24. März 2014

Markus im Tiergarten, ca. 1992.

Markus im Tiergarten, ca. 1992.

Heute ist es zehn Jahre her, dass Markus’ lebloser Körper in einem Hotel in der Nähe der Warschauer Straße gefunden wurde. Er hatte sich in der Nacht vom 23. zum 24. März 2004 das Leben genommen. Seinem Selbstmord war, wie ich anschließend erfuhr, eine 15jährige Drogenkarriere vorausgegangen. Es war ihm lange gelungen, das verheerende Ausmaß seiner Suchterkrankung hinter einer vermeintlich heilen Fassade vor seinen Freunden, seiner Familie und mir zu verbergen — obwohl wir vier ausgesprochen intensive Jahre miteinander verbracht hatten, hatte ich nicht die leiseste Ahnung. (Sporadisch aufflammende Verdachtsmomente — natürlich hatte ich gemerkt, »dass etwas nicht stimmt« — hatte er stets in bewundernswerter Weise beschwichtigen können.)
Zum heutigen Todestag nun also mein persönlichster Beitrag außerhalb der VIP Lounge. Beginnen möchte ich mit einem längeren, ganz leicht gekürzten Abschnitt aus Aus der Umarmung des Wassers:

Unruhiger Schlaf in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch. Ein lautes Krachen war es, das mich […] aufschreckte. Mucksmäuschenstille im Haus, es hatte wohl in meinem Traum gekracht. Marterpfahlgerade im Bett sitzend, fiel mein Blick auf Markus’ Kissen neben mir, und unvermittelt fing ich an zu weinen. Ich konnte nicht aufhören. Stunden weinte und betete ich, ich weinte, bis das Kissen förmlich durchtränkt war und ich mich erschöpft wie ein Marathonläufer wieder dem Schlafe übergeben konnte.
Erneut telefonierte ich mich ergebnislos durch die Berliner Krankenhäuser und Unfallstationen, klingelte zum Teil längst verschollene Freunde und Bekannte meines Liebsten an und fuhr anschließend durch die Stadt, all die Orte und Plätze abklappernd, die »unsere« geworden waren. Mittags dann rief ich wie verabredet seine Schwester an, sie möge bitte ihre Eltern einweihen und mich später zurückrufen. Innerlich ertaubte ich mehr und mehr, wann immer ich das Gefühl hatte, gleich weinen zu müssen, sagte ich mir: »Bis jetzt ist gar nichts. Gib ihn nicht auf!«
Gegen 17 Uhr klingelte das Telefon, und Markus’ Schwester teilte mir mit, dass die Polizei gerade bei ihren Eltern sei; man habe seine Leiche in einem Hotel gefunden. Die Geräusche — der Klingelton, ihre Stimme, die jeden Halt verloren hatte, das Schlurfen meiner Schuhe auf dem Parkett, das Schlucken, als ich mir auf die Zunge biss, mein Schluchzen und Schreien, meine mir fremd und fremder werdende Stimme, das Geräusch des zu Boden fallenden Hörers — verfolgen mich bis heute in meinen Träumen. Was mir am schärfsten in Erinnerung geblieben ist vom weiteren Verlauf dieses Tages, ist seine sonderbare Unwirklichkeit: Markus’ bester Freund holte mich ab und fuhr mit mir in die Schreinerstraße. Ich sah aus dem Autofenster und registrierte verwundert, wie das Leben auf der Straße weiterging — eine Radfahrerin, die gerade ihre Einkäufe getätigt und in einem Weidenkorb auf dem Gepäckträger befestigt hatte, ein Pärchen, das Händchen haltend über die Kreuzung lief, die müden Gesichter im Feierabendverkehr —, während mein Innerstes im Sterben lag. Ein verregneter, frühlingsmilder Spätnachmittag, und so sehr ich mich bemühte, meine Fassung zu wahren, es gelang mir nicht. Im Laufe des frühen Abends fand sich Markus’ Freundeskreis, seine selbst gewählte Familie, in seiner Wohnung ein. Wir weinten gemeinsam in den Räumen, die jahrelang seinen Atem gefüllt hatten und die so gemütlich durchsetzt waren von seinem Geist, seinem Geruch. In einem lichten Moment verließ ich die Wohnung, die mir vier Jahre lang ein zweites Zuhause gewesen war, sprintete zum nächsten Kiosk und kaufte dort alle Zeitungen, derer ich habhaft werden konnte; schließlich wollte ich wissen, was am schlimmsten Tag meines Lebens passiert war.

26. März 2004. Freitag.
Es schneit. Deine Eltern, Deine Schwester, Deine Cousine und ich fahren zur Kripo, Wedekindstrasse 10, Zimmer 316. Ein blauer Sack mit Deinen Habseligkeiten wird ausgepackt, ein Polizist hakt auf einer Liste ab: »Ein paar Schuhe, ein paar Socken, schwarz, eine Unterhose, eine Cordschlaghose, braun…« Ich sinke in mich zusammen […] und weine. Der Polizist übergibt mir Deine Kalender. 2000 bis 2004. Würde ich sie lesen wollen? Nein. Werde ich es tun? Ich muss.
Ein nasskalter Tag […]. Sie fahren weiter zur Gerichtsmedizin, um Dich ein letztes Mal zu sehen, und fragen, ob ich mitkommen mag. — Gestern noch überlegte ich hin und her, und alle, die ich fragte, rieten mir ab. Ich solle Dich lebend in Erinnerung behalten, Tote würden sich meist gar nicht mehr ähneln. Ich weiß, es wird mir Leid tun, Dich kein letztes Mal gesehen zu haben, aber ich kann einfach nicht, so allein auf weiter Flur.
Sie kommen zurück und erzählen, Du hättest friedlich und befreit ausgesehen und ein leichtes, gelöstes Lächeln getragen. Der Gedanke beruhigt mich. Ich wünsche mir, […] dass ein ewiges Lächeln Dich umfängt und Du mit Deiner Entscheidung das irdische Leid, das Dich quälte, überwunden hast.
Keine Obduktion. Ich danke den Göttern dafür, dass sie Dich nicht aufschneiden. Der Fall ist glasklar: Atemdepression. Du warst im Tiefschlaf, als die Medikamente Deine Brustmuskulatur einschlafen ließen. Zeitpunkt des Todes: Zwischen ein und drei Uhr in der Frühe. […]

27. März 2004. Samstag.
Dein Päckchen an mich — Poststempel vom Dienstag — kam zurück. Du hattest eine falsche Hausnummer angegeben. Dein Abschiedsbrief, endlich! […]
Deine verängstigte Kinderschrift und Tränenspuren auf dem Papier.
Markus, ich liebe Dich! Ich habe Dir bereits verziehen! Aber ob ich mir verzeihen kann?
Es wäre konsequent, wenn ich mich umbrächte. Ohne Dich existiere ich nicht. Du warst mein Kraftquell, mein Lebensinhalt, alles, was ich mir ersehnt und erträumt habe. Nur für Dich wollte ich schön sein, Musik machen, schreiben, arbeiten. Kann ich es jetzt noch? Ich habe Angst, meine Kreativität zu verlieren. Sie ist alles, was ich habe. Wenn sie mit Dir gegangen ist, bin ich leer, eine Hülle. Was mich am Selbstmord hindert, Markus, ist mein Verantwortungsgefühl. Ich habe nicht das Recht, den Menschen, die mich lieben, das anzutun. Also weiterleben. Wohl auch aus Angst und Neugier. Und auch, weil mir nichts Besseres einfällt.
Heute wird Dein Zimmer ausgeräumt, Deine kleinen Schätze unter Deinen Freunden aufgeteilt. Letzte Nacht war die letzte, die ich in unserem Bett verbrachte. Es fällt schwer, das Loslassen, daher ist es gut, dass es so schnell zu geschehen hat.

28. März 2004. Sonntag.
Zum ersten Mal seit Montag etwas gegessen. Ein halbes Stück Apfelkuchen. Drei Kilo abgenommen.
Zum ersten Mal seit Mittwoch allein gewesen. Für ein paar Stunden. Dein Päckchen ausgepackt, unsere Videos geschaut und gesehen, dass Du glücklich warst mit mir. Dass wir glücklich waren. Deine glücksgeschwängerte, wohlig weiche Stimme gehört. Und wieder geglaubt, ich würde gleich aufwachen aus diesem Alptraum, Du würdest im Türrahmen stehen, rauchen und mich mit Deinen wachen Kinderaugen seelenkitzeln.
Zum ersten Mal seit Mittwoch länger als zwei Stunden geschlafen. Das T-Shirt mit Deinem Geruch auf dem Kopfkissen. Weinend aufgewacht von dem Gedanken, dass es diesen Geruch auf der ganzen Welt kein zweites Mal gibt. Markus, warum hast Du mir Deinen Geruch genommen?

29. März 2004. Montag.
Dein Vater rührt mich. Du ähneltest ihm so sehr. Es drängt mich, ihn zu umarmen. Sein Leid und das Deiner Mutter kann ich nicht ermessen. Oder nur entfernt. Unterm Strich ist Trauer das einsamste Geschäft.
Seltsam, dass alle fragen, wie lange wir zusammen waren, aber niemand, warum wir zusammen waren.
Kennzeichen B–NA 2989. Tag der ersten Zulassung: 3. März 1986. Dein geliebtes Auto wird heute verschrottet. Wir müssen es vom Parkplatz des Hotels abholen, in dem Du Deine letzten Stunden verbrachtest. Wo man am Mittwoch um 13 Uhr Deinen leblosen Körper fand. Auf dem Bäuchlein liegend, in T-Shirt und Boxershorts.
Die Frau an der Rezeption ist verständnisvoll und begleitet mich, als ich sie darum bitte, das Zimmer sehen zu dürfen. »Möchten Sie einen Augenblick alleine hier bleiben?« fragt sie, und ich verneine. Das Zimmer […] des East Side Hotels, […] kaum fünf Autominuten von Deiner Wohnung entfernt, ist so trostlos mit seinem Fenster zum betongrauen Hinterhof, dass ich denke: »Passt.«
Kommende Woche wird in einem Brandenburger Krematorium eine Hälfte von mir eingeäschert. Die Woche darauf wird sie […] verscharrt.

13. April 2004. Dienstag.
Grau bewölkt der Himmel über der Autobahn. Zehn Minuten, bevor wir den Friedhof erreichen, bricht die Sonne wie ein Grinsen durch die Wolkendecke, und mit feuchten Augen lachen wir auf. Es ist, als ob Du uns begrüßt.
So also lerne ich Deine Heimatstadt kennen. Traumwandlerisch schön und idyllisch. Niemals durfte ich einen friedlicheren Friedhof sehen, malerisch am Berg, frühlingshaft umgrünt. Du hast das Zeitliche gesegnet und bist zurückgekehrt dorthin, wo Du vor 34 Jahren geboren wurdest. Jetzt, wo ich es sehe, kann ich mir keinen schöneren Ort mehr für Deinen ewigen Schlaf vorstellen. Ich verspreche Dir, mir, uns, eines Tages wieder hierher zu kommen. […]
Die Urne in Deinen Lieblingsfarben ist förmlich eingebettet in Hibiskusblüten, Rosen und lachsfarbene Lilien. Man spielt die Musik, die Du liebtest […]. Wir, Deine Freunde, Deine Familie und ich, nehmen Abschied. Hier, zwischen den Häusern und Straßen Deiner Kindheit, in den Klängen Deiner Musik, umgeben von Deinen Farben und inmitten einer Schar von Menschen, die Du berührtest und die Dich lieben, bist Du mir vielleicht näher als jemals zuvor.
Mit dem roten Tuch, das über unserem Bett hing, das nach Deinen Zigaretten und Dir duftet, umhülle ich ein Bild von uns. Wir zünden Räucherstäbchen an und umrahmen das kleine Grab, dem Deine Überreste übergeben werden. Jeder von uns trägt eines Deiner Kleidungsstücke, jeder von uns legt ein kleines Geschenk für Deine Reise nieder, und als ich an der Reihe bin, übergebe ich Dir das rot betuchte Bild, einen kleinen Ganesha und die Zeilen, die ich gestern noch niederschrieb. […]
15 Stunden im Auto — acht Stunden hin, sieben zurück —, und ich weine mich von Kurzschlafphase zu Kurzschlafphase. Das Unfassliche, das Irreale an dem, was geschieht, wird lange nachhallen.
Du hast Dein Leben besiegt. Du warst zu warm für unsere kalte Zeit, und Deine Verzweiflung hat Dir kräftig blutende Wunden geschlagen. Bist Du verblutet? Oder ist es vielmehr so, dass Du eine letzte Schutzbastion fandest? — Du hast mich zurückgelassen mit Myriaden von Fragen und dem Nicht-Wissen, wer Du warst. Meine Sehnsucht jetzt: Dich endlich kennen zu lernen und zu verstehen.

Bei einem Open Air; ich glaube, es war die Fusion.

Nach seinem Tode hatte ich auf meiner Website eine Art Portrait veröffentlicht. Mit einigen Fotos für die Freunde und seine Familie. Es war eigentlich nicht als Nachruf gedacht; ich hatte lediglich ein paar Dinge niederschreiben wollen — es konnte natürlich nicht vollständig sein —, die Markus ausmachten, die typisch für ihn waren und die er mochte. Ein spontanes Brainstorming. Beim Durchforsten meines Computers habe ich es vorgestern wieder gefunden:

»’ne Seele ist immer da, wo ’ne Seele hingehört, geht nie verlor’n, wird nie zerstört.« (Nina Hagen)
Markus wurde am 4. Januar 1970 in Bad Ems geboren, wo er auch aufwuchs und seine Ausbildung machte. Er wurde Friseur. Seine kleine Schwester Anja kam acht Jahre später zur Welt.
Mit 19 ging er nach Berlin. Das Jahr des Mauerfalls. Er arbeitete im Salon »Die Besten«. 1999 zog er mit seiner besten Freundin C. in eine gemeinsame Wohnung in der Schreinerstraße im Friedrichshain.
Wir lernten uns im Jahr 2000 kennen; wir hatten bereits einige Monate Blickkontakt gehabt, als eine Freundin ihm im August meine Telefonnummer zusteckte. Daraufhin waren wir knapp vier Jahre zusammen; eine turbulente und schwierige, aber doch schöne, intensive und (oft) glückliche Zeit.

Eine Sache, die uns verband: Markus liebte Filme und sah stundenlang fern. Zu seinen Lieblingsfilmen gehörten »The Abyss« (Regie: James Cameron), »The Deep End« (Regie: Scott McGehee, David Siegel) »The Wisdom of Crocodiles« (Regie: Po-Chih Leong), »Saving Grace« (Regie: Nigel Cole), Jeunets »fabelhafte Welt der Amélie«, Tim Burtons »Sleepy Hollow« und ganz besonders der Liebesfilm »In the Mood for Love« von Wong Kar-Wai. Herzhaft lachen konnte er über Loriot, Ortrud Beginnen, »Ice Age«, den »Schuh des Manitu« und den Disney-Film Ein Königreich für ein Lama. Nachts guckte er sich oft die »Golden Girls« vorm Einschlafen an.

In den letzten Jahren war Markus kaum im Urlaub. Im Sommer 2003 besuchte er C. auf Zypern. Ansonsten waren es die Open Air Goa-Partys, auf die er sich das ganze Jahr freute und die er in vollen Zügen genoss. Wir alle hatten sehr schöne Tage dort — unter freiem Himmel tanzen, mit Freunden zelten und grillen, viel reden, entspannen, den Alltag in der Stadt lassen. Ich sah ihm gern zu, wenn er tanzte. Er trug die bunten, hauchdünnen thailändischen Fischerhosen, hatte ein süßes, kugelrundes Bäuchlein und einen ebensolchen Popo. Die wichtigsten Open Airs waren die Nation of Gondwana, die Fusion, das Antaris Project und vor allem die VooV-Experience, wo Markus mit seinen Liebsten seit den späten Neunzigern jedes Jahr glücklich war.
Bevor ich ihn kannte, war Markus regelmäßig indoor feiern. Das E-Werk und das OstGut gehörten damals zu seinen Lieblingsclubs.

Ein Selfie, bevor Selfies Mode wurden.

Neben Goa war Jazz seine Lieblingsmusik: Ella Fitzgerald, Rosemary Clooney, Hildegard Knef, Diana Krall, Nana Mouskouri und Till Brönner waren seine Favoriten.
Abgesehen davon: Madonna (besonders das »Ray of Light«-Album und die Songs »Paradise (not for me)« und »Time Stood Still«)! Ihr Berliner Konzert im Juni 2001 wurde zu einem seiner schönsten Erlebnisse der letzten Jahre. Massive Attack, DePhazz und Portishead. Von Sade liebte er den Song »Cherish the Day«, von Morrissey die Ballade »I’d Love To«.
Mit mir ging er vier Jahre lang regelmäßig zu Nina Hagen. Ihre Projekte mit Thomas D., Apokalyptika und Ooomph! mochte er ebenso wie die Big Band Explosion und die indischen Alben.
Außerdem: Walgesänge! Markus liebte Walgesänge. Davon hatte er auch mehrere CDs.

Markus war ein absoluter Genussmensch. Beinahe exzessiv genusssüchtig. Er liebte es, am Wochenende im Bett zu frühstücken. Englisches Frühstück mit kleinen sausages, baked beans und scrambled eggs, frischem Toast und kaltem Kakao. (Er sagte mir, er fände es unnatürlich, warme Getränke zu sich zu nehmen.) Unterhalb der Woche bestand sein Frühstück aus einer Dose Red Bull und zwei Duplos.
Seine Lieblingsrestaurants waren zwei Thailänder. Der eine war in der Rigaer-, der andere in der Wiener Straße. Er selbst kochte seit einigen Jahren gerne asiatisch (Wok) und experimentierte mit Saucen und Gewürzen. Außerdem machte er das beste Kartoffelpüree der Welt — ich nannte ihn auch »Der sich einen Wolf stampft« —, ein superleckeres Gulasch und ein großartiges Chili con carne (auf Wunsch auch mit klein gemahlenen magic mushrooms »gewürzt«)!
Ohne Räucherstäbchen ging bei ihm nichts. Besucher rochen schon im Hausflur zwei Stockwerke tiefer, wenn er zu Hause war. Nag Champa und Amber Mond waren zwei seiner Lieblingsdüfte.
Er hat zwar nicht gerne gelesen, aber er ließ sich gerne vorlesen. Ich las ihm abends oft aus »Schokolade zum Frühstück« oder dem »geschenkten Gaul« vor. Dafür fütterte er mich im Bett mit Birnen- und Apfelstückchen und streichelte meine Schläfen, bis ich eingeschlafen war. Er mochte es, wenn ich ihm vorm Einschlafen im Uhrzeigersinn sein Bäuchlein streichelte.

Asiatische Kulturen und Religionen faszinierten ihn. Auch das hat uns verbunden. Er wäre gerne mal nach Indien gereist. Im Januar, kurz nach seinem 34. Geburtstag, waren wir zusammen im Ägyptischen Museum. Er hatte eine Reportage über Ägypten und die Pyramiden gesehen und sich für die Geschichte Nordafrikas erwärmt.
Er liebte das Meer und sah sich stundenlang Tierdokumentationen im Fernsehen an.
Besonders schwärmte er von Buckelwalen. Wenige Wochen vor seinem Tod erzählte er mir von ihrer friedlichen Natur, ihrer Schönheit und davon, dass er gerne als Buckelwal wiedergeboren werden würde. Ich hoffe, der Wunsch wurde ihm erfüllt.
Er war ein tierlieber Mensch, ein fürsorglicher cat sitter — die Katzen einer nach Indien verreisten Freundin hütete er gewissenhaft ein halbes Jahr. Als ich beruflich viel unterwegs war, nahm er meine Katze Laura bei sich auf und wurde ihr ein liebender Pflegepapa.

Zu seinen Lieblingsblumen gehörten lachsfarbene Lilien, Hibiskus und orangefarbene Rosen. Überhaupt: Orange! Und verschiedene Rot- und Gelbtöne. Warme Farben.
Noch einmal zum Genussmenschen: Tantrische Massagen, bis zu zehn Stunden lang, fand er wunderbar.

Markus war nicht nur mein Partner und Liebhaber, er war mein bester Freund, mein Vertrauter und seit 2001 auch mein Blutsbruder. Lange Zeit war er die einzige Konstante in meinem Leben. Er war, wie auch für seine Freunde, immer für mich da, gab mir Kraft und unterstützte mich in allem, was ich tat. Er gab mir Selbstvertrauen. Er war der einzige Mensch, der mich schön fand. Wir respektierten uns, hörten einander zu und gingen gemeinsam unserer Abenteuerlust nach. Wir träumten uns gemeinsam in andere, schönere Welten.
Was mich an ihm faszinierte, was mich vom ersten Tage beinahe magnetisch anzog, war seine kindliche Offenheit dem Leben und seinen Mitmenschen gegenüber, eine naive Warmherzigkeit. (Es war dieselbe Kindlichkeit, die ihn am Ende zerstörte, denn leider hatte er auch zu Problemen einen kindlichen (= gar keinen) Zugang.) Er war ungeheuer hilfsbereit und großzügig, einfühlsam und geduldig. Und dickköpfig. (Zitat: »André, überleg doch mal, wie viel Zeit wir sparen könnten, wenn du ein- für allemal begreifen würdest, dass ich immer Recht habe!«) Er war einer der sensibelsten und verletzlichsten Menschen, die ich überhaupt kannte. Das Anschauen der Nachrichten tat ihm oft unerträglich weh, er hatte schwer an der Kälte unserer Zeit zu kauen.

Markus war zärtlich und albern und unglaublich sexy. Wir waren kreativ, uns Kosenamen auszudenken. Er war unter anderem ein Süßpoindianer, eine Tigerkaulquappe und ein Trümmelbatz, machmal auch einfach nur Henkelchen oder Mr. Pupswindel; ich war Attilipu, Süßbärchen und Engelbengel.
Oft nannte ich ihn vivasvant, das mochte er besonders gern. In weiten Teilen Indiens bezeichnet vivasvant die göttliche Verkörperung der Sonne.
Zu seinem 33. Geburtstag schenkte ich ihm den Song Suede (Greater Than My Faith Mix); ich hatte ihn im Jahr 2002 für Markus komponiert und produziert. Er hatte Tränen in den Augen, als er es zum ersten Mal hörte. In den folgenden Monaten hörte er sich das Lied oft an, wenn er alleine war. Er meinte, es sei das schönste Geschenk gewesen, das ich ihm gemacht habe. Suede (Greater Than My Faith Mix) wurde ein gutes Jahr später auch bei seiner Beerdigung gespielt.

An dieser Stelle möchte ich von ganzem Herzen alle grüßen, die nach Markus’ Tod für mich da waren: Sirko, Mirko, Wulf, Sanni, Oliver Wronka, Barbara Kowa, Gianni Meurer, Joel Kirby, Ingo Biermann, Lydia Gorstein und vor allem Petra Behrens.

Markus und ich, Sommer 2002.

Marc de Clarq, Markus’ Ex-Freund, widmete ihm die 2004 veröffentlichte Maxi-Single »Midnight Sun«, ich drehte Deed Poll und One Deep Breath für ihn. Später entdeckte ich ihn als Statist in einem Fernsehfilm namens »Federmann« (Regie: Christian Diedrichs); er sitzt als Punk in einer Kneipe. Er hatte mir irgendwann einmal davon erzählt, ich hatte es schon fast vergessen und dementsprechend perplex.
Bis heute zünde ich jedes Jahr an einem Geburtstag eine Kerze an und stelle sie ins Fenster. Keine Ahnung, wieso uns solche Rituale so wichtig werden. An seinem Grab war ich bis heute nicht mehr, und auch den Kontakt zu seiner Familie musste ich irgendwann abbrechen; der beiderseitige Schmerz wollte einfach kein Ende nehmen, und ich dachte, es sei gesünder, wenn sie und ich zur Ruhe kommen. Heute denke ich an Markus, seine Familie und an alle, die ihn auch verloren haben, von seiner Freundin C. über Mark und Heiko bis hin zu Alice, Dany, Jan, Andy, Angelika, Ricardo und Claus.

André

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