Filmtipp #265: Der Diener

Der Diener

Originaltitel: The Servant; Regie: Joseph Losey; Drehbuch: Harold Pinter; Kamera: Douglas Slocombe; Musik: John Dankworth; Darsteller: Dirk Bogarde, James Fox, Sarah Miles, Wendy Craig, Catherine Lacey. GB 1963.

the servant

»›The Servant‹ ist der einzige Film, den ich je in meinem Leben gemacht habe, bei dem es von Anfang bis Ende keinerlei Einmischung gab, weder beim Buch, noch bei der Besetzung, bei der Montage, Musik oder irgendwas anderem. […] Er ist gänzlich aus einem Stück«, sagte Joseph Losey (Secret Ceremony, Modesty Blaise) zu diesem Film, der ohne jeden Zweifel sein bester ist. Es war seine erste Zusammenarbeit mit Harold Pinter, mit dem er später noch ein paar gute Filme machen sollte. »The Servant« ist ein Meisterwerk zwischen den Stühlen, ein bisschen Salonkomödie, eine Gesellschaftsstudie, Satire, Thriller, Psychogramm — 2015 würde man schlicht von einem Drama sprechen. Der Streifen ist heute wieder brandaktuell, geht es doch um eine dekadente Gesellschaft, die am Rande des Kollapses steht, es geht um Machtstrukturen, Rebellion und Verfall.
James Fox (Thoroughly Modern Millie) spielt den wohlhabenden Playboy Tony, der sich in London ein schickes Haus kauft und nun nach einem Butler Ausschau hält. Alsbald findet er ihn in der Person von Hugo Barrett (Bogarde), einem ebenso gescheiten wie höflichen Genossen, der kurz darauf einzieht, sich mit schleichender Konsequenz unentbehrlich macht — und allmählich die Kontrolle über Tonys Leben gewinnt. Dessen versnobte Freundin (Craig) durchschaut Barretts Spiel früh und kämpft gegen die Machtansprüche des Dieners an, doch am Ende haben sich alle Rollenverhältnisse ins Gegenteil verkehrt: Gebrochen und völlig unselbständig geworden, ist Tony seinem ehemaligen Hausdiener geradezu sklavisch ausgeliefert.

Nach seiner Emigration aus den USA brachte Joseph Losey ein wenig frischen Wind in das damals doch etwas miefige britische Kino. »The Servant« war für seine Zeit ein äußerst gewagter Stoff, und glücklicherweise waren Losey und sein Team frei von Scheu: die Orgie am Ende des Films beispielsweise muss 1963 eine wirkliche Herausforderung für die englischen Sehgewohnheiten gewesen sein. Darüber hinaus war die offensichtlich homosexuelle und sado-masochistische Beziehung der beiden Protagonisten ein weiteres Tabu, das Losey in für die damalige Zeit relativ eindeutiger Weise auf die Leinwand brachte. Dirk Bogarde, der Held zahlloser englischer Unterhaltungsfilme der 1950er, läutete Anfang der sechziger Jahre mit Streifen wie diesem seine zweite Karriere im anspruchsvollen europäischen Arthaus-Kino ein. Er und James Fox liefern geradezu fesselnde Leistungen ab. »The Servant« ist eindrucksvoll fotografiert — Kameramann Slocombe (The Fearless Vampire Killers, The Third Secret) gehörte zu den besten seiner Zunft! — und bezieht geschickt das Interieur des Hauses in die Entwicklung der Handlung ein, um anhand der dekorativen Veränderungen auch den äußeren Verfall des jungen Tony deutlich zu machen.

André Schneider

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4 thoughts on “Filmtipp #265: Der Diener

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