23. April 2017

Zum Gelingen des Mittwochabends trug sicher auch die Atmosphäre in der Baumhaus Bar bei. Während Christian Ritter, Piet Weber und die anderen Poeten ihre Texte vortrugen, fuhren hinter den riesigen Fenstern die Bahnen der U1 zwischen Warschauer Straße und Schlesischem Tor entlang. Die Dämmerung, das fotogene Senken der Sonne, tat ihr Übriges. Der LKW-Song von Tilman Birr gefiel mir so sehr, dass ich es bis heute nicht aus dem Kopf kriege: »Ich hab ’nen LKW für dich geklaut / ein russisches Modell und ziemlich laut…« — An solchen Abenden finde ich das Leben in Berlin okay; ein spätabendlicher Spaziergang durch den Wrangelkiez nach Hause, Trinkjoghurt (Limette-Zitrone) und der liebste Hund der Welt, der uns begrüßt. Chelitos linke Schulter scheint ihm im Augenblick etwas zu schaffen zu machen, aber das schränkt ihn zum Glück nicht sonderlich ein; er kam am Donnerstag tapfer mit ins Büro, gestern fuhr er mit Ian nach Polen, heute hat er einen langen Fußmarsch vor sich…

Sonntagsausblicke…

Am Dienstag starb Yvonne Monlaur. Eigentlich Anlass genug, mal wieder The Brides of Dracula zu gucken. Ich mochte ihren Blog, sie schrieb so simpel und charmant. Und ja, sie war keine besonders gute Schauspielerin, aber im Rückblick doch besser als viele andere — und auf jeden Fall ein herzensguter, großzügiger Mensch, der berührte und fehlen wird.
Auf meinem Schreibtisch und in der Küche verblühen die Tulpen. Sie nehmen dabei so weiche und ergebene Formen an. Bange denkt man an die Wahlen in Frankreich. Der Tote an den Champs war schwul; nicht gerade die Sorte Mensch, für die sich Marine Le Pen stark macht, das macht die Sache mit der Instrumentalisierung schwer. Heute Abend wissen wir mehr; wir sind dann bei Vio und Carsten zum Grillen, ein längst überfälliger Besuch in ihrem neuen Heim.
Ansonsten gibt es viel Neues nicht. Die Bürotage waren lang und zermürbend. Am Freitag kam ich eine Stunde früher ins Büro und durfte dafür zwei Stunden später gehen. Außer einem kurzen Abendessen und etwas Schlaf erlebe ich an meinen drei Arbeitstagen nichts. Diese Woche haben sich sechs Überstunden angesammelt, also 36 Stunden in drei Tagen. Wenn ich die Zeit in S- und U-Bahnen hinzurechnen würde, käme ich auf 44. In der Bahn blättere ich im Buch von Rayk Anders, welches mich allerdings zunehmend frustriert und droht, den schlummernden Pessimismus aufzuwecken und zu füttern.
Ich grübele viel, zu viel, über Künftiges, ungelegte Eier, und schwimme durch schwammige Gewässer. Die kurzen Auftritte in Berlin haben mir Spaß gemacht. Sie waren die ersten Bühnenauftritte seit 2015. Stand-up wühlt mich immer nachhaltig auf, ist wie ein Drogenrausch. Das Adrenalin wird wie mit einer Spritze durch die Venen gejagt. Hinterher erinnere ich mich an wenig. Ich schaue mir nie die Videoaufnahmen oder Fotos an. Eigentlich hatte ich mit dem Kapitel abgeschlossen, »Slap My Balls and Call Me Mildred« war mein Lebewohl gewesen. Es war schwierig gewesen, das überhaupt auf die Beine zu stellen, da die Veranstalter eben nicht (mehr) so gut zahlen wie noch vor zehn, zwölf Jahren. Auf die K(r)ämpfe hatte ich keine Lust (mehr), zumal mein Herz nie so ganz bei der Sache war. Ich hatte das mit dem Stand-up austesten wollen, schauen, ob ich in einer fremden Sprache improvisieren kann. Ich konnte. Okay. Die Abende in Bars, Clubs und Theatern waren lebhaft und interessant; ich mochte es, mir die anderen Comedians anzuschauen. Die meisten waren mit ihrer ganzen Seele dabei. Bei mir waren es nur Momente. Ich sah mich als Autor und Schauspieler, weniger als Performer. Mein Material war immer gut — schreiben kann ich —, aber ich hielt oft nicht viel von meiner Darbietung. Dass ich (mit Unterbrechungen) trotzdem seit 2001 Stand-up mache, ist … ja, was ist es eigentlich? Die unterdrückte Sucht, doch hin und wieder im Mittelpunkt zu stehen? Die Befriedigung, andere zum Lachen zu bringen, wenn mir selbst hundeelend zumute ist? Das habe ich in der Schule schon getan. Damals war es Selbstverteidigung: Menschen, die du zum Lachen bringst, tun dir nicht weh. Als chronischer Außenseiter hatte ich seit jeher scheußliche Angst vor Verletzungen. Im Lachen der anderen aber fühlte ich mich sicher. — Mal gucken, ob ich hier in Berlin noch weitere Stand-up-Abende mitmachen werde; ich bin dahingehend ebenso unentschieden wie in der Frage, ob ich in absehbarer Zeit noch einmal einen Film schreiben und produzieren werde. Die Fruchtstückchen im Gras möchte ich nach wie vor realisieren, aber nicht auf Teufel komm raus. The Most Tender Game ist auch noch in der Pipeline, aber dafür brauche ich wirklich ein reelles Budget. Ich habe, was die Filme angeht, keine Lust mehr auf Kompromisse, ich bin da schon zu viele eingegangen. Leider vermarkte ich mich nicht gut genug, weil mir das zuwider ist. Gut, das war nicht immer so. Mit 23, 24, 25, 26 hatte ich einen enormen Geltungsdurst, einen schier unstillbaren Aufmerksamkeitshunger, der mich zu einigen idiotischen Handlungen verleitete. Das änderte sich 2005, 2006. Das hatte auch mit den unliebsamen Stalker-Erfahrungen zu tun, sicher, aber vor allem mit einer profunden Veränderung meiner inneren Haltung. Mein Chef, der mich noch nie hat spielen sehen, beleidigte mich vorgestern wie folgt: »Wenn du Schauspieler wärst und wirklich was drauf hättest, wüsstest du, wie wichtig Aufmerksamkeit ist.« Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass Qualität sich früher oder später durchsetzt. Deed Poll beispielsweise wird gerade neu entdeckt, immerhin 13 Jahre nach seiner Entstehung. One Deep Breath, mein zweiter guter Film, wurde 2013 gedreht und findet jetzt ganz allmählich sein Publikum. Antony hatte ein wahres Wort gesprochen, als er meinte, dass der Verleih nicht wirklich etwas für ihn bzw. uns tat und nicht wusste, wie er seine Filme platzieren sollte. Er hat es nun selbst in die Hand genommen und siehe da: unser Film hat eine neue Chance bei den Festivals. Natürlich wünschte ich mir mehr media coverage für meine Arbeiten. Über Sur les traces de ma mère schrieb praktisch niemand. Die Verkaufszahlen für meine Bücher sind, abgesehen von der Feuerblume, nicht der Rede wert. Mein Blog kriegt im Schnitt 65 bis 110 Klicks pro Tag. Der Psychopath, dem ich vor einigen Jahren anheim fiel, hat inzwischen geheiratet, und ich frage mich, ob sein Mann weiß, was er sich da angelacht hat. Eine Freundin von mir ist an einen waschechten Narzissten geraten und kämpft momentan gegen die toxischen Strukturen an. Mein Beitrag diesbezüglich wird gerade häufig gelesen. Die Leute genießen gerne, wenn es gratis ist: gute Filme, starke Bücher, klasse Musik. Sobald sie zahlen sollen, mosern sie.
Es ist jetzt 10:30 Uhr, ich höre Benjamin Biolay und mache mich langsam bereit für den Tag. Ab dem 28. wird es hier praktisch täglich einen Filmtipp zu lesen geben. Bleibt mir gewogen, ich sende Euch herzliche Sonntagsgrüße.

André

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2 thoughts on “23. April 2017

  1. Pingback: 27. April 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: 7. Mai 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

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