4. Juli 2017

Gestern war mein erster Arbeitstag. Ein herzliches Willkommen mit großem Blumenstrauß und ausgiebiger Führung durch die Räumlichkeiten. In der Cafeteria gibt es für die Angestellten frische Äpfel. In einer Lounge hört man Vogelgezwitscher. Ich darf (und muss) mindestens eine Pause pro Tag machen. Mir ist es erlaubt, zur Toilette zu gehen. Niemand brüllt, keiner wird gepiesackt, es gibt keine Beleidigungen, Unterstellungen, Schikanen. Es ist pünktlich Feierabend. Es ist ungewohnt, fühlt sich aber richtig an. Richtig gut. — Um meinen Einstand zu feiern, hat Ian mich abends ins Kino eingeladen. Wir guckten uns »Un profil pour deux« (Regie: Stéphane Robelin) an. Ein wirklich schnuckeliger Film. Pierre Richard ist mit seinen 82 Jahren einfach zum Anbeißen süß. Die Situation, in die er Yaniss Lespert (Bruder von Jalil) bringt, wünsche ich nicht meinem ärgsten Feind. Wir zitterten richtig mit, mussten schmunzeln und schluchzen und verließen gerührt und geschüttelt das Kino. Fanny Valette und Macha Méril waren verliehen dem Spiel Erotik und Persönlichkeit. In einer Nebenrolle war auch Pierre Kiwitt mit dabei, ein Münchner Schauspieler, der fünf Sprachen spricht und mittlerweile in ganz Europa dreht. »Un profil pour deux« wurde unter anderem in Paris und Brüssel gedreht, so dass ich zwischendurch beim Anblick der Außenaufnahmen regelrecht Heimweh bekam.
Diese verflixten Depressionen habe ich immer noch. Morgen ist mein Erstgespräch mit dem Psychologen. Der erste Schritt ist getan. Außerdem radle ich weiterhin jeden zweiten Tag zum Sportstudio, halte die Diät ein und versuche, ein bisschen Geld für den nächsten Dreh beiseite zu legen. Habe zahlreiche DVDs aussortiert und via Internet verkauft, unter anderem Filme von Jan Krüger, Florian Gärtner, »Sa raison d’être« (Regie: Renaud Bertrand), »Heute ist Freitag« (Regie: Klaus Gendries, mit Nina Hagen), »Wild Things« (Regie: John McNaughton) und so weiter. Einerseits fiel es mir nicht leicht, andererseits ist es gut, Ballast abzuwerfen. — Am Freitag waren Ian und ich wieder in Friedrichshagen und haben dort sehr lecker zu Abend gegessen. Der Dauerregen hatte uns für ein paar Stunden aus dem Haus gelassen. Tagsüber hatten wir fassungslos am Fenster gestanden und zugeschaut, wie die Wassermassen mit den Bäumen im Innenhof Mikado spielten. Am Wochenende kuschelten wir uns zusammen und schauten »Die Mitte der Welt« (Regie: Jakob M. Erwa). Ian kannte den Roman von Andreas Steinhöfel, ich nicht. Ich sah den Film mit Freude und Wehmut, denn leider hatte ich keine derart unbeschwert-schöne Jugend und leider auch keine schöne erste Liebe. Da war viel Schmerz.
Über den Beschluss der »Ehe für alle« konnte ich mich nicht richtig freuen, dazu sitzen die 15 Jahre des K(r)ampfes zu tief. Eine Schande für ein angeblich so fortschrittliches Land. Na, besser spät als nie.
So, und jetzt muss ich mich sputen. Es tut mir leid, dass ich nichts Aufregenderes zu berichten weiß. Einen sonnigen Dienstag Euch allen,

André

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3 thoughts on “4. Juli 2017

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