Filmtipp #303: Dead of Summer

Dead of Summer

Originaltitel: Ondata di calore; Regie: Nelo Risi; Drehbuch: Nelo Risi, Anna Gobbi, Roger Mauge; Kamera: Giulio Albonico; Musik: Peppino De Luca, Carlos Pes; Darsteller: Jean Seberg, Luigi Pistilli, Lilia Nguyen, Gianni Belfiore, Paolo Modugno. Italien/Frankreich 1970.

ondata di calore

Sonntagmorgen. Joyce Grasse, eine in Nordafrika lebende Amerikanerin, wacht in einem Cocktailkleid auf. Ein Mann aus einer gegenüberliegenden Wohnung starrt in ihre Wohnung, sie blickt zurück. Als sie eine Dusche nehmen will, wird sie mit sandigem Wasser besprenkelt, das surrealerweise wie Blut aussieht. Kurz darauf pustet sie eine mannsgroße, graue Gummipuppe auf. In ihrer Wohnung hängt eine überdimensionale Fotografie ihres Mannes. Draußen vor dem Haus tobt ein Sandsturm. Joyce weiß nicht genau, ob sie wacht oder träumt. Ihre Haushälterin hilft ihr beim Anziehen. Anschließend fährt Joyce zum Strand. Nach ihrer Rückkehr stellt sie sich die Frage, ob sie vielleicht ihren Mann erschossen und seine Leiche im Wäschekorb versteckt hat…

Ein Kuriosum, gleichwohl ein vergessener Leckerbissen des italienischen Arthaus-Films ist dieser an Michelangelo Antonioni angelehnte Thriller von Dino Risis Bruder Nelo, in dem die nouvelle vague-Ikone Jean Seberg die Hauptrolle übernahm und in eine fulminante one-woman show verwandelte. In den ersten 35 Minuten passiert praktisch nichts: Wir sehen den Star, wie er langsam wach wird und durch die augenscheinlich überhitzte Wohnung schlurft, in den Kühlschrank guckt, an einer defekten Klimaanlage verzweifelt, aus dem Fenster starrt, kurz duschen geht, ein wenig an einer Staffelei sitzt und zeichnet, Radio hört — und dennoch merken wir nicht, wie die Filmzeit verstreicht. Bemerkenswert, wie man das als Autor und Filmemacher schaffen kann; das ist wirklich große Kunst.

Thematisch nimmt Risi einige Elemente voraus, die Francesco Barilli einige Jahre später mit Mimsy Farmer in »Il profumo della signora in nero« noch expliziter und wirkungsvoller herausarbeiten sollte. Sebergs Figur leidet, so reimt man sich am Ende zusammen, offenbar an paranoider Schizophrenie. Ihre Ehe mit einem Deutschen, dessen Stimme wir nur auf Tonbändern hören (Renzo Palmer war der Sprecher), kriselt gewaltig, da sie herausgefunden hat, dass er eine Schwäche für nordafrikanische Jünglinge hat. Alleine in ihrem luxuriösen Apartment in Agadir scheint sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch und wird von alptraumhaften Visionen geplagt. Nach 24 Stunden, in denen sie versucht, sich ihre Situation zu erklären, entdeckt sie, dass ihr Mann tot und sie höchstwahrscheinlich die Mörderin ist.
Gedreht wurde ab Juni 1969 in Marokko, direkt in einer Hitzewelle — passend zum Titel des Films —, die dem Streifen einen beunruhigend-flirrenden Schmelz verleihen sollte. Im Juli mussten die Arbeiten aufgrund einer Erkrankung der Hauptdarstellerin für zehn Tage unterbrochen werden, um dann im August in Rom ihr Ende zu finden. Der Film lief 1971 gerade mal für eine Woche in einem einzigen US-Kino in New York. Auch in Brasilien, Mexiko und Frankreich gab es seinerzeit nur ein limitiertes Kino-Release. Obwohl der Streifen beim Internationalen Filmfestival von San Sebastián als Bester Film ausgezeichnet wurde, konnte er keinen Verleih fürs spanische Kino finden. Einzig in Italien wurde er vertrieben. Bis zum heutigen Tage schaffte Risis verschollenes Meisterwerk es nicht auf VHS, DVD oder gar Blu-ray. Aber eine gute Seele lud bei YouTube die erste und bis heute einzige TV-Ausstrahlung im italienischen Fernsehen hoch, so dass man, sofern man des Italienischen mächtig ist, diesen ungewöhnlichen Film dort genießen kann.

André Schneider

 

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