Filmtipp #617: Die 39 Stufen

Die 39 Stufen

Originaltitel: The 39 Steps; Regie: Ralph Thomas; Drehbuch: Frank Harvey; Kamera: Ernest Steward; Musik: Clifton Parker; Darsteller: Kenneth More, Taina Elg, Brenda de Banzie, Barry Jones, Faith Brook. GB 1959.

Remakes sind, abgesehen von wenigen Ausnahmen, eine haarige Angelegenheit. Selbst wenn ein Remake über unbestreitbare Qualitäten verfügen mag, so ist doch der Schatten des Originals meist größer. Der Vergleich ist unausweichlich und fällt meist zu Ungunsten der Neuverfilmung aus. Viele Remakes kaprizieren sich darauf, das Original zu kopieren — und sind damit gewissermaßen überflüssig. Einen Hitchcock-Klassiker neu aufzulegen, dazu gehört Chuzpe. Praktisch alle Versuche, den Meister zu kopieren, schlugen fehl: »Mr. Hitchcock Would Have Done It Better — Oder: Warum es keine wirkliche Nachfolge von Alfred Hitchcock gibt« lautete der Titel eines scharfsinnigen Essays von Georg Seeßlen, der 1999 erschien. Man denke nur an Gus Van Sants grässliches »Psycho«-Remake (1998), an »A Perfect Murder« (Regie: Andrew Davis) mit Gwyneth Paltrow als Aushilfs-Grace Kelly oder an peinliche TV-Adaptionen wie »Shadow of a Doubt« (Regie: Karen Arthur) oder »The Birds II: Land’s End« (Regie: Rick Rosenthal), die sich gar nicht erst die Mühe machten, einen ästhetischen oder inhaltlichen Neuzugang zu finden.
1959 nahm sich die fleißige Produzentin Betty Box eines Klassikers aus Hitchcocks englischer Schaffensperiode an: »The 39 Steps« war 1935 einer der ersten großen Erfolge des Meisters gewesen und ausschlaggebend für seine Übersiedlung nach Hollywood wenige Jahre später: ein charmanter Film mit humorigen Zwischentönen und einer gehörigen Portion kühler Erotik, kurz und straff, spannend und gespickt mit kessen technischen Spielereien. Das Drehbuch hielt sich (vergleichsweise) wenig an den Roman von John Buchan: Durch einen dummen Zufall gerät ein unbescholtener Bürger in die Mühlen eines internationalen Spionagerings, der geheime Regierungs-Dokumente ins Ausland verkauft. An die Polizei kann er sich nicht wenden, da diese ihn wegen Mordes sucht. Um seine Unschuld zu beweisen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Schurken selbst das Handwerk zu legen. — Dem Remake von Betty Box und ihrem Stamm-Regisseur Ralph Thomas wurde von den Kritikern »eine Vergröberung« des Originals angekreidet. Unleugbar ist, dass der Hitchcock-Film auch nach über 80 Jahren noch erstaunlich frisch daherkommt, während Thomas’ Film ein wenig altbacken und staubig wirkt. Dennoch ist das Remake ungeheuer liebenswert. Es protzt geradezu mit rasanter Action und herrlichen Schauwerten in knallig-buntem Eastmancolor, ist von wohliger Spannung und verlagert den Schwerpunkt auf die humorigen Elemente des Stoffes. Wo Hitchcock einen handfesten Thriller vorlegte, drehte Thomas eine Krimikomödie. Sowohl Hitchcock als auch Thomas verlegten die Handlung aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg — der Roman erschien 1915 — in die damalige Gegenwart. Bei der Umsetzung der Neuverfilmung wurden einige Kameraperspektiven, Dialoge und Schnittfolgen quasi 1:1 von Hitchcock übernommen, dazwischen gibt sich Thomas’ Streifen durchaus eigenständig.

Betty Box, die in den 1950ern vor allem durch die amüsanten »Doctor«-Filme mit Dirk Bogarde zu den erfolgreichsten Filmschaffenden Großbritanniens avanciert war, schickt mit Kenneth More einen nahbaren und sympathischen Helden aufs Spielfeld. Begleitet wird er von der bildschönen Finnin Taina Elg, deren Glamour etwas bodenständiger ist als der von Madeleine Carroll. Man sieht dem Film sein gehobenes Budget an, More und Elg schlagen sich quer durch Schottland, um das tödliche Geheimnis um die 39 Stufen zu lüften. Es gibt -zig pittoreske locations, rasante Verfolgungsjagden und schwindelerregende Kamerapositionen; man kommt gar nicht dazu, über die Logiklöcher und die hanebüchenen Details der Story nachzudenken.
Die Nebenrollen sind durch die Bank weg gut besetzt und tatsächlich besser ausgearbeitet als im Hitchcock-Film. So ist Brenda de Banzie, die kurz zuvor in The Man Who Knew Too Much eine gutherzige Entführerin gespielt hatte, mit dabei und sorgt in gewohnter Manier für angenehme Erheiterung. James Hayter, den ich noch als Bruder Tuck in Robin Hood and His Merrie Men in bester Erinnerung hatte, schenkt uns in der Schlüsselrolle von Mr. Memory eine denkwürdige Vorstellung. Ferner wirken Joan Hickson, Michael Goodliffe, Duncan Lamont, Sidney James, Peter Vaughan, Barbara Steele, Jill Haworth und Carol White in zum Teil winzigen Rollen mit, während Faith Brook die tragische Rolle übernahm, die seinerzeit von Lucie Mannheim interpretiert worden war. Ein überdurchschnittlich gut gespielter und inszenierter Film aus der vielleicht schönsten Zeit des englischen Kinos.

1978 entstand ein weiteres Remake unter der Regie von Don Sharp, das sich sklavisch an die Vorlage hielt und somit im Jahre 1914 spielte. Mit 108 Minuten Lauflänge ist Sharps Version die längste. Schließlich und endlich strahlte die BBC im Dezember 2008 noch eine TV-Version aus, die von James Hawes inszeniert wurde.

André Schneider

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