Filmtipp #281: Isadora

Isadora

Originaltitel: Isadora; Regie: Karel Reisz; Drehbuch: Melvyn Bragg, Clive Exton; Kamera: Larry Pizer; Musik: Maurice Jarre; Darsteller: Vanessa Redgrave, James Fox, Jason Robards, Ivan Tschenko, John Fraser. GB 1968.

isadora

Neben Kim Stanley in Séance on a Wet Afternoon, Romy Schneider in 10:30 P.M. Summer und Tippi Hedren in Marnie gab Vanessa Redgrave in »Isadora« die wohl beste Vorstellung einer Schauspielerin in einem englischsprachigen Film der 1960er Jahre. Die Aktrice erhielt für ihr erstaunliches Spiel nicht nur die Goldene Palme in Cannes und den Preis des Nationalverbandes der US-Kritiker, sie wurde auch für einen Golden Globe nominiert und bereits zum zweiten Mal für einen Oscar vorgeschlagen.
Isadora Duncan (1878-1927) war eine US-amerikanische Tänzerin, Exzentrikerin und der wohl berühmteste »Freigeist« ihrer Zeit. Als Künstlerin brach sie mit den Konventionen des klassischen Balletts und prägte ihren eigenen eindrucksvollen Tanzstil, bei dem sie »die Musik selbst vertanzte« und dessen größere Natürlichkeit sich unter anderem in freizügigen Kostümen niederschlug. Die vornehme Gesellschaft in den Vereinigten Staaten und später in Europa schwankte zwischen Bewunderung und Verachtung, eine Zwiespältigkeit, die Duncan durch ihren für damalige Verhältnisse sehr offenen Lebensstil noch förderte. Schnell entwickelte sie sich zu einer internationalen Berühmtheit. Ihre Aufsehen erregende Liaison mit einem sowjetischen Schriftsteller, ihre eher linken politischen Ansichten, zwei Ehen, die stürmische Beziehung zu dem Künstler Gordon Craig sowie der grauenvolle Unfalltod ihrer beiden kleinen Kinder überschatteten jedoch schon früh ihre Bühnenerfolge. Ebenso ungewöhnlich und spektakulär wie ihr Leben war auch ihr Tod: Während eines Aufenthalts an der Côte d’Azur verfing sich ihr langer Chiffon-Schal im Rad ihres Sportwagens und erdrosselte sie.
Aus dieser faszinierenden Künstler-Biographie entwickelten Karel Reisz (Night Must Fall) und Vanessa Redgrave, die für ihre Eigenwilligkeit und Unkonventionalität nicht minder bekannt war als Isadora Duncan selbst, einen interessanten, sehenswerten, aber nicht in allen Aspekten gelungenen Film — das vielschichtige Portrait einer ungewöhnlichen Frau, die ihrer Zeit weit voraus war und sich keiner Konvention beugte. Aufwendig und besonders in Sachen Kostüm und Ausstattung detailverliebt und präzise, kommt der Streifen jedoch unpassend schwer und zäh daher.

Weil dem Verleiher Universal die Rückblendenstruktur des 177 Minuten langen Films zu kompliziert erschien, wurde diese Originalfassung nur eine Woche im Jahre 1968 in Los Angeles gezeigt, damit sich der Streifen für die Oscars qualifizieren konnte. Kurz darauf brachte das Studio dann unter dem Titel »The Loves of Isadora« eine 129minütige Version in die Lichtspielhäuser, die in der »richtigen« Reihenfolge geschnitten worden war. Kein Wunder, dass das nunmehr verstümmelte Werk an den Kinokassen eine kapitale Pleite erlebte. Erst 1985 bekam Regisseur Reisz von einem kleinen Fernsehsender die Gelegenheit, seinen Film zu restaurieren — das Resultat war eine völlig neue Schnittfassung, deren Länge jetzt 153 Minuten betrug. Erst kürzlich erschien der ambitionierte Streifen mit einer Lauflänge von etwa 134 Minuten in England auf DVD. Da dies die einzige im Handel erhältliche Fassung ist, muss man als Zuschauer wohl in den sauren Apfel beißen.
Reisz und Redgrave hatten einigen Jahre zuvor schon bei Morgan — A Suitable Case for Treatment zusammengearbeitet.

André Schneider

 

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