Filmtipp #423: Der Kardinal

Der Kardinal

Originaltitel: The Cardinal; Regie: Otto Preminger; Drehbuch: Robert Dozier; Kamera: Leon Shamrov; Musik: Jerome Moross; Darsteller: Tom Tryon, Romy Schneider, Carol Lynley, Jill Haworth, John Huston. USA 1963.

the cardinal

Henry Morton Robinsons über 800 Seiten starker Wälzer war bereits ein König unter den Bestsellern, als die Columbia die Filmrechte erwarb und sich entschloss, die mitreißende Geschichte des Pater Fermoyle in einer großspurig angelegten, in ihrer Opulenz den Hollywood-Superlativen gerecht werdenden Produktion auf die Leinwand zu bringen. Produktion und Regie übernahm der Exil-Österreicher Otto Preminger, der zuvor schon mit »Exodus« (1960) eindrucksvoll bewiesen hatte, dass er das Prinzip der US-Großproduktionen mehr als verinnerlicht hatte. So wurde aus dem epischen Roman ein 175minütiges, in Breitwand und Farbe geradezu erdrückendes Melodram mit Starbesetzung, das mit enormem Werbeaufwand in die Kinos gebracht wurde. Das Werk wurde in sechs Sparten für den Oscar nominiert, ging bei der Verleihung jedoch leer aus — ganz ähnlich wie vier Jahre zuvor der sich ebenfalls mit Religion befassende »A Nun’s Story« (Regie: Fred Zinnemann), der es sogar auf acht Nominierungen gebracht hatte. Kommerziell war »The Cardinal«, gemessen an seinem Aufwand, ein Misserfolg für die Columbia und erfuhr erst später durch das Fernsehen eine angemessene Würdigung.

Der aus Boston stammende Priester Stephen Fermoyle (Tryon) wird kurz vor Kriegsbeginn zum Kardinal ernannt. Dies wird zum Anlass genommen, die hinter ihm liegenden, bewegten Jahre in ausgedehnten Rückblenden zu erzählen. Seine Erinnerungen führen ihn (und den Zuschauer) an den Beginn seiner Laufbahn im Armenbezirk seiner Diozöse zurück, dann nach Wien, wo er sich stürmisch in das Mädchen Annemarie (Schneider) verliebte. Durch Fermoyles Augen erleben wir den Rassenwahn des Ku-Kux-Klan und den Anschluss Österreichs an das Dritte Reich. Gedreht wurde in Hollywood, Boston, Wien und Rom. Für die Außenaufnahmen in Wien schmückte man den Turm des Stephansdoms noch einmal mit der Hakenkreuzflagge und ließ tausende Statisten johlend durch die Straßen rennen. Die Szenen vor der Erstürmung des Palais des Wiener Kardinals Innitzer (Josef Meinrad) gehören zu den mitreißendsten Sequenzen in Premingers Œuvre. In ihnen entfaltete sich seine ganze Inszenierungskraft, mit der es ihm gelang, dem Zuschauer den Wahn des Nationalsozialismus begreiflich zu machen.

Die Besetzung konnte sich in jeder Hinsicht sehen lassen: Dorothy Gish, Maggie McNamara, John Saxon, Robert Morse, Burgess Meredith, Jill Haworth, Raf Vallone, Ossie Davis, Chill Wills, Murray Hamilton, Peter Weck, Rudolf Forster, Wolfgang Preiss und Cecil Kellaway waren in größeren und winzigen Nebenrollen zu sehen. John Huston gewann einen Golden Globe für seinen erinnerungswürdigen Auftritt, während Romy Schneider und Tom Tryon bei der Verleihung leer ausgingen. Die eindrucksvollste schauspielerische Einzelleistung vollbrachte ohnehin Josef Meinrad.
Die Dreharbeiten wurden für Tom Tryon zu einer wahren Tortur. Preminger war bekannt dafür, seine Schauspieler »zu brechen«, sie zu erniedrigen und vor versammelter Mannschaft anzubrüllen. Sein Spitzname »Otto, der Schreckliche« kam nicht von ungefähr, und nicht umsonst nahmen sich später drei seiner Entdeckungen — Maggie McNamara, Dorothy Dandridge, Jean Seberg — das Leben. Bei »The Cardinal« traf Premingers Sadismus seinen Hauptdarsteller, was dieser zum Anlass nahm, bald darauf den Beruf des Schauspielers an den Nagel zu hängen und sich der Schriftstellerei zu widmen. Zwei seiner Werke wurden später von namhaften Regisseuren verfilmt: »The Other« (Regie: Robert Mulligan) und »Fedora« (Regie: Billy Wilder). Der offen schwule Ex-Star starb 1991 im Alter von 65 Jahren in Kalifornien an Magenkrebs.

André Schneider

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