Filmtipp #127 & #128: I killed my mother & Herzensbrecher

I killed my mother

Originaltitel: J’ai tué ma mere; Regie: Xavier Dolan; Drehbuch: Xavier Dolan; Kamera: Stéphanie Anne Weber-Biron; Musik: Nicholas Savard-L’Herbier; Darsteller: Anne Dorval, Xavier Dolan, Niels Schneider, Monique Spaziani, François Arnaud. Kanada 2009.

j'ai tué ma mère

Herzensbrecher 

Originaltitel: Les amours imaginares; Regie: Xavier Dolan; Drehbuch: Xavier Dolan; Kamera: Stéphanie Anne Weber-Biron; Darsteller: Monia Chokri, Xavier Dolan, Niels Schneider, Anne Dorval, Anthony Huneault. Kanada 2010.

les amours imaginaires

Zwei Filme, die unumstößlich zum Besten gehören, was das Kino seit der Jahrtausendwende hervorgebracht hat, sind diese Erstlingswerke des jungen Franco-Kanadiers Xavier Dolan, über den ich hier bereits schrieb. Man kann über »J’ai tué ma mère« und »Les amours imaginaires« nicht schreiben, ohne ihre ästhetische Extravaganz und die stilorientierte Erzählsicherheit des Regisseurs zu erwähnen, die umso erstaunlicher ist, wenn man sein junges Alter bedenkt. (Er war 19, als er mit »J’ai tué ma mère« debütierte.) Weltweit gefeiert und mit Preisen überhäuft, sind beide Werke unumgänglich für jeden Filmfreund.

In dem autobiographisch angehauchten »J’ai tué ma mère« geht es um eine allein erziehende Mutter (Anne Dorval), die mit ihrem Sohn Hubert (Dolan), einem frühreifen Künstler, im Dauerclinch liegt. Hubert hält seine Mutter für kleingeistig, erträgt es kaum, ihr beim Essen zuzusehen und verabscheut ihren Geschmack, die kitschig eingerichtete Wohnung und ihre Pullover. In der Schule erzählt er, seine Mutter sei tot. Der 17jährige ist überheblich und erratisch, sie versteht ihn nicht mehr. Dass er homosexuell ist, erfährt sie als Letzte. Zwischen lautstarken Schreigefechten und der letzten Lösung, einer Abschiebung ins Internat, gibt es jedoch auch immer wieder Momente tiefer Zärtlichkeit, wie es sie nur zwischen Mutter und Sohn geben kann.
     »J’ai tué ma mère« ist aufwühlend, mitreißend und so, so wahr. Die Hassliebe, die viele junge Männer — besonders jene, die künstlerisch arbeiten — mit ihrer Mutter verbindet, kenne ich gut aus meiner eigenen Teenagerzeit. Das Drehbuch schrieb Dolan mit 17, es dauerte zwei weitere Jahre, ehe mit den Dreharbeiten begonnen werden konnte. Das Ergebnis ist ein Riesenspaß, lustig, hysterisch, verträumt, übermütig. Die »Süddeutsche Zeitung« urteilte: »Voller Schönheit, Phantasie, Witz und Präzision — wahrhaftig wie ein Bekenntnis, grandios!«

Marie (Monia Chokri) und Francis (Dolan) sind beste Freunde. Dies ändert sich, als ihnen Nicolas (Niels Schneider) begegnet. Der junge Mann mit den blonden Locken verzaubert die beiden regelrecht, sie tun alles, um ihm zu gefallen, beschenken und umgarnen ihn — und versuchen dabei, einander auszustechen. Nicolas indes genießt das Umschwärmtsein und spielt mit der Sehnsucht der beiden. Ein Kurztrip aufs Land bringt für Francis und Marie schließlich das große Erwachen…
     Der in Montréal, Portneuf und Sainte-Croix gedrehte Streifen über das Verliebtsein in die Liebe kostete zwei Millionen Dollar. Dolan übernahm nicht nur Regie, Drehbuch, Hauptrolle und Produktion, sondern auch noch die Ausstattung, die Kostüme und den Schnitt. Die Presse überschlug sich mit Lobeshymnen, der Jungfilmer wurde mit François Truffaut und Wong Kar-Wai verglichen. Die »Süddeutsche Zeitung« schwärmte diesmal: »Eine Liebeserklärung! Ein Meisterwerk!« und lobte die »pointierten Dialoge, die visuellen Capriccios und eine Wahrhaftigkeit, die mitten ins Herz enttäuschter Liebe zielt.«
     Mich erfreute bei »Les amours imaginaires« die Unbekümmertheit, das Freche; die göttlichen Farben evozierten Erinnerungen an die schönsten Werke Almodóvars und Fellinis, die Zeitlupensequenzen erfüllen keinen anderen Zweck als den der unsterblichen Schönheit. Dolans Werke sind ein Triumph des Stils über die Substanz. Und Dalida singt dazu einen Cher-Song auf Italienisch. Dafür wurde Kino erfunden!
     In einem Kurzauftritt ist hier übrigens Louis Garrel zu sehen, seit seinen Filmen mit Christophe Honoré einer der Spitzenstars Frankreichs. Dolans neuester Regiestreich trägt den schönen Titel »Laurence Anyways« (2012) und schließt in seiner traumwandlerischen Stilsicherheit nahtlos an die ersten beiden Meisterwerke an.
     Kleiner Tipp: Die deutsche Synchronfassung ist bei beiden Filmen nicht besonders gut. Das kanadische Französisch ist allerdings selbst für Franzosen nur untertitelt zu verstehen. Schaut die Filme im Original mit Untertiteln, aber um Himmels Willen: schaut sie!!

André Schneider

Filmtipp #126: Barfuß im Park

Barfuß im Park

Originaltitel: Barefoot in the Park; Regie: Gene Saks; Drehbuch: Neil Simon; Kamera: Joseph LaShelle; Musik: Neal Hefti; Darsteller: Jane Fonda, Robert Redford, Mildred Natwick, Charles Boyer, Herb Edelman. USA 1967.

Barefoot in the Park

»Barefoot in the Park« war zwar mitnichten Neil Simons erstes Stück gewesen, wohl aber sein erster durchschlagender Erfolg: Vier Jahre lang, von 1963 bis 1967 (1.532 Aufführungen!), wurde die Komödie ununterbrochen am Broadway gespielt und verhalf dem blutjungen Robert Redford in der Rolle des steifen Anwalts Paul Bratter zum Durchbruch. Heute ist Neil Simon längst ein Klassiker, der finanziell erfolgreichste Komödienautor Amerikas. Sein Name wurde zum Synonym für Situationskomik mit menschlichem Hintergrund. Stars wie Jack Lemmon und Walter Matthau fanden in seinen Stücken ihre dankbarsten Rollen. Viermal wurde er, der frühzeitig begann, seine Bühnenstücke in hollywoodgerechte Drehbücher umzuschreiben, für einen Oscar nominiert; für sein Stück »Lost in Yonkers« erhielt er den Pulitzer-Preis. Bis heute werden seine Stücke »The Odd Couple«, »The Sunshine Boys« oder eben »Barefoot in the Park« immer wieder neu inszeniert. Wann immer man einen Broadway-Spielplan zur Hand nimmt, gibt es dort mit Sicherheit (mindestens) ein Neil-Simon-Stück im Programm.
     Der ehemalige Schauspieler (und Ehemann von »Golden Girl« Beatrice Arthur) Gene Saks sollte mit der von Hal B. Wallis (»Casablanca«, 1942) produzierten Hollywood-Adaption des Bühnenhits sein erfolgreiches Regiedebüt geben, denn auch auf der Leinwand wurde »Barefoot in the Park« ein zündender Kassenschlager und schaffte es immerhin auf Platz 6 der erfolgreichsten Streifen des Jahres 1967. Der sagenhafte Erfolg geht fast gänzlich auf das Konto des erstklassigen Darstellerensembles. Am Broadway hatte die quirlige Elizabeth Ashley die Rolle der Corie gespielt und damit Kritiker wie Zuschauer vom Hocker gerissen, Produzent Wallis bestand für die Verfilmung jedoch auf einen waschechten Filmstar und engagierte Jane Fonda, die sich wiederum dafür stark machte, dass zumindest der Bühnen-Paul seine Rolle vor der Filmkamera wiederholen durfte. Auch Mildred Natwick, die in der Broadway-Aufführung Cories Mutter Ethel gespielt hatte, bekam die entsprechende Rolle im Film und dankte es mit einer Spitzenleistung, die mit einer Oscarnominierung geadelt wurde.
     Redford, der seine Rolle gehasst haben soll, gelang als Paul Bratter erfolgreich der Einstieg ins Filmgeschäft, und auch Jane Fondas Starstatus wurde durch den Erfolg nachhaltig gefestigt. In Nebenrollen sind Mabel Albertson und der unvergleichlich witzige Herb Edelman (dem späteren Stan Zbornak, Ex-Mann Dorothys in »Golden Girls«) zu bewundern. Auch er hatte in der legendären Broadway-Inszenierung (Regie: Mike Nichols) gespielt.
     »Barefoot in the Park« gilt als eine der schönsten Liebeserklärungen, die das Kino je der Stadt New York gemacht hat — und entstand fast vollständig in den Paramount Studios in Hollywood. Lediglich für ein paar Außenaufnahmen schickte man ein stark reduziertes Team für gerade einmal zwei Wochen an die Ostküste.

In »Barefoot in the Park« geht es um das alte Naturgesetz, dass sich Gegensätze zwar anziehen, ein Zusammenprall aber auch problematisch sein kann. Es beginnt mit der Hochzeitsnacht, die das frisch gebackene Ehepaar Bratter in New Yorks Plaza Hotel — einem bevorzugten Handlungsort von Neil-Simon-Stücken — in stürmischer Leidenschaft verbringt; selbst das Hotelpersonal kriegt das verliebte Paar tagelang nicht zu Gesicht. Als die Tür sich endlich wieder öffnet, darf der Zuschauer bezeugen, wie verschieden die Jungverheirateten sind: Corie ist sexy, verspielt, immer zu Streichen aufgelegt, Paul dagegen korrekt, pflichtbewusst und leicht aus der Fassung zu bringen. Auch als die beiden Turteltauben ihre putzige kleine Wohnung im fünften Stock (ohne Aufzug, ein running gag des Films) beziehen und — obschon vom Treppensteigen ständig außer Atem — nicht zu trennen sind, ahnen wir Zuschauer, dass hier Feuer und Wasser aufeinander treffen und es gewaltig zischen wird. Das Auftauchen eines französischen Bonvivants (Charles Boyer), der darauf besteht, seine Mansarde auf dem Umweg durch das Schlafzimmer der Bratters zu erreichen, und der Auftritt der ebenfalls vom Erklimmen des Treppenhauses völlig fertigen Mutter der Braut tragen nicht gerade zur Verbesserung des immer frostiger werdenden Klimas bei. Während die Schneeflocken durch das zerbrochene Dachfenster direkt auf die Couch der beiden rieseln, weicht die Hitze der ersten Leidenschaft einer nüchternen Einschätzung der Lage und des Ehepartners. Corie hält Paul für steif und langweilig, wollte er doch nicht einmal barfuss mit ihr den Washington Park durchqueren. Er dagegen findet sie verantwortungslos und hysterisch und erwägt nach einer alkohol- und streitdurchwachter Nacht den Auszug aus dem erkalteten Liebesnest.
     Natürlich geht alles gut aus, und natürlich sind die Wortgefechte, im Stil einer altmodischen screwball comedy gehalten, keine Exkurse in die komplizierte Psyche der Protagonisten, Neil Simon ist schließlich kein Tennessee Williams. Dennoch lebt die Komödie auch fünf Jahrzehnte später noch von den kleinen Spitzfindigkeiten, die Simon in seine Dialoge legte, um durch Übertreibungen das unverzichtbare Körnchen Wahrheit erkennbar zu machen.
     Einer meiner persönlichen all-time favourites, und eine der schönsten Komödien der Filmgeschichte.

André Schneider

Filmtipp #125: Die neunschwänzige Katze

Die neunschwänzige Katze

Originaltitel: Il gatto a nove code/The Cat O’Nine Tails; Regie: Dario Argento; Drehbuch: Dario Argento; Kamera: Erico Menczer; Musik: Ennio Morricone; Darsteller: Karl Malden, James Franciscus, Horst Frank, Catherine Spaak, Pier Paolo Capponi. Italien/Frankreich/BRD 1971.

il gatto a nove code

Argento bezeichnete »Il gatto a nove code« — nach L’uccello dalle piume di cristallo und vor 4 mosche di velluto grigio der zweite Teil seiner Tier-Trilogie — wiederholt als seinen schlechtesten Film, aber man muss dem großen Meister ja nicht immer zustimmen. Fakt ist, dass der Film im Vergleich zu L’uccello dalle piume di cristallo oder »Profondo rosso« (1975) recht konventionell geraten ist. (Es ist der einzige Film Argentos, der in keinem Land zensiert wurde!) Dennoch bietet die mit einer Million US-Dollar budgetierte deutsch-französisch-italienische Co-Produktion spannende Unterhaltung und wartet zudem noch mit Karl Malden (I Confess) in einer für ihn ziemlich untypischen Rolle auf.
     Der Ex-Journalist Franco Arno (Malden) lebt mit seiner kleinen verwaisten Nichte Lori (Cinzia De Carolis) in Rom und bestreitet seit seiner Erblindung seinen Lebensunterhalt mit der Erstellung von Kreuzworträtseln für eine Tageszeitung. Bei einem nächtlichen Spaziergang wird er Ohrenzeuge einer erpresserischen Unterhaltung zweiter Personen in einem parkenden Auto. Lori gelingt es, sich das Gesicht des Erpressers einzuprägen, den Erpressten kann sie leider nicht erkennen. Der Wagen parkt vor einem medizinisch-biologischen Institut, das gerade in einer von der Regierung in Auftrag gegebenen Forschungsreihe den Beweis für die Existenz eines »XYY-Chromosoms«, einer angeborenen Veranlagung zur Kriminalität, erbringen soll. Noch in dieser Nacht wird in der Forschungseinrichtung eingebrochen. Dieser Einbruch bildet den Auftakt zu einer immer grausamer werdenden Mordserie an den an dem Projekt beteiligten Wissenschaftlern. Gemeinsam mit dem Reporter Carlo Giordani (James Franciscus) nimmt sich Franco der Sache an und stößt bald auf den Leiter des Instituts, Professor Fulvio Terzi (Tino Carraro) und dessen Tochter Anna (blass und fade: Catherine Spaak)…

Man kann den Film natürlich kritisieren, ihn »zu zahm« schimpfen oder ihm ankreiden, dass er sich in seiner komplexen Geschichte und den verschiedenen Handlungssträngen zu sehr verzettelt, und natürlich ist Anna Terzi die mit Abstand uninteressanteste Frauenfigur in einem Argento, dennoch bleibt der Regisseur seinen Grundthemen, das Wesen der Gewalt zu erforschen und sich auf pseudowissenschaftliche Erkenntnisse zu stützen, treu, und auch an seinem Grundsatz »Stil über Substanz!« wird hier nicht gerüttelt. Gedreht wurde »Il gatto a nove code« auf Englisch, um seine Chancen auf dem internationalen Markt zu erhöhen. Zudem hatte Argento mit Karl Malden und dem smarten James Franciscus zwei durchaus kassenträchtige US-Stars auf seiner Besetzungsliste. Das Publikum mochte den stilsicheren Streifen und machte ihn zu einem der kommerziell erfolgreichsten des Altmeisters.
     Und übrigens: Morricones Musik ist traumwandlerisch schön!

André Schneider