10. Mai 2011

Rückblende, Herbst 2003.
Ingo J. Biermann bereitet einen Kurzfilm namens »Coda« vor, sucht per Annonce einen »mutigen Schauspieler«, und ich denke: »Mutig biste, Schauspieler biste auch, warum nicht bewerben?«
Wir treffen uns in meiner Wohnung, weil er mir seine früheren Filme zeigen möchte. Es klopft, ich öffne, vor meiner Tür: ein Mann meines Jahrgangs, der Jahre jünger wirkt. Ein Schuljunge mit süddeutschem Akzent — ein Schwabe? ein Franke? — und kräftigem Händedruck. Ich bin skeptisch. Im Wohnzimmer legen wir eine Videokassette ein, ich sehe zum ersten Mal »Zwischen Flieder wandern und singen«. Ein Moment, der mein Leben verändert. Ein Film, der mich wünschen lässt, um jeden Preis mit diesem Menschen zu arbeiten.
Einen Monat später ist es soweit, »Coda« wird gedreht. Die Thematik des Films ist mir schmerzlich vertraut, der Drehtag geht mir unter die Haut; ich weiß, das Eis unter unseren Füßen ist dünn; ich weiß, dieser Mensch erzählt einzigartig; ich weiß, wir drehen einen guten, ungewöhnlichen Film. Die Bildgestaltung erfolgt fast ausschließlich durch Kerzenlicht. Anfang 2004 läuft er in Turin, später in Jakarta.
Zum Jahreswechsel gebe ich ihm einige meiner Drehbücher zu lesen — unter anderem Deed Poll und Half Past Ten —, nervös hoffend, er würde sich für einen fremden Stoff erwärmen. Es folgen zwei Jahre intensivster Zusammenarbeit.

Unlängst erzählte mir eine Schauspielerin, es sei für sie ein Höhepunkt in ihrem Berufsleben gewesen, mit Ingo J. Biermann zu arbeiten, und ich stimmte ihr zu. Unglücklicherweise waren dies meine ersten Filme; hinterher ging es für mich steil bergab. (Ich erinnere mich noch gut an einen der letzten Drehtage zu Half Past Ten, als ich jammernd ausrief: »Ingo, wo bist du?«)
Ingo gab mir die Möglichkeit, Rollen zu spielen, die ich sonst nie und nimmer bekommen hätte. Ich genoss das Talent dieses Menschen so sehr! Parallel zu unserer Arbeit freundeten wir uns an, wohl auch, weil wir beide durch schwere Zeiten gingen und den anderen stützen konnten. Wir schrieben uns ellenlange Mails, redeten stundenlang über Filme, Musik und das Leben, genossen es, zusammen Neues zu entdecken. Es gab mir Kraft, für ihn da zu sein, und neuen Lebensmut, den ich zwischenzeitlich verloren geglaubt hatte. Etwas dramatisch ausgedrückt: Die Zeit mit ihm rettete mir das Leben.

Deed Poll

Unser erster Film nach »Coda« war Deed Poll, mit dessen Vorbereitung wir Anfang Januar 2004 begannen. Eine der größten Schwierigkeiten war die Besetzung des Sean. Es gab unzählige Bewerber. Einer kam extra aus Frankfurt nach Berlin geflogen; erst dann teilte er uns mit, dass er kein Englisch sprach. Ein ähnliches Problem gab es mit einem Schauspieler, den uns Barbara Kowa empfohlen hatte. Ein Aspirant äußerte nach drei Wochen Probenarbeit sein Unwohlsein, vor der Kamera einen Mann küssen zu müssen, ein Kollege misstraute uns, weil er uns für zu jung für ein derartig ambitioniertes Projekt hielt, und der, für den wir uns letzten Endes entschieden hatten, ließ uns drei Tage vor Drehbeginn hängen, weil er lieber Urlaub auf Mallorca machen wollte. Glücklicherweise fanden wir Ersatz, der Dreh begann wie geplant am 24. Mai in Potsdam. Alles lief gut. Dann, am späten Abend, klingelte das Telefon. Es war Ingo mit einer Hiobsbotschaft: Unser Hauptdarsteller hatte nach dem ersten Tag das Handtuch geworfen. Ich rang mit den Tränen. Was sollte ich tun? Der Drehort war gemietet, mein letztes Geld steckte in dem noch nicht ganz begonnenen Film. Woher auf die Schnelle einen passenden Hauptdarsteller nehmen, wo es mit der Besetzung doch fünf Monate nicht geklappt hatte? Wir konnten nur auf ein Wunder hoffen. Es kam zu uns in der Person Rainer Maria Wittenauers, der flugs all seine Termine für die kommenden Wochen absagte und keine 48 Stunden später vor unserer Kamera stand. Er war professionell und angenehm unprätentiös, ebenso wie der wunderbare Gianni Meurer, der meinen Bruder spielte. Martina Schaak beeindruckte Ingo und mich mit ihrem kurzen Auftritt als Dr. Leitziger so sehr, dass ich mein nächstes Drehbuch für sie schrieb. (Der Film hieß »Fast nichts«, wurde von Juni bis November 2005 gedreht und zwei Jahre später unter dem Titel »Glastage« veröffentlicht.)
Uns war von Anfang an klar, dass Deed Poll polarisieren würde. Nach der Premiere im Arsenal meinte einer der Zuschauer im Vorbeigehen, man solle den Regisseur verprügeln, und ein guter Bekannter meldete sich nie wieder bei mir, nachdem er grollend das Kino verlassen hatte. Ein Stadtmagazin schrieb verhalten-wohlwollend: »Ein düsterer Beziehungsfilm vom Berliner André Schneider in Schwarzweiß, kunstvolle Bilder, leider schlechter Ton (oder war das Absicht?). Deed Poll erzählt die Geschichte einer heterosexuellen Beziehung im Luxus und die Folgen des dekadenten Lebenswandels mit promiskem Sex, Drogen und gewagten Versprechungen.«
Wann immer es mir in den folgenden Jahren möglich war, mietete ich kleine Kinosäle, um den Film zu zeigen, und 2008 brachte VSoM Deed Poll in den USA als DVD-R auf den Markt. Über die Jahre hinweg erklomm sich unser Sorgenkind eine kleine, treue Fangemeinde.

Leider endete unsere Zusammenarbeit nach »Glastage« mit einer bitteren Note, ich verfolge Ingos Arbeit jedoch noch immer. Seine Filme, besonders »Zwischen Flieder wandern und singen« (2003), »Prélude« (2004), »Stuart Dee« (2005) und seine »Faust«-Adaption (2009), haben ihren festen Platz in meinem Herzen; ich schaue sie mir in unregelmäßigen Abständen an, entdecke sie immer wieder neu und stelle fest, dass sie mich auch beim x-ten Mal noch tief bewegen. (Das kann man nur über wenige Filme sagen.)
Ingo J. Biermann ist im wahrsten Wortsinn ein Künstler. Er schöpft tief aus sich selbst, ist leidenschaftlich, man ist von den schlummernden Dämonen, die in seiner Kunst erwachen, gebannt. Er polarisiert und inspiriert. Ich schließe nicht aus, dass er das europäische Kino prägen wird. Seine Handschrift ist derartig eindringlich und ausgeprägt, dass man sie nur bewundern kann. Man muss nur die ersten zehn Sekunden eines seiner Werke sehen, um zu erkennen, dass es sich um einen Biermann handelt.

Par-courts gay DVD

Deed Poll erscheint am Freitag in Frankreich, Belgien, Luxemburg und der Schweiz auf einer DVD mit Kurzfilmen (auf der unter anderem auch »Hinterbliebene« (Regie: Alexander Pfeuffer) zu finden ist), die Ihr jetzt schon bei Amazon bestellen könnt.
Ein lieber Gruß aus dem Land der Erinnerungen.

André

Advertisements