Filmtipp #422: Der vierte Mann

Der vierte Mann

Originaltitel: De vierde man; Regie: Paul Verhoeven; Drehbuch: Gerard Soeteman; Kamera: Jan de Bont; Musik: Loek Dikker; Darsteller: Jeroen Krabbé, Renée Soutendijk, Thom Hoffman, Dolf de Vries, Geert de Jong. Niederlande 1983.

de vierde man

Paul Verhoeven nannte »De vierde man« ein »spirituelles Prequel« zu seinem wohl berühmtesten Hollywood-Streifen »Basic Instinct« (1992). Tatsächlich weisen beide Filme erstaunliche Parallelen auf, viele Elemente sind quasi »gespiegelt«. Beide Filme haben bisexuelle Protagonisten, in beiden Fällen handelt es sich um Schreiberlinge — Sharon Stone ist als Catherine Tramell das weibliche Pendant zu Jeroen Krabbés Gerard Reve, gleichwohl aber auch dessen dunkler Schatten; die starke, überlegene Frau auf der einen, der gebrochene, schwache Mann auf der anderen Seite. »De vierde man« wurde trotz oder gerade wegen der zeternden Proteste aufgebrachter Katholiken zu einem Welterfolg und ermöglichte seinem Regisseur und dessen Kameramann Jan de Bont den Sprung nach Hollywood. Die beiden nahmen bei der Gelegenheit ihre Hauptdarstellerin Renée Soutendijk gleich mit; im Gegensatz zu ihrem Co-Star Krabbé und ihrem Regisseur blieb ihr der dortige Durchbruch versagt.
Der Vatikan spuckte Gift und Galle angesichts der vermeintlich respektlosen Bilder, mit denen Verhoeven seinen okkult aufgeladenen Thriller ausstaffierte. So sieht man in einer Traumsequenz etwa, wie Krabbé seinem angebeteten Adonis in den Schritt fasst und ihm die Unterhose auszieht, während dieser in Jesuspose an einem Kreuz hängt. In einer anderen Szene kommt es zu einer geradezu eruptiven erotischen Begegnung zweier Männer in einer Kapelle. Der geschmeidig-erotische Thom Hoffman erhielt den Zuschlag auf die Adonis-Rolle, weil er der einzige Schauspieler war, der Jeroen Krabbé beim Casting ohne zu zögern einen Zungenkuss gab. Die schwule Gemeinde feierte den anno 1983 hoch kontroversen Film und machte ihn zu einem instant cult classic. Besonders in den Vereinigten Staaten wurde »De vierde man« in mit Preisen überhäufter Hit — und das, obwohl Verhoeven den Film nach eigenen Aussagen nur gemacht hatte, um seinen Kritikern, die ihm stets vorgeworfen hatten, auf puren Kommerz aus zu sein, eins auszuwischen. Also arbeitete er mit seinem Autoren Gerard Soeteman die gleichnamige Novelle von Gerard Reve (!) zu einem doppelbödigen Erotikschocker um. Herausgekommen ist ein prickelnder, spannender, zuweilen vielleicht etwas zu symbolbeladener Film, den das »Empire Magazine« im Jahr 2010 auf Platz 93 der »100 Best Films of World Cinema« wählte.

Gerard Reve ist ein abgewrackter Alkoholiker und ein nicht gerade erfolgsverwöhnter Schriftsteller, der jeden Heller umdrehen muss. Während einer Vortragsreise lernt er die ebenso faszinierende wie kalte Blondine Christine (Soutendijk) kennen und verbringt eine Nacht mit ihr. Die war so gelungen, dass er der Versuchung, ein wenig mehr Zeit mit ihr zu verbringen, gerne nachgibt und sich zeitweise bei ihr einquartiert. An Christines Strandhaus ist ein Neonschild befestigt, auf dem »Sphinx« steht, doch es scheint kaputt zu sein, weil immer nur »Spin« zu lesen ist (das niederländische Wort für »Spinne«). Und während Gerard seine mysteriöse Gastgeberin immer besser kennen lernt, beschleicht ihn das ungute Gefühl, tatsächlich einer Spinne ins Netz gegangen zu sein — einer black widow, um genau zu sein. Denn Christine war bereits dreimal verheiratet, und all ihre Ehemänner verloren durch merkwürdige Unfälle ihr Leben. Gerard befürchtet, dass sich Christine bereits ein viertes Opfer ausgeguckt hat: Hermann (Hoffman), einen attraktiven Burschen, der Gerards schwule Anteile mobilisiert und den er keinesfalls verlieren möchte. Doch er ahnt nicht, wie aussichtslos sein Kampf gegen das Unerklärliche ist…
»De vierde man« beginnt mit der Großaufnahme einer Spinne, die ihr Netz an einem Kruzifix befestigt hat und sich dort über eine Fliege hermacht, und kulminiert in einem entsetzlichen Verkehrsunfall, der schwer wieder aus dem Kopf zu kriegen ist. Der Kunstfertigkeit Verhoevens ist es zu verdanken, dass man sie ganz sicher ist, ob wir es mit einem Alptraum, etwas Übernatürlichem oder schlicht und ergreifend einer nicht erklärbaren Realität zu tun haben.

André Schneider

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6 thoughts on “Filmtipp #422: Der vierte Mann

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