1. November 2006

Nachwehen

Letzte Woche konnte man bei wonnigen 27 Grad noch T-Shirt tragen, jetzt hält der November stürmisch, nass und eisig Einzug. Die Frau neben mir im Café lässt einen fahren, dass die Kimme föhnt. Ein trüber Tag, Bauchweh hab ich auch noch.

Die Nachwehen des Einbruchs setzten gestern ein. Der Gedanke, dass während meiner Abwesenheit wildfremde Menschen die Türe aufbrachen, in meiner Wohnung waren, wo Tagebücher, Briefe, Notizen, persönliche Dinge offen daliegen, macht unfroh und lässt betäubte Ängste aufblühen. Das neue Schloss passt nicht in die Tür — das ist eine teure Hochsicherheitstür für damals ungeheure 10.000 Mark —, also lässt sie sich nicht mehr richtig schließen. Ein mulmiges Gefühl, in den eigenen vier Wänden unsicher zu sein. Gebe mir Mühe, so oft als möglich nicht zu Hause zu sein. Auf der Straße fühle ich mich augenblicklich heimischer und geborgener, ganz ernsthaft.

Geweint gestern, weil ich an Markus denken musste und daran, dass ich seit der Beerdigung nicht mehr an seinem Grab war. Die Verbindung, die so unerschütterlich stark und zugleich schwach war, und die Gewissheit, dass ich nie wieder in der Form lieben kann. Wenn es wahr ist, dass es für jeden von uns nur einen Menschen gibt, dann war er dieser Mensch für mich. War ich es für ihn? Das weiß ich nicht.
In der Nacht vom 23. auf den 24. März, Markus war bereits anderthalb Tage verschwunden, schreckte ich plötzlich hoch. Es war kurz nach halb zwei in der Frühe. Ich sah Markus’ Kopfkissen neben mir und fing fürchterlich an zu weinen, am Kissen riechend, es umklammernd. Ich betete zu einem Gott, der mir fremd geworden war, ich flehte, weinte. Und eigentlich wusste ich, was passiert war. Ich weinte Stunden, bis ich wieder einschlafen konnte.
Um 17 Uhr der Anruf: »Sie haben Markus gefunden, er ist tot.« Nachts, irgendwann zwischen eins und zwei, sei es passiert. »Halb zwei«, dachte ich. Atemdepression. Im Tiefschlaf war die Brustmuskulatur eingeschlafen. Ich ließ den Hörer fallen, nach Luft schnappend. — Bis heute höre ich im Schlaf das Klingeln des Telefons, den Aufprall des Hörers auf dem Parkett, das Knarren der Dielen.
Schlaflose und durchheulte Nächte folgten, zehn Tage aß ich nichts, keinen Bissen, und noch zwei Jahre danach lag sein Kissen neben mir. Das Wissen, dass es diesen Geruch kein zweites Mal auf dieser Welt gibt!
Was danach einsetzte, habe ich versucht, in Worte und in Bilder zu fassen. Es gelang mir bis heute nicht, eine Sprache zu finden, die das, was sich einem bemächtigt, adäquat einfängt. Ich stürzte mich in die Arbeit, weil ich nirgendwo sonst Schutz finden konnte. Bei den Proben, vier Wochen nach Markus’ Tod, legte Barbara ihre Arme um meinen Hals und sah mir lange in die Augen. Dann sagte sie: »Du bist so schön. Deine Augen sind noch tiefer geworden.«
Ich fuhr zu meinen Eltern. Nicht, weil ich sie sehen wollte — genaugenommen hatte ich Angst vor den unsensiblen Kommentaren meiner Mutter —, sondern, weil ich sonst niemanden hatte. Allein, umgeben von Menschen, die einen nicht kennen, nicht verstehen und — im Grunde genommen — ablehnen, obwohl sie einen lieben.
Zweieinhalb Jahre später macht mich ein Freund auf einen Blogger aufmerksam, der sich in seinem Blog über Markus’ Tod lustig macht, um mir eins auszuwischen. Dazu fällt mir nichts mehr ein.
Ich lebe weiter, weil mir nichts besseres einfällt, oft scheint’s mir, als tue ich nur so, als würde ich leben. Am 13. April 2004 wurde um 14 Uhr im malerisch schönen Bad Ems eine Hälfte von mir vergraben, und ich bin seither nie wieder dort gewesen, um nach ihr zu sehen.
Der gestrige Weinkrampf ereignete sich auf der Autobahn. Meine Schwester strich tröstend über meinen Arm, ich schluchzte: »Ich schaff’ es nicht.« Nie werde ich darüber hinweg kommen. Ja, es gibt Phasen, in denen es besser geht. Aber »es hinter sich lassen«, das ist unmöglich.

Der November ist da, mit all seinen hässlichen Nebenwirkungen. Wieder wird er sich weit ins nächste Jahr fressen. Wer hat das nur erfunden?
Raphael singt so schön. Wenn man ihm zuhört, fühlt man sich wie ein kleiner Junge. Mir wurde eine zweite Wohnung angeboten, im 4. Arrondissement. Sie ist kleiner, dafür aber a) günstiger (200 Euro weniger pro Monat) und b) noch zentraler.

Zitat des Tages: »Schmerz ist unteilbar, das fängt beim Zahnschmerz an.« (Hildegard Knef)

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