9. Juli 2017

»Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.« — Dieses Zitat von Theodor W. Adorno (»Minima Moralia«) begegnet mir auf meinen Gedankenfluren in letzter Zeit immer häufiger. Es geht an mir vorbei, und ich blicke ihm nach, bis es am Ende des Korridors verschwindet. Eine jener Weisheiten, die man sein Leben lang kennt, ohne die profunde Wahrheit je gänzlich erfasst zu haben. Was Adorno meinte, begreife ich in seiner Gänze wohl erst jetzt, mit immerhin 39 Jahren.

Was gibt es zu berichten? Die erste Woche im neuen Job liegt hinter mir, alles in allem läuft es gut, und ich bin wirklich gerne dort. Mit dem Fahrrad brauche ich keine halbe Stunde bis zur Friedrichstraße, abends blieb mir immer noch ausreichend Zeit für Sport und Chelito. Allerdings wurde ich auch allabendlich gegen 21, 22 Uhr von meiner Müdigkeit dergestalt überrollt, dass ich praktisch stehenden Fußes einschlief. Am Mittwoch hatte ich das Erstgespräch mit dem Psychologen, der mir von Ian empfohlen worden war. Wir trafen uns zu einem langen Spaziergang im Treptower Park und redeten beinahe zwei Stunden miteinander. Jetzt hoffe ich, dass meine Krankenkasse uns auch miteinander arbeiten lässt. Die Notwendigkeit ist auf alle Fälle gegeben. Die Konversation streifte vieles, von Markus’ Suizid über die Krankheiten meiner Eltern bis hin zur Begegnung mit dem Psychopathen, der mich seinerzeit ausbluten ließ. — Per Zufall erfuhr ich vorgestern, dass Federico Albanese wieder in Berlin auftritt, und das auch noch ganz bei mir in der Nähe: in der Zwingli-Kirche im Friedrichshain. Gestern um 21 Uhr sollte es losgehen. Vor ihm spielten das Oriel Quartett (Violine, Cello, Bratsche), Daniel Eichholz sowie John Kameel Farah. Ich radelte zeitig los, leichter Nieselregen tröpfelte durch die Luft, und als ich vor der Kirche stand, haderte ich. »I can’t people today«, dachte ich, kaufte mir die CD von John K. Farah und fuhr zurück nach Hause. Dort legte ich die neue CD ein, später dann »The Blue Hour« von Albanese, und wusste nicht, ob es die richtige Entscheidung gewesen war. Ich liebe Federico Albaneses Live-Auftritte, seine Konzerte sind immer Labsal für mich. Für 2017 sind keine weiteren Termine für Berlin angesetzt. Insofern bin ich schon sauer auf mich und traurig ob der verpassten Chance. Andererseits fühlte ich mich wirklich ausgelaugt und war nicht in der Stimmung, so ganz alleine… Ian ist beruflich in London, Fadi und Katja in Dubai, Connie war bereits verabredet. Durch die Arbeit lerne ich momentan schon mehr neue Leute kennen, als ich verkraften kann. Außerdem hatte ich einen blöden Samstag. Der Hermes-Bote, der zwei Pakete für Momox hätte abholen sollen, hatte mich bereits zum zweiten Mal versetzt. Schon am 1. Juli hatte ich vergeblich auf ihn gewartet. Die freundliche Mitarbeiterin in der Hotline nahm meine Beschwerde auf und vereinbarte einen dritten Termin für die Abholung: kommenden Samstag zwischen 8 und 20 Uhr. Kein Scherz. Diese Respektlosigkeit, mit der andere Leute über meine Zeit verfügen, geht mir mächtig auf den Zwirn. Ach, und überhaupt bin ich gereizt und unausstehlich und weine viel. Vom G20-Gipfel und Peter Tauber möchte ich gar nicht erst anfangen. Wenn man offenen Blickes durch die Welt geht, schlackert einem das Hirn. Elsa Martinelli ist auch tot. Man mag ohne Aspirin gar nicht mehr in den Tag gehen.

Xavier Théoleyre und ich in “Bd. Voltaire”.

»Bd. Voltaire« soll schon im Frühherbst auf DVD erscheinen. Bis jetzt hat Alexandre nicht ein einziges Festival aufgetan. Sollte Optimale den Film herausbringen, ohne dass er vorher einen kleinen festival run hatte, wird sich die DVD nicht verkaufen. Überdies möchte Alexandre mich bzw. Vivàsvan Pictures nachträglich noch als Co-Produzent in den Abspann aufnehmen. Aus rechtlichen Gründen oder so. Dabei hatte ich mit »Bd. Voltaire« wirklich nichts zu tun. Ein paar Szenen habe ich geschrieben, den Vertrag mit Optimale (und damit das Geld) besorgt, ansonsten beschränkte sich meine Mitwirkung an dem Film auf das Schauspielerische. Also eigentlich ist es mir nicht recht, aber ich habe keine Lust auf Diskussionen. Es ist Alexandres Film, er soll machen, was er für richtig hält. Allerdings würde ich mich dieses Mal über eine Auswertung in Deutschland freuen. Salzgeber schrieb auch schon zurück, aber für eine klare Zu- oder Absage müssen wir uns noch gedulden. In der Zwischenzeit schickte mir Alexandre die letzten Skriptänderungen bezüglich des neuen Projektes. Walter Billoni, Bastien Gabriel und Sania Yenbou sollen wieder mit dabei sein. Judith Magre hat auch zugesagt. Ich hätte gerne Stéphanie Michelini mit an Bord und hoffe sehr, dass ich mich diesbezüglich durchsetzen kann. Darüber hinaus möchte ich Pierre als zweiten Hauptdarsteller. Er war brillant in »Call Me a Ghost« (Regie: Noel Alejandro) und hat gerade eine Rolle neben Vanessa Paradis in »Un couteau dans le cœur« (Regie: Yann Gonzalez) gespielt. Wir haben uns bereits einmal zum Tee in der Ankerklause getroffen und haben, so glaube ich, eine gute Chemie.
Relevanz hat das, was ich gerade zu schreiben habe, sicherlich nicht. Ich weiß auch nicht, ob mein »Tagebuch« hier überhaupt noch gelesen wird. Die Zeit des Bloggens ist wohl vorbei, die Leute können sich nur noch auf Kurzmeldungen im Twitter- oder Facebook-Stil konzentrieren. Aber ich schreibe weiterhin, und wenn es nur für mich ist — und vielleicht für meine Familie, wenn ich mal nicht mehr bin.
Einen kraftspendenden Sonn(en)tag Euch allen, morgen gibt es wieder einen Filmtipp.

André

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One thought on “9. Juli 2017

  1. Pingback: 17. Juli 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

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