30. Juni 2014

Etwas melancholisch ob der Erschöpfung — vorgestern arbeitete ich von 4:30 Uhr bis 19:30 Uhr, und bis zum 7. Juli werde ich nur einen einzigen Tag frei haben — und des tagelang vertrübten Himmels. Die wenigen freien Stunden nutze ich für unliebsame Post, die Wäsche, den Abwasch, den Wohnungsputz, kurze Treffen mit Freunden. Zuweilen (tag)träume ich während der Arbeit vom Schlafen, von einer Zehnstundennacht, wie ich sie früher mal gekannt habe. Gedanken an einen etwaigen Urlaub lasse ich schon gar nicht mehr zu, obschon ich mehr als reif dafür wäre. Und wieder, wie damals im Herbst 2010, dieses mulmige Gefühl, eine tickende Zeitbombe im Magen zu haben. Diese Tage, an denen man nicht lebt, sondern überlebt. Das Bewusstsein, dass keiner das Leben überlebt, lässt einen zuweilen gleichgültig werden. Ob Irak oder Ukraine oder ob nun Israel Angriffe auf dem Gazastreifen fliegt; ob bei der leidigen Mindestlohndiskussion nun Nägel mit Köpfen gemacht werden oder nicht; NSA-Lauschangriffe auf Merkels Handy, Fußball-WM, Gaucks Kriegsgeilheit oder von der Leyens Blutdurst — alles verblasst, wenn man überarbeitet ist und der Körper sich nur nach Schlaf sehnt. Der Kopf ist leer. Hauptsache, das Straußensteak schmeckt und es ist noch etwas Milch im Kühlschrank. Ab und an wird man positiv überrascht, da findet sich im Briefkasten Post von Marcel Gisler, Mirko oder Thomas, der mir Trash-Filme geschickt hat. Dann wieder stürzt einen eine negative Nachricht — ich kann meinen Schnittplatz in Wilmersdorf nicht mehr benutzen — in eine Agonie, der mit Ratio nicht ohne weiteres beizukommen ist; da hilft eigentlich nur Schlaf. »Morgen früh sieht die Welt wieder ganz anders aus«, hatte Mama früher gesagt, wenn mir der Kopf schwirrte. — Manchmal fehlen mir die 1980er doch sehr, da wurde ich um 6:30 Uhr mit warmem Kakao geweckt, aß mein Nutella-Toast und machte mich dann mit meinem blauen Ranzen auf den Schulweg, vorbei an der Rehweide, dann kam auf der rechten Seite Elektro-Meyer, und hatte ich die Breite Straße überquert, dauerte es noch exakt 15 Minuten, dann war ich am Schulgebäude. Die größte Sorge bereiteten mir die Klassenkameraden; Swen Kasten, genannt Kiste, und Stefan, der Sohn von Bauer Hartje, waren bösartige Jungs. Am schlimmsten jedoch war Karsten Frank. Der nahm die schweren, spitzen Steine von den Bahngleisen und warf damit auf die anderen Kinder. Dabei zielte er stets auf den Kopf. Das tat er noch, als wir mit 14 zusammen zum Konfirmandenunterricht mussten. Ferner liebte er es, Tiere zu quälen, und schmiss Chinaböller und Knallfrösche in Richtung der Katzen, die sich in seine Straße verirrten. Sein irrer, kalter Blick jagte mir eisige Schauer über den Rücken. Ansonsten war die Grundschule okay. Tuschkasten — Kopfrechnen — Blätter sammeln und sie den Bäumen zuordnen — Vogelarten bestimmen — Musik- und Religionsunterricht. Ich hab ja so gern gesungen. Sport- und Schwimmunterricht hatten wir bei Herrn Eilers, unserem Schulleiter. Wer sich beim Schwimmen am Beckenrand festhielt, dem trat er auf die Finger. Zum Glück war ich damals bereits ein guter Schwimmer, trotzdem habe ich ihn nach Kräften gehasst. — Was wohl aus den ganzen Kindern vom Milchberg geworden ist? Gut, bei Diane Heidkrüger weiß man’s ja. Sie heißt jetzt Kruger ist von Beruf Weltstar. Aber im Grunde genommen gehörte sie ja gar nicht richtig zu uns, sie und ihr Bruder Stefan zogen erst 1991 oder 1992 aus Algermissen zu uns, und kurz darauf ging sie schon nach Paris. Die Mutter von Johannes ist bereits gestorben, Ulf hat einen Doktortitel, Ramona und ihre Schwestern sind bestimmt schon lange verheiratet, Larissa bestimmt auch, und Kira habe ich bei Facebook wieder getroffen.
     Mein Opa Heinz wäre heute 90 Jahre alt geworden und ist nun bald schon 20 Jahre tot. Er ist schon sehr weit weg. Vage Bilder, seine Stimme, kurze Episoden huschen mir durchs Hirn. Womit ich wieder beim ersten Satz und der Melancholie wäre. Damit schließe ich für heute und hoffe auf bald.

André

Lesetipps:
24. März 2014
4. Februar 2014
8. August 2013
29. September 2011 (Der 100. Beitrag)
Macht der Gefühle

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5 thoughts on “30. Juni 2014

  1. Hallo André! Gratuliere zu Deinem tollen Weblog. Du hast wirklich Talent zum Schreiben. Ich bin schon gespannt auf die nächsten Beiträge. Weiter so! Herzliche Grüße aus München, Dein Carlo

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