Filmtipp #201: Without You I’m Nothing

Without You I’m Nothing

Originaltitel: Without You I’m Nothing; Regie: John Boskovich; Drehbuch: Sandra Bernhard, John Boskovich; Kamera: Joseph Yacoe; Musik: Patrice Rushen; Darsteller: Sandra Bernhard, John Doe, Steve Antin, Lu Leonard, Ken Foree. USA 1990.

without you i'm nothing

»My father is a proctologist, my mother’s an abstract artist — that’s how I view the world.«

Dieser Film hat, und das habe ich schon live auf der Bühne gesagt, mein Leben gerettet. Das war möglicherweise übertrieben, aber auf jeden Fall hat »Without You I’m Nothing« mein Leben entscheidend geprägt, verändert, gelenkt. Vor allem eigentlich wegen der letzten Szene: Sandra Bernhard tanzt fast nackt, also nur mit einem Tanga bekleidet, auf der Cabaret-Bühne eines kleinen Theaters zu »Little Red Corvette« von Prince. Nun ist Miss Bernhard nicht gerade eine hollywoodtypische Schönheit: für eine Frau nach landläufiger Meinung gut und gern 15 Zentimeter zu groß, spindeldürr, mit rötlich-frisseligem Haar, einem schiefen Monstermund und Gurkennase. Die entsetzten Theaterbesucher verlassen während ihrer Tanzdarbietung den Saal, doch die Performerin lässt sich davon nicht beirren und zieht ihr Ding durch. Sie tanzt, hat Spaß und gibt herzlich wenig auf das, was die Leute denken. Ich meine, das ist doch eine Riesenbotschaft! Gerade für einen Teenager, der darunter leidet, »anders« zu sein, scheinbar nicht in diese Welt zu passen.
Sandra Bernhard ist so sexy und charismatisch, dass einem Hören und Sehen vergeht. Sie war atemberaubend in The King of Comedy, ein Highlight in »Hudson Hawk« (Regie: Michael Lehmann) und als Nancy in »Roseanne« die erste offen lesbische Figur in einer US-amerikanischen TV-Serie. Einer ihrer besten Filme ist die australische Produktion »Dallas Doll« (Regie: Ann Turner, Irresistible) von 1994 mit der damals noch blutjungen Rose Byrne. Darin spielt Bernhard eine Profigolferin aus den Staaten, die sich bei einer spießigen Mittelstandsfamilie einquartiert und nacheinander Vater, Mutter und Sohn verführt. Sie versprüht etwas New Age Philosophy und wird am Ende von einem UFO abgeholt. Leider erschien der Film bislang nicht auf DVD, und meine VHS wurde mir seinerzeit geklaut. Dumm!
Neben ihrer sporadischen Tätigkeit als Film- und Fernsehschauspielerin war und ist Bernhard vor allem Stand-up Comedienne. Aufgewachsen in Michigan und Arizona, war sie mit 19 nach Los Angeles gezogen und tourte nachts durch die dortigen Comedy-Clubs. Neben Lotus Weinstock war sie eine der ersten »modernen« Frauen in dem Business. Ältere Komikerinnen wie Phyllis Diller oder Joan Rivers hatten immer noch den kultivierten Selbsthass, den unattraktive Frauen damals gefälligst zu haben hatten, auf die Bühne gebracht. (Einer von Dillers bekanntesten Sätzen war: »My body is in such a bad shape, I have to wear prescription underwear!«) Bernhard, selbstbewusst und sexy, brach mit diesem Frauenbild: »There I was, skinny like a rail, not falling into either category of ›pretty‹ — or ›ugly‹, you know. Sometimes I was insecure about my looks, but I always knew that I had something, something special. I don’t hate myself, and I don’t talk myself down.«
Nach 12, 13 Jahren als Komikerin kam sie 1988 mit ihrer one-woman show »Without You I’m Nothing« ans Orpheum Theater, Off-Broadway, New York. Ein sensationeller Hit! Das Live-Album der Show wurde sogar für einen Grammy nominiert. Mit 33 Jahren stand Sandra Bernhard auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Ein Jahr später produzierte der britische Regisseur Nicolas Roeg, mit dem Bernhard den leider gefloppten Thriller »Track 29« (1988, mit Gary Oldman) gedreht hatte, für rund zwei Millionen Dollar die Filmversion. Ein Vierteljahrhundert später darf ich sagen, dass dies wohl der beste Performance Art Film aller Zeiten ist.
Was sehen wir? Sandra Bernhard erzählt uns gleich im Prolog, wie sie sich freut, dass wir gleich alle sehen werden, wie wunderschön sie ist. Dann singt sie israelische Volkslieder, erzählt von ihrer Kindheit in einem jüdisch-intellektuellen Proktologen-Haushalt in Michigan, verkleidet sich als Nina Simone und Diana Ross, gibt uns eine New Yorker Kunstsammlerin und erfreut uns mit einer lesbischen Version von »Me and Mrs. Jones«. Das alles geschieht vor einem apathischen, beinahe ausschließlich aus Afro-Amerikanern bestehenden Publikum. Niemand lacht, keiner applaudiert. Dabei geht die Künstlerin doch schon auf Nummer sicher, indem sie ausschließlich bekannte Lieder von Barbra Streisand, Burt Bacharach, Sylvester oder Prince nachsingt… — »Without You I’m Nothing« ist durchaus ein politischer Film, eine intelligente, bizarr-böse Satire auf den Untergang der US-amerikanischen Popkultur, optisch ansprechend und genussvoll vorgetragen. Ein paar Seitenhiebe auf Madonna — mit der Bernhard einige Jahre befreundet war — und andere Möchtegerns wechseln sich ab mit Liebeserklärungen an die wirklich großen Entertainer des Showbiz. Rund 90 Minuten sieht man nur Sandra Bernhard, die ihre gesanglichen, komödiantischen und erotischen Talente in verschiedenen Rollen konsequent, ungeschönt und radikal entfaltet. Das kann man hassen … oder von ganzem Herzen lieben. So oder so ist »Without You I’m Nothing« ein Film, an dem man nicht unberührt vorbeikommt.
Gedreht wurde im legendären Cocoanut Grove des Ambassador Hotels in Los Angeles. Karole Armitage war als Choreographin für die verschwenderisch-tollen Tanzeinlagen verantwortlich. Ein großer kommerzieller Erfolg war der Streifen, der im Mai 1990 in den amerikanischen Kinos startete, freilich nicht, über die Jahre wurde er jedoch verdientermaßen — zumindest in den USA — zu einem Kultfilm.

André Schneider

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