souffle‹ geführt hat. Dieser Titel bezieht sich nicht nur auf einen Lebensstil, der so nur in Paris gelebt werden kann, er verbeugt sich auch vor dem französischen Kino der nouvelle vague. Die geschmeidige Regie, die langen verzückten Kamerafahrten im Gleichschritt mit den Verliebten vor dem Hintergrund des Pariser Frühlings, die schönen und schlichten Aufnahmen, die wohltuend zurückhaltende Musik sind alles Dinge, die das Beste unseres jungen Kinos in Erinnerung bringen.«

André Schneider

Advertisements

6 thoughts on “Filmtipp #302: Plaisirs d’amour

  1. Pingback: 14. November 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: 12. März 2007 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  3. Pingback: Filmtipp #483: Moos auf den Steinen | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  4. Pingback: Filmtipp #502 bis #510: Vergessene Perlen (Britisches Kino) | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  5. Pingback: Filmtipp #554: Der schwarze Leib der Tarantel | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  6. Pingback: Filmtipp #555: Zwei Wochen in einer anderen Stadt | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s