Filmtipp #131: Protest

Protest

Originaltitel: Morgan — A Suitable Case for Treatment; Regie: Karel Reisz; Drehbuch: David Mercer; Kamera: Gerry Turpin, Larry Pizer; Musik: John Dankworth; Darsteller: Vanessa Redgrave, David Warner, Robert Stephens, Irene Handl, Bernard Bresslaw. GB 1966.

morgan

Eine schwarzhumorige Liebeskomödie über affenmäßigen Wahnsinn und das Tier im Manne: Morgan Delt (Warner) ist leicht bekloppt, ein verrückter Künstler mit einer starken Affinität zu Menschenaffen. Seine Herkunft — er entstammt der Arbeiterklasse — steht im krassen Gegensatz zu der steifen Bürgerlichkeit seiner Frau Leonie (Redgrave). Morgans Sperenzien gehen ihr dermaßen auf die Nerven, dass sie keinen anderen Ausweg sieht, als die Scheidung einzureichen. Den Eheausbruch seiner Frau nimmt Morgan noch kopfschüttelnd als freche Eskapade hin, doch als sie sich mit dem Kunsthändler Napier (Stephens) verheiraten möchte, dreht er durch und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um die Eheschließung zu verhindern: er entführt seine Ex-Frau, attackiert ihren Verlobten und versucht, dessen Mutter in die Luft zu sprengen. Die Turbulenz des Ganzen wird noch durch Bilder erhöht, die Regisseur Reisz aus diversen »Tarzan«- und »King Kong«-Filmen klaute und dazwischen schnitt…

Karel Reisz (Night Must Fall) war neben Tony Richardson, Lindsay Anderson und John Schlesinger der namhafteste Vertreter des Free Cinema und verstand sich besonders auf geschickte Schauspielführung. Diese schräge, für damalige Verhältnisse ausgesprochen frivole Komödie war ein Liebling der Kritiker und ein achtbarer Kassenerfolg. Für David Warner und Vanessa Redgrave (Un tranquillo posto di campagna), die beide jeweils vorher in nur einem Film aufgetreten waren (Warner in »Tom Jones« (Regie: Tony Richardson), Redgrave in »Behind the Mask« (Regie: Brian Desmond Hurst)), war »Morgan — A Suitable Case for Treatment« das entscheidende Sprungbrett für ihre internationalen Filmkarrieren. Redgrave wurde für ihre Leonie sogar für den Oscar nominiert und sah sich überraschenderweise der Konkurrenz ihrer Schwester Lynn gegenüber, die für »Georgy Girl« (Regie: Silvio Narizzano) vorgeschlagen war. Nachdem die Presse sich einen Spaß daraus gemacht hatte, die beiden Schwestern gegeneinander auszuspielen, verloren beide gegen Elizabeth Taylor, die die Statuette für »Who’s Afraid of Virginia Woolf?« (Regie: Mike Nichols) in Empfang nahm. Warner und Redgrave traten 1968 noch einmal gemeinsam in einer Tschechow-Verfilmung von Sidney Lumet vor die Kameras, doch ihre Karrieren entwickelten sich schließlich völlig unterschiedlich; für Warner blieb »Morgan — A Suitable Case for Treatment« die erste und einzige Hauptrolle auf der Kinoleinwand.

André Schneider

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